Algerien – Frankreich stellt sich seiner Schuld aus dem Algerienkrieg.

Historisches Bekenntnis Frankreichs Algerien Unrecht angetan zu haben.

Präsident Macron stellt sich den Gräueltaten während der Kolonialzeit in Algerien.

Paris – Der amtierende französische Präsident Emmanuel Macron hat sich zur historischen Schuld seines Landes im Algerienkrieg geäußert.  Rund 60 Jahre nach Ende der französischen Besatzung Algeriens durch die Kolonialmacht Frankreich geht Präsident Macron in seiner Bewertung der Geschehnisse weiter als alle seine Vorgänger. In einer Stellungnahme gestand der Präsident die Folter von algerischen Bürgern durch französische „Beamte“ klar ein. Bis heute gehören die Ereignisse in Algerien und die Schuldfrage von französischen Staatsbürgern zu den großen innenpolitischen Tabus.

Unabhängigkeitskampfs
Kampf um Unabhängigkeit Algeriens gegen Frankreich

Macron besucht Witwe eines Folteropfers

In einer Geste machte der Präsident auf die Schuld seines Landes aufmerksam und gab den Opfern ein Gesicht. In den acht Jahren des Algerienkrieges von 1956 bis 1962 wurden unzählige Bürger verhaftet, gefoltert und verschwanden teils für alle Ewigkeit, unter ihnen auch Maurice Audin.

Der Präsident besuchte am letzten Donnerstag Josette Audin, Witwe von Maurice Audin, einem Akademiker, der sich als Pazifist für die Unabhängigkeit Algerien einsetzte. Am 11. Juni 1957 wurde der Familienvater von französischen Soldaten verhaftet und, wie Präsident Macron nun bestätigte, gefoltert sowie letztendlich getötet.  Der Präsident bat nun im Namen der Republik bei Audins Witwe um Vergebung für diese Tat. In einem offenen Brief schreib der Präsident: „Die französische Republik gesteht, dass Maurice Audin gefoltert und schließlich hingerichtet wurde von den Soldaten, die ihn verhaftet haben. Sein Tod wurde möglich, durch ein institutionell organisiertes System von Verhaftungen.“

Historisches Bekenntnis Frankreichs Algerien Unrecht angetan zu haben.

Der offene Brief und der Besuch bei der Witwe werden und können als historisch angesehen werden. Der Fall Audin fiel in eine Zeit, als das französische Parlament die Kolonialregierung in Algier damit beauftragte, alle erdenklichen Maßnahmen zu ergreifen, die Aufstände niederzuschlagen.

Der Präsident gesteht jetzt auch politisch ein, was unter Historikern schon lange als gesichert galt. Frankreich hat systematisch die Instrumente der Folter und letztendlich des politischen Mordes eingesetzt. In dieser Zeit verschwanden tausende von Algerien und Franzosen. Viele dieser Vorfälle und Umstände sind unaufgeklärt oder wurden bisher geheim gehalten. Präsident Macron fordert in seinem Brief die Franzosen dazu auf, sich dieser Vergangenheit „mit Mut und Klarheit“ zu stellen.

Frankreich öffnet seine Archive.

Während der Kolonialzeit und vor allem während des Algerienkrieges soll es laut Frankreich ca. 400.000 Opfer auf beiden Seiten gegeben haben. Die algerische Regierung spricht von mindestens einer Million alleine an algerischen Opfern. Nun bekommen Historiker mehr Möglichkeiten die Hintergründe zu erforschen. Dafür hat der Präsident an diesem Wochenende angekündigt, die bisher verschlossenen Archive zu öffnen. Ob sich dadurch etwas in Frankreich oder gar im Verhältnis zu Algerien ändert, wird von der Art und Weise abhängig sein, wie man sich in der ehemaligen Kolonialmacht der Vergangenheit und ggf. beschämenden neuen Erkenntnissen stellt.