Algerien – Demonstranten fordern eine „neue Revolution“.

Aktivisten ziehen Parallele zum Widerstand gegen die Kolonialmacht.

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Algerien
Großdemonstrationen in Algerien

Demonstranten vergleichen heutigen Kampf mit dem Widerstand in der Kolonialzeit.

Algier – Eine Flut an Demonstranten bewegte sich am vergangenen Freitag durch das Zentrum der Hauptstadt Algier, um eine „neue Revolution“ zu fordern und dies auf den Tag genau 65 Jahre nach Beginn des bewaffneten Kampfes gegen den französischen Kolonialismus. Das Fehlen einer überprüfbaren Zählung machte es unmöglich, die genaue Anzahl der Demonstranten zu nennen. Aber an diesem 37. aufeinander folgenden Freitag der Demonstrationen war die Mobilisierung ähnlich wie auf dem Höhepunkt des „Hirak“, der beharrlichen Protestbewegung gegen das Regime in Algerien, die seit dem 22. Februar 2019 einiges bewegt hat und noch lange nicht am formulierten Ziel angekommen ist. Erneut waren das Stadtzentrum und der Vorplatz an der „Grand Post“, im Herzen von Algier, die zentrale Anlaufstelle. Die Demonstranten sangen „Algerien will seine Unabhängigkeit“, „das Volk will seine Unabhängigkeit“. Erst nach mehreren Stunden lösten sich die Menschenmassen friedlich wieder auf.

Sicherheitskräfte versuchten Anreise zu behindern.

Am 1. November 1954 startete die neu geschaffene Nationale Befreiungsfront (FLN) die „Algerische Revolution“ und den bewaffneten Unabhängigkeitskampf, mit einer Reihe gleichzeitiger Angriffe auf algerischem Territorium gegen die Sicherheitsdienste Frankreichs. Das als „Fest der Revolution“ erklärte Datum ist ein Feiertag in Algerien.

„#Hirak_des_November_1st“, „#Wir müssen in die Hauptstadt eindringen“

In den letzten Tagen hatten diese neuen Hashtags auf Arabisch die Algerier aufgefordert, sich massiv in Richtung Hauptstadt zu bewegen. Viele von ihnen kamen aus anderen Regionen des Landes, trotz der Staus aufgrund der vielen Polizeikontrollen an den Einfahrtsstraßen zu Algier oder des stark eingeschränkten Schienenverkehrs in die Hauptstadt am vergangenen Freitag.

Aktivisten ziehen Parallele zum Widerstand gegen die Kolonialmacht.

Tage zuvor forderten Aktivisten durch viele „digitale Werbeschriften“ in sozialen Netzwerken eine massive Mobilisierung und zogen zwischen dem 1. November 1954 und 2019 eine Parallele. „Ihr seid alle betroffen“, riefen sie das algerische Volk auf, sich darauf vorzubereiten, die Hauptstadt am Freitag, den 1. November, millionenfach und aus allen Wilayas (Präfekturen) zu stürmen (…), „bis alle Räuber von der Macht vertrieben wurden.“ „Die Geschichte wiederholt sich. 1. November 1954-2019. 48 Wilayas in der Hauptstadt“ für einen neuen „Befreiungskrieg“, liest man auf einigen. Laut Medienberichten und Posts in sozialen Netzwerken fanden in vielen Städten des Landes ebenfalls große Demonstrationen statt. Seitdem die Demonstranten den Rücktritt von Präsident Abdelaziz Bouteflika Anfang April erwirkt haben, ist der „Hirak“, eine „Bewegung“ ohne offizielle Struktur oder Führung, nicht abgeschwächt und fordert nun den Abbau des seit 1962 bestehenden „Systems“.

Algier
Erinnerung an den Kampf gegen die Kolonialmacht Frankreich und Aufruf zur neuen Revolution

Präsidentschaftswahl wird abgelehnt.

Die Demonstranten lehnen die Präsidentschaftswahl, die am 12. Dezember 2019 stattfinden soll, um einen „legitimierten“ Nachfolger für Abdelaziz Bouteflika zu finden, entschieden ab, da sie nur das jetzige „System“ wiederbeleben würde. Die Regierung hoffte, die Forderungen des „Hirak“, mit dem Ausscheiden von Ex-Präsident Bouteflika und der Inhaftierung von mutmaßlichen „korrupten“ Persönlichkeiten, erfüllt zu haben und versucht das Ausmaß der Bewegung klein zu reden. Am Mittwoch versicherte General Ahmed Gaïd Salah, Chef der Armee und aktuell der starke Mann des Landes, dass die Abstimmung von den Bürgern voll unterstützt werde. Eine Behauptung, die durch den Slogan „Geh mir aus dem Weg Gaïd Salah! Es wird in diesem Jahr keine Abstimmung geben“, der auf den Straßen skandiert wurde, bezweifelt werden muss. Auch die Aussage des Übergangspräsident Bensalah gegenüber Russlands Präsidenten Putin, in der er von einer kleinen Gruppe sprach, wurde am Freitag widerlegt.

 

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