Algerien – Großdemonstrationen gegen das Regime im ganzen Land.

Hirak fordert Freilassung von Inhaftierten.

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Hirak
Demonstrationen des Hirak in Algerien gehen weiter.

Die Hirak – Demonstrationen für einen Politikwechsel und gegen das herrschende Regime in Algerien gehen weiter.

Algier – Seit Wochen gehen die Menschen in zahlreichen Städten und Orten Algeriens wieder auf die Straße. Nach einer monatelangen Unterbrechung, bedingt durch die Coronavirus – Pandemie, gehen Algerierinnen und Algerier wieder jeden Freitag auf die Straße, um gegen die herrschende Elite und das Regime zu demonstrieren. Der Hirak, was übersetzt soviel wie „Bewegung“ bedeutet, fordert an jedem Freitag den vollständigen Rückzug der Regierung, die Beschneidung der Macht des Militärs und den Kampf gegen die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse im Land. In diesen letzten Wochen bekam eine alte Forderung wieder mehr Gewicht. Noch im Februar und nach dem Wiederaufflammen der Proteste reagierte Präsident Tebboune schnell und löste das Parlament auf, um Neuwahlen einleiten zu können. Zugleich ließ er rund 60 Inhaftier frei, die im Zusammenhang mit den Protesten festgenommen und teils zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt wurden.

Hirak fordert Freilassung von Inhaftierten.

Doch in den letzten Wochen kam es auch zu neuen Festnahmen, so dass sich inzwischen die Gefängniszellen längst wieder gefüllt haben. Laut der Vereinigung zur Unterstützung politischer Gefangener – CNLD (Comité National pour la Libération des Détenus) befinden sich 23 Inhaftiert, seit Anfang April, in einem Hungerstreik. Die Organisation führt auf ihrer Facebook-Seite eine Liste aller ihr bekannten inhaftierten Aktivisten, die erschreckend lang ausfällt. Bei den gestrigen Demonstrationen trugen daher zahlreiche Demonstranten Plakate und Poster mit den Gesichtern und Namen von Verschwundenen und Inhaftierten vor sich her.

Demonstranten erheben „Gemüse“ zum neuen Symbol der Situation im Land.

Wer gedacht hatte, dass sich die Protestbewegung „Hirak“ zunehmend in einer Erschöpfung hineinläuft, der irrt. Die Initiatoren und kreativen Köpfe hinter der Bewegung sorgen durch direkte Bezüge zu aktuellen Entwicklungen dafür, dass die Demonstrationen aktuell bleiben. Auch an diesem Freitag wurden neue Plakate gezeigt, die die Lage auf dem Gemüsemarkt aufgriffen. Gerade zum Beginn des für Muslime heiligen Fastenmonats Ramadan stieg der Preis z.B. für Kartoffeln derart, dass sich viele Kartoffeln plötzlich nicht leisten können. Nach algerischen Medienberichten stieg der Preis auf bisher unbekannte Höhen von 100 algerische Dinar pro Kg (ca. 0,62 EURO*). Diese Entwicklung sei ein Beweis für die Unfähigkeit der Regierung und vor allem für die Unglaubwürdigkeit des Regimes, dass gerade zum Ramadan festgestallt haben will, dass die Lebensmittelpreise nicht gestiegen seien. Beobachter vor Ort berichten, dass die Kartoffelpreise in mehreren Städten zeitweise bei fast 130 algerische Dinar, ca. 0,81 EURO* lagen. Angesichts der relativ geringen Kaufkraft der Menschen, in dem eigentlich wohlhabenden nordafrikanischen Land, ein sehr hoher Preis.

Algerien
Hirak – Proteste gehen auf aktuelle Themen ein.

Wirtschaftliche Situation zunehmend angespannt.

Zuvor hatte sich die Regierung mehrfach dazu verpflichtet, den Anstieg der Lebensmittelpreise zu dämpfen, so dass sich vor allem während des Ramadans, jeder alle gängigen Lebensmittel leisten kann. Eine Verpflichtung, die trotz aller Versprechungen nie eingehalten wurde. Die Sorge der Bürgerinnen und Bürger sich zunehmend selbst Grundnahrungsmittel nicht mehr leisten zu können, wird noch verstärkt, da viele sich, aufgrund der Reduzierung der vom Staat subventionierten Lebensmittel, bereits zuvor teuer gewordene Produkte wie Fleisch, Fisch und traditionelle Süßigkeiten nicht mehr leisten konnten. Viele Produkte werden auch nicht im Land hergestellt, sondern müssen teuer importiert werden. Der niedrige Weltmarktpreis für Erdgas und Rohöl, beide sind die wichtigsten Exportgüter des Landes und machen den größten Teil der Einnahmen Algeriens aus, die politische Instabilität und die Corona-Pandemie zwangen die Regierung dazu, Importe einzuschränken. Hinzu kommt der langsame aber stetige Wertverlust der Landeswährung. Binnen eines Jahres verlor der algerische Dinar offiziell mehr als 14% gegenüber dem EURO an Wert. Auf dem Schwarzmarkt ist der Verlust noch größer. Das treibt die Preise im Land zusätzlich.

*Wechselkurs Stand 23. April 2021

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