Marokko – Journalistin wegen „illegaler Abtreibung“ angeklagt.

Umstände der Verhaftung sind noch umstritten.

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Hajar Raissouni
Journalistin Hajar Raissouni verhaftet.

Polizei verhaftet die Journalistin Hajar Raissouni nach einem medizinischen Eingriff.

Rabat – Die Journalistin Hajar Raissouni, die für die arabisch sprachige Zeitung Akhbar Al Yaoum tätig ist, musste sich am 2. September vor dem Gericht und dem Untersuchungsrichter erklären. Die Staatsanwaltschaft wirft der jungen Frau vor, in einer „illegalen (Anmerk. der Redaktion: außerehelichen) sexuelle Beziehungen“ gelebt zu haben, „die zu einer Schwangerschaft und einer illegalen Abtreibung“ geführt hat. Mit ihr mussten sich ihr Verlobter, der Gynäkologe, ein Anästhesist und eine Krankenschwester den Fragen des Gerichtes stellen. In der Anhörung haben die Beschuldigten die Vorwürfe zurückgewiesen.

Umstände der Verhaftung sind noch umstritten.

Nach bisherigen Angaben der Zeitung Akhabar Al Yaoum soll ihre Reporterin bereits am 31. August 2019 verhaftet worden sein. Widersprüchlich sind die übrigen Begleitumstände. Während die Behörden von der Tageszeitung mit der Aussage zitiert werden, dass die Verhaftung in der Praxis des mit beschuldigten Gynäkologen stattgefunden haben soll, beschreibt Hajar Rassouni die Situation damit, dass Beamte ohne Uniform sie vor der Praxis angesprochen haben und zurück in die Praxis zwangen. Weshalb die Beamten zur Stelle waren ist unklar. Raissouni stellte bei der Anhörung fest, dass sie nicht in der Arztpraxis verhaftet wurde. Sie bestätigte, dass sechs Polizeibeamte in Zivil um sie herum waren und fragten, ob sie gerade die Praxis des Gynäkologen verlassen hätte und zugleich beschuldigten sie sie, eine Abtreibung vorgenommen zu haben. „Sie haben mich dann in die Arztpraxis gebracht“, sagt die Journalistin.

Gynäkologischer Eingriff soll medizinisch notwenig gewesen sein.

„Wir haben keine Abtreibungen durchgeführt. Ich habe eine dringende Intervention vorgenommen“, sagte der Gynäkologe, so AlYaoum24, vor dem Gericht. Der Gynäkologe soll dem Richter mitgeteilt haben, dass Raissouni eine Blutung hatte, die eine sofortige Operation erforderte. Die Verteidigung des Arztes erwähnte auch einen medizinischen Bericht. Die ärztliche Untersuchung der Journalistin im Krankenhaus Souissi in Rabat während der Haft bewies, dass sie keine Abtreibung erlitten hatte. „Die Expertise des Universitätsklinikums Ibn Sina bestätigte auf Wunsch der Justiz den medizinischen Zustand von Raissouni“, so AlYaoum24. Ob die Journalistin aber weiterhin schwanger ist, wurde nicht berichtet. Es blieb bisher unklar, ob es einen Abbruch gegeben hat und ob dieser ggf. medizinisch notwendig war.

Journalistin bestreitet illegale Beziehung

Hajar Raissouni teilte dem Gericht mit, dass sie mit ihrem Verlobten, einem Universitätsprofessor sudanesischer Nationalität, in einer religiösen Zeremonie verheiratet ist und nur darauf wartete, dass Dokumente der sudanesischen Botschaft, die beabsichtigte Hochzeit, die in zwei Wochen geplant ist, formalisieren. Die Angeklagten bleiben bis zur Verhandlung am 9. September in Haft.

Vorwurf der Konstruktion von Straftaten gegen die Behörden

Die Verhaftung von Journalistinnen und Journalisten schafft immer Raum für Spekulationen, gerade in politischen Umfeldern, in denen die Politik gegen eine angreifbare Glaubwürdigkeit arbeiten muss. Auch bei der Verhaftung von Frau Hajar Raissouni hat die Diskussion begonnen, ob hier alles den Tatsachen entspricht. Den Leserinnen und Lesern in Marokko ist die junge Frau durch ihre Berichte zur Familie Zefzafi bekannt. Sie pflegt gute Kontakte zum Vater von Nasser Zefzafi, was ihr auch Kritik hinsichtlich ihrer Objektivität einbrachte. In den sozialen Medien wird der Verdacht diskutiert, dass die Behörden hier eine Gelegenheit genutzt oder geschaffen haben, um eine mutmaßlich unbequeme Journalistin aus dem Verkehr zu ziehen. Unterstützung erhält die junge Frau aus dem journalistischen Umfeld und von einigen Politikerinnen.

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