Marokko – Frustration bei gestrandete Touristen und MREs

Mehrere Hundert MREs fühlen sich wie Bürger zweiter Klasse.

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MREs per Flugzeug
Auslandsmarokkaner reisen per Flugzeug nach Marokko

Deutsche Botschaft informiert über mögliche Ausreise nach Italien per Fähre. Belgien verhandelt über Ausreise von Staatsbürgern sowie Marokkanern mit belgischem Wohnsitz und gestrandet Deutsche Bürger mit Migrationshintergrund fühlen sich missachtet.

Rabat – Noch immer sitzt eine große Gruppe von Menschen, mit ständigem Wohnsitz außerhalb Marokkos, im Königreich fest. Mit der Abschottung des Landes, im Rahmen der Eindämmungsmaßnahmen gegen die Coronavirus – Pandemie, sind nach wie vor viele tausend Touristen und im Ausland lebende Marokkanerinnen und Marokkaner (MREs) gestrandet. Marokko hat bist Mitte März noch Ausreisen per Flugzeug mitorganisiert und geduldet. So hat z.B. auch Deutschland viele Staatsbürger über Agadir, Marrakech und Casablanca ausgeflogen. Im April konnten Touristen mit Wohnmobilen und PKWs über Tanger Med nach Frankreich ausreisen. Doch viele konnten die organisierten Flüge und Fähren nicht nutzen, weil für sie die Anreise nicht zu organisieren war. Die deutsche Botschaft in Rabat teilte gestern Abend mit, dass sich, zumindest für Touristen mit Wohnmobilen, in Kürze ggf. eine neue Chance zur Ausreise ergeben könnte.

Belgien verhandelt über Ausreise von Staatsangehörigen und MREs

In den letzten Tagen hat es zwischen Belgien und Marokko Verhandlungen gegeben. Belgien versucht seine in Marokko festsitzenden Bürgerinnen und Bürger zurückzuholen. Die Verhandlungen scheinen erfolgreich gewesen zu sein. Wie der belgische Außenminister Philippe Goffin mitteilte, hat die marokkanische Regierung zugestimmt, die Ausreise von Personen mit ständigen Wohnsitz in Belgien zu gestatten, wenn bestimmte und vorrangig humanitäre Kriterien erfüllt sind.

Zu den Kriterien gehören: Zwingende medizinische Gründe, Trennung der Familie (Eltern und Kinder, vor allem wenn minderjährige betroffen sind) aufgrund von Ereignissen, Gefahr eines Arbeitsplatzverlustes oder Konkurs des Unternehmens aufgrund einer längeren Abwesenheit.

Alle diese Kriterien sind vom Ausreisenden zu belegen. Nach Angaben des belgischen Außenministers trafen bis zum Ende der gestrigen Meldepflicht ca. 1.500 Ausreiseanträge ein. Nun würden die Anträge geprüft. Belgien geht davon aus, dass in wenigen Tagen erste Flüge organisiert werden können. Von wo aus in Marokko dann Flüge starten können ist noch unbekannt.

Belgien
Belgischer Außenminister informiert über Vorbereitungen zur Rückholung belgischer Bürger aus Marokko

Deutsche Botschaft geht von einem gesperrten Luftraum bis mindesten 30. April 2020 aus.

In einer veröffentlichten Einschätzung der Situation in Marokko, geht die deutsche Botschaft in Rabat davon aus, dass der Luftraum noch bis zum 30. April 2020 gesperrt bleiben wird. Eine ähnliche Aktion Deutschlands, wie sie nun Belgien angekündigt hat, scheint nicht in Aussicht zu sein. Dabei scheint die Lage der deutschen Staatsbürger und MREs mit ständigem Wohnsitz in Deutschland immer schwieriger zu werden. Auch Maghreb-Post erreichen immer wieder Emails, die auf zahlreiche, teils prekäre Situationen hinweisen. So sorgen sich gestrandete deutsche Bürger, um ihre Gesundheit, weil wichtige Medikamente nicht mehr lange ausreichend vorhanden und nur schwierig zu beschaffen sind. Andere haben Todesfälle in der Familie und können nicht zurückreisen, um ihren Angehörigen beizustehen. Bei einigen gehen die finanziellen Mittel zu neige, so dass sie nicht wissen, wie sie Unterkunft und Lebensmittel bezahlen sollen. Nicht wenige beklagen eine schlechte Erreichbarkeit der deutschen Botschaft oder der Honorarkonsulate.

Mehrere Hundert MREs fühlen sich wie Bürger zweiter Klasse.

Maghreb-Post wurde bei einer Email an das Auswärtige Amt in Kopie gesetzt. Dort beklagen, nach eigenen Angaben mehrere Hundert Marokkanerinnen und Marokkaner mit ständigem Wohnsitz in Deutschland (Deutsche Bürger mit marokkanischer Staatsangehörigkeit und geregeltem Aufenthaltsstatus oder sowohl mit der deutschen wie auch marokkanischen Staatsangehörigkeit), dass sie seit der Sperrung des Luftraums in Marokko festsitzen. Die Betroffen scheinen mehrheitlich im Nord-Osten des Landes festzusitzen. Unter ihnen vor allem ältere Menschen mit gesundheitlichen Problemen, aber auch viele junge Familien und Personen, die nur kurz ihre Verwandten besuchen wollten und nun nicht mehr ausreisen können. Sie beklagen gestiegene Gesundheitsprobleme oder drohende Arbeitsplatzverluste sowie Einkommensverluste. Vor allem beklagen sie, dass sie sich wie deutsche Bürger zweiter Klasse fühlen, weil man in Berlin ihre Situation nicht berücksichtigt, ursächlich und verbunden mit dem Vorwurf, dass es sich ja nicht um „Deutsche“ im engeren Sinne handeln würde.

