27.623 Anträge auf Eheschließung von Minderjährigen im Jahr 2019 gestellt.

Eheschließungen von Minderjährigen sind ein gesellschaftliches Phänomen.

1587
Staatsanwalt
Generalstaatsanwalt des Kassationsgerichtshofs, Präsident der Staatsanwaltschaft, Moulay El Hassan Daki

Anträge und Genehmigungen erreichen besorgniserregendes Niveau aus Sicht des Generalstaatsanwaltes.

Marrakech – Die Verheiratung von Minderjährigen ist ein hochaktuelles Phänomen in der marokkanischen Gesellschaft, da es sich direkt auf die Rechte von Heranwachsenden, vornehmlich jungen Frauen oder Mädchen auswirkt, wie sie in den bekannten internationalen Konventionen (Anm. des Autors: Internationalen Konvention über die Rechte des Kindes (CRC)) festgelegt sind, sagte am Montag, den 12. April 2021 in Marrakesch, der Generalstaatsanwalt des Kassationsgerichtshofs, Präsident der Staatsanwaltschaft, Moulay El Hassan Daki.

In seiner Rede zur Eröffnung einer diesem Thema gewidmeten Konferenz in der Königsstadt Marrakech, wies Herr Daki darauf hin, dass Marokko die Heirat von Minderjährigen einer vorherigen gerichtlichen Prüfung und Genehmigung unterwirft. Die Gerichte erteilen Ausnahmegenehmigungen je nach Einzelfall, oder eben nicht. Sie müssen ihre Entscheidung und die Gründe für die Genehmigung oder Nichtgenehmigung der Eheschließung begründen. Zuvor sind alle Parteien anzuhören, darunter die Eltern, und es sind auch entsprechende psychische oder soziale Gutachten einzuholen und zu bewerten, um stets die Interessen der Minderjährigen zu verteidigen.

Anträge auf Eheschließungen von Minderjährigen steigen und werden auch zunehmend positiv beschieden.

Statistiken und offizielle Berichte weisen darauf hin, dass die Gerichte eine Zunahme von Anträgen auf Genehmigungen für die Eheschließung von Minderjährigen verzeichnen, stellte der Generalstaatsanwalt fest. Im Jahr 2019 gingen, nach seinen Angaben, bei den Gerichten rund 27.623 Anträge auf Genehmigung von Eheschließungen von Minderjährigen ein, wie auch aus dem Bericht des Präsidiums der Staatsanwaltschaft für das genannte Jahr hervorgeht.

„Als Juristen sind wir nicht verantwortlich für die alarmierende Zahl von Anträgen auf Genehmigung von Eheschließungen von Minderjährigen, ein Phänomen, das mit mehreren soziokulturellen und wirtschaftlichen Ursachen in Zusammenhang steht. Auf der anderen Seite sind wir für die Anzahl der erteilten Genehmigungen verantwortlich, was uns alle herausfordert und verlangt, dass wir diese außergewöhnliche gesetzliche Ermächtigung nicht inhaltlich aushöhlen“, sagte er. Und um das fortzusetzen, obliegt es auch den Richtern, das oberste Interesse des Kindes zu berücksichtigen. Zumal die Situation die Arbeit aller Akteure, die sich für den Schutz der Kinderrechte einsetzen, in Frage stellt und von ihnen verlangt, dass sie ihre Bemühungen zur Beendigung dieses sozialen Phänomens intensivieren.

Marokko – Ehe von Minderjährigen soll abgeschafft werden.

Eine diagnostische Studie ist in Arbeit.

Nachdem er das Projekt der Staatsanwaltschaft zur Durchführung einer diagnostischen Studie über die Eheschließung von Minderjährigen hervorgehoben hatte, die Licht auf die reale Situation des Phänomens werfen soll, stellte Herr Daki fest, dass die offiziellen Statistiken die Realität nicht wirklich widerspiegeln, da es Fälle von Eheschließungen von Minderjährigen gibt, die unbemerkt und nicht offiziell berücksichtigt werden, wie z.B. Gewohnheitsehen.

Das Präsidium der Staatsanwaltschaft glaubt an die Vorteile des kooperativen Vorgehens, da die Verheiratung von Minderjährigen ein soziales Phänomen ist, bei dem soziale, wirtschaftliche, religiöse und kulturelle Faktoren ineinandergreifen, sagte er und wies auf die Bedeutung der Zusammenarbeit zwischen dem Präsidium der Staatsanwaltschaft und dem Ministerium für nationale Bildung, Berufsausbildung, Hochschulbildung und wissenschaftliche Forschung hin. Dies ebnet den Weg für einen partizipativen Ansatz zur effektiven Bekämpfung des Schulabbruchs, der in direktem Zusammenhang mit der Zunahme der Fälle von Verheiratung von Minderjährigen steht.

In diesem Zusammenhang wies Moulay Ahmed Karimi, Direktor der Regionalen Akademie für allgemeine und berufliche Bildung (AREF) von Marrakesch-Safi, darauf hin, dass die Zahl der Schüler, die die Schule in der Primar-, Sekundar- und Hochschulstufe in der Region Marrkech frühzeitig verlassen haben, bei ca. 26.000 Betroffene liegt, darunter 12.357 Mädchen, von denen 73 % aus ländlichen Gebieten stammen. Nicht selten, weil die Mädchen in die Ehe gehen.

In Marokko liegt das gesetzliche Mindestalter für eine Eheschließung bei 18 Jahren und wurde erst 2004 im Zuge der Reform, des Familienrechts angehoben.

Empfohlener Artikel