Marokko – Angestellte Lehrer kündigen dreitägige Demonstrationen an.

Ausweitung der Bildungsdebatte in Marokko

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Lehrer
Drei große Lehrergewerkschaften organisieren die Demonstration.

Lehrer demonstrieren ab heute bis zum kommenden Mittwoch in der marokkanischen Hauptstadt Rabat.

Rabat – Die Auseinandersetzung zwischen Lehrern im Angestelltenverhältnis und dem Bildungsministerium bzw. der marokkanischen Regierung läuft auf einen neuen Höhepunkt zu.

Für die kommenden drei Tage haben die Lehrer einen Streik und mehrere Demonstrationen in der marokkanischen Hauptstadt Rabat angekündigt. Vom 8. bis zum 10. April will man den eigenen Forderungen auf den Straßen der Hauptstadt Nachdruck verleihen. Seit Anfang Februar demonstrieren und streiken die Lehrer im Angestelltenverhältnis, um die Übernahme in den Beamtenstatut zu erreichen. Dies verweigert die Regierung und droht den Lehrern ihrerseits mit Gehaltskürzungen oder Kündigung.

Der selbsternannte „Koordinationsrat der Lehrkräfte im Angestelltenverhältnis (CNPCC)“ drohte bereits damit, den Streik um eine weitere Woche zu verlängern.

Die Forderungen der Lehrer:

Die Lehrer in teils befristeten Angestelltenverhältnissen sehen sich benachteiligt. Sie sind keine Beamten und genießen daher nicht den gleichen Kündigungsschutz. Vielmehr greift bei ihnen das allgemeine Arbeitsrecht in Marokko. Ähnliches gilt für Beförderungen und zukünftige Pensions- bzw. Rentenansprüchen. Hinsichtlich des Gehaltes sind sie den verbeamteten Lehrkräften gleichgestellt. Die demonstrierenden Lehrer wollen eine Gleichstellung und die Übernahme in den Beamtenstatus, so dass sie für ihre Lebensplanung mehr Sicherheit haben, von Beförderungsmaßnahmen oder Besoldungsanpassungen ebenfalls profitieren sowie entsprechende Pensionen bzw. Renten erwarten können. Der CNPCC forderte das Bildungsministerium auf, entlassene Lehrer und diejenigen, die die Qualifikationsprüfungen nicht bestanden haben, aber wiederholen wollen, wieder einzustellen. Sie fordern auch die Aussetzung der Eignungsprüfungen, bis ihre Gesamtforderungen erfüllt sind.

Die Absichten der Regierung.

Die marokkanische Regierung ist durch den wirtschaftlichen Reformplan, der auch vom IWF begleitet und überwacht wird, daran interessiert, den identifizierten Überhang an Beamten im Land abzubauen. Durch die Einstellung von Kräften ohne Beamtenstatus, bei gleichzeitig geringeren Besoldungen und abnehmenden Pensionsansprüchen, soll der Staatshaushalt langfristig entlastet werden. Auch eine Flexibilität bei der Personalbindung, durch teils befristete Angestelltenverhältnisse und Anwendung des allgemeinen Arbeitsrechtes, ist ein Ziel der Regierung.

Verhärtete Fronten

Das Bildungsministerium hat versucht die Lage zu entschärfen, in dem es einige Ankündigungen vorgenommen hat. So hat der Bildungsminister Said Amzazi zugesagt, keine weiteren befristeten Angestelltenverhältnisse einzugehen. Auch Gehaltsverbesserungen (durch Beförderungen über die 9. Besoldungsklasse hinaus) soll es wieder häufiger geben.

Professor Said Amzazi
marokkanischer Minister für nationale Berufsbildung
der Hochschulbildung und der wissenschaftlichen Forschung

Bei den Pensions- bzw. Rentenansprüchen will man von Seiten des Ministeriums eine Gleichstellung anstreben.

Gleichzeitig drohte man den demonstrierenden Lehrern mit Gehaltskürzungen für die Streiktage und Entlassungen, wenn sie die Ausbildung der Schülerinnen und Schüler weiter behindern.

Die Lehrer bezweifeln die Ankündigungen des Ministers und fordern sofortige Maßnahmen. Sie verurteilten die angedrohten „Straf- und Vergeltungsmaßnahmen“ der Regierung und drohen die Streikbemühungen zu verdoppeln. Sie kündigten an, dass sie notfalls ein ganzes Schuljahr streiken würden, was Folgen für die Schülerinnen und Schüler haben würde (das sog. „leere Jahr“), da die Betroffenen an den Versetzungsprüfungen nicht teilnehmen könnten.

Wiederholt Zusammenstöße mit Sicherheitskräften.

Bei den Demonstrationen seit Februar kam es in der Hauptstadt Rabat und in anderen Städten des Königreiches zu teils heftigen Zusammenstößen zwischen den protestierenden Lehrern und den Sicherheitskräften. Einige Lehrer berichteten von der Anwendung übermäßiger Gewalt. Bei Demonstrationen in Rabat kam es zum Einsatz von Wasserwerfern und Schlagstöcken von Seiten der Sicherheitskräfte. Nach Angaben der Behörden habe man sich gezwungen gesehen unverhältnismäßige Blockaden aufzulösen oder Verstöße gegen die genehmigten Demonstrationsstrecken zu verfolgen. Am 20. Februar versuchten Teile der demonstrierenden Lehrer vor den Regierungspalast innerhalb der Hochsicherheitszone in Rabat zu ziehen, was die Sicherheitskräfte verhinderten. Auch eine ungenehmigte nächtliche Besetzung der Zufahrtswege zum marokkanischen Parlament hat die Polizei aufgelöst. Die überwiegende Mehrheit der Demonstrationen findet friedlich und ungehindert statt.

Marokko – Demonstration von Vertragslehrern aufgelöst.

Ausweitung der Bildungsdebatte in Marokko

Inzwischen hat sich die Bildungsdebatte in Marokko ausgeweitet. Neben dem Lehrerstreik diskutiert man über eine Bildungsreform. Dabei soll vor allem die Berufsausbildung ausgeweitet und reformiert werden. Zugleich diskutiert man, ob in einzelnen Fächern und an höheren Schulen vollständig nur noch in der Sprache Französisch unterrichtet werden soll. Dies würde vor allem naturwissenschaftliche und technische Fächer betreffen. Dies kritisieren vor allem politische Kreise, die darin einen Rückschritt in koloniale Zeiten und eine Herabsetzung des Hocharabischen sehen. Viele bezweifeln, dass bei der Festlegung einer Fremdsprache Französisch die beste Wahl ist, da im weltweite Geschäftsleben Englisch dominiert. Doch für die verfolgte sog. Süd-Süd-Strategie, die sich auf Länder südlich der Sahara und auf ehemaligen französischen Kolonien bezieht, ist Französisch weiterhin entscheidend.

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