Rückholaktion Deutschlands aus Marokko Mitte März abgeschlossen.

Deutschland hat weltweit, sowohl Staatsbürger mit doppelter Staatsbürgerschaft, mit alleiniger deutscher Staatsbürgerschaft und auch Bürger mit „fremder“ Staatsbürgerschaft aber ständigem Wohnsitz in Deutschland, in der größten Rückholaktion der Geschichte der Bundesrepublik ausgeflogen. Inzwischen sollen weit mehr als 200.000 Menschen zurückgeholt worden sein. Auch aus Marokko wurden mehrere Tausend deutsche Bürger aus Agadir, Marrakech und Casablanca zurückgeholt. Doch die meisten MREs sind in der Region Oujda, Nador, Al Hoceima verwurzelt. Zum Flughafen Casablanca wäre eine strecken von 600 bis 700 Km zurückzulegen gewesen, teils sehr kurzfristig und bei eingeschränkten Transportmöglichkeiten. Die betroffenen MRE beklagen, dass sich Deutschland auf die Touristenzentren Agadir und Marrakech sowie das Wirtschaftszentrum Casablanca konzentriert hat, weil dort sich vor allem deutsche Touristen und Unternehmer aufgehalten haben.

Ungutes Gefühl deutsche Bürger zweiter Klasse zu sein.

Regionen in denen sich ebenfalls zahlreiche Bürger Deutschlands aufhalten, die aber auch marokkanische Wurzeln haben, seinen unberücksichtigt geblieben. Besonders negativ werden die Formulierungen auf der Website des Auswärtigen Amts bewertet, die auch aktuell vorhanden sind und den Verdacht nähren, dass es doch deutsche Bürger zweiter Klasse gibt. Auf die Frage, „Wer wird zurückgeholt?“ heißt es nach wie vor:

Auswertiges Amt
Quelle Website – Auswärtiges Amt – FAQ – Rückholaktion – Scrennshot vom 18. April 13:00 Uhr

Im weiteren Verlauf der Seite heißt es nochmals:

Auswärtiges Amt
Quelle Website – Auswärtiges Amt – FAQ – Rückholaktion – Scrennshot vom 18. April 13:00 Uhr

Nach einer uneingeschränkten Gleichstellung alle regulär in Deutschland lebenden Personen klingen diese Formulierungen nicht. Während der von der deutschen Botschaft in Rabat organisierten Rückholaktion hieß es zeitweise sogar, dass deutsche Staatsbürger Priorität hätten.

Rückholaktion
Rückholaktion der deutschen Bundesregierung bezieht nicht alle Bürgerinnen und Bürger mit ein.

In dem Schreiben der gestrandeten MREs an das Auswärtige Amt wird darauf hingewiesen, dass sich bei vielen Menschen, die seit Jahrzehnten in Deutschland leben und ihren Beitrag zur Entwicklung und des Wohlstands Deutschlands geleistet haben, sich jetzt ein negatives Gefühl einstellt.

Marokkos Haltung hat Folgen für viele Menschen.

Zahlreiche Länder haben, in Folge der Coronavirus – Pandemie, die Grenzen geschlossen. Auch in Europa war es, nach dem Ausbruch der Seuche, schnell vorbei mit der Reisefreiheit. Doch während zahlreiche Länder, auch im Maghreb, ihre Grenzen für Ausreisewillige geordnet und temporär öffnen und sogar eigene Staatsbürger zurückholten, verfolgt das nordafrikanische Königreich eine relativ harte Linie. Zu Spanien ist die Grenze praktisch doppelt geschlossen. Sowohl die spanischen wie auch die marokkanischen Behörden erklärten die Grenze für geschlossen. Zugleich sitzen viele Marokkaner in Europa, Asien und den USA fest, weil Marokko ihnen die Einreise verweigert. Selbst im Ausland verstorbene marokkanische Staatsbürger werden nicht zurückgeholt, was eine gängige Praxis war und zu einem der wichtigsten Bindungsinstrumente der marokkanischen Politik für ihre MREs gehört.

Das Unverständnis darüber Ausländer und MREs im Land festzusetzen, obwohl die Herkunftsländer die Einreise gestatten würden, wächst und führt zu zunehmender Kritik. Diese Erfahrung mit der Haltung Marokkos, einem Land, das vom Interesse der Touristen und von der Verbundenheit ihrer Landsleute im Ausland sehr abhängig ist, könnte langfristige Folgen haben. So wie die MREs der deutschen Regierung vorwerfen, sie wie Bürger zweiter Klasse zu behandeln, kann man Marokko vorwerfen, das Leid aus der gegeben Situation, trotz Möglichkeiten, nicht gelindert zu haben. Unabhängig von einer möglichen Coronavirus – Infektion steigen die Schäden, medizinische und wirtschaftliche, für die gestrandeten Menschen täglich an.

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