Marokko – Kampf gegen Eheschließungen bei Minderjährigen nicht erfolgreich.

Traditionen, Armut und Gesetzeslücken erschweren Veränderungen.

Ehen von minderjährigen Mädchen angestiegen. Armut, Traditionen und Gesetzeslücken ursächlich.

Anzahl der Eheschließungen bei Frauen unter 18 Jahren in Marokko angestiegen.

Rabat – Marokko kämpft gegen minderjährige Bräute. Noch immer ist das Verheiraten von jungen Frauen im Alter unter 18 Jahren, ja sogar im Alter unter 16 Jahren, im Königreich keine Seltenheit. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, dass, laut dem marokkanischen Justizministerium, ca. 16% alle Frauen im Alter unter 18 Jahren heiraten. Viele Frauen sind bei ihrer Eheschließung sogar im Alter von 16 Jahren oder jünger. Marokko hatte gehofft dieser Praxis entgegenwirken zu können, als man im Jahr 2004 das gesetzliche Mindestalter bei Eheschließungen von 16 Jahren auf 18 Jahren anhob. Doch seitdem sind die Zahlen um fast 50 Prozent auf 27.205 im Jahr 2016 gestiegen. Dabei beruft sich Reuters auf aktuelle Zahlen des marokkanischen Justizministeriums. Aktivisten gehen von höheren Zahlen aus.

Traditionen, Armut und Gesetzeslücken erschweren Veränderungen.

Angesichts der rund 14 Jahre alten Gesetzesänderung muss sich die marokkanische Regierung und die Gesellschaft fragen lassen, wie sich die Zahlen so verschlechtern konnten. Marokko stellt sich gerne als ein Land, vor den Toren Europas, vor, dass eine positive Entwicklung nimmt. Tatsächlich hat sich der Wohlstand Marokkos, seit der Thronbesteigung von König Mohammed VI., fast verdoppelt, die Infrastruktur hat sich insbesondere entlang der Küstenregionen verbessert und auch die Rechtslage, hinsichtlich z.B. der Frauenrechte, hat sich zum vermeintlich besseren gewandelt. Doch scheinen große Teile der Gesellschaft, insbesondere die Frauen, nicht davon profitieren zu können. Die Antwort findet sich an mehreren stellen.

Gesetzeslücken:

Im Gesetz gibt es Ausnahmeregelungen. Ein Ehepaar kann bei Gericht die Eheschließung beantragen, auch wenn einer der beiden Partner unter 18 Jahre alt ist. Insbesondere kann die Eheschließung genehmigt werden, wenn bei der zukünftigen Ehefrau glaubhaft gemacht werden kann, dass die Eheschließung auf eigenen Wunsch geschieht und die vorhandene Persönlichkeit als ausreichend gefestigt erscheint eine Ehe einzugehen. Die Bewertung obliegt alleine den Richtern. Dieser Fall ist aber selten.

Armut:

Vielmehr treiben Familien und sogar Mütter, die nicht selten eine ähnliche Geschichte haben, ihre jungen Töchter in die Ehe. Gerade in ländlichen Gebieten treibt die weit verbreitete und bittere Armut die Familien ihre Töchter früh zu verheiraten. Sie erhoffen sich eine Grundversorgung für ihre Töchter und eine Entlastung der eigenen Familie.

Traditionen:

Oft wird die Gesetzeslage schlicht umgangen. Aus der Tradition heraus reicht es vielen Familien aus, eine Art Ehevertrag zwischen Braut und Bräutigam abzuschließen, der die Ehe für die Familien und für das soziale Umfeld glaubhaft dokumentiert. Sobald die junge Frau dann das gesetzliche Mindestalter erreicht, wird die Ehe auch vor dem Gesetz nachträglich legalisiert.

Aktivisten und Justiz fordern weitere Reformen von der Regierung.

16% der jungen Mädchen, die in Marokko heiraten, tun dies im Alter unter 18 Jahren. Im Vergleich zu den Ländern Algerien und Tunesien, wo diese Quote unter drei Prozent liegt, so die Nachrichtenagentur Reuters weiter, ist das der mit Abstand höchste Wert. In beiden Ländern gilt das gleiche Mindestalter für Eheschließungen, wie in Marokko. Menschenrechtsaktivisten fordern die Abschaffung von Artikeln des Familiengesetzbuches, die es Richtern erlauben, Ehen zu bestätigen, wenn das Mädchen jünger als 18 Jahre alt ist, ihren Partner mutmaßlich liebt und Kinder gebären kann, so die Kriterien der Ausnahmeregelung. Alarmiert durch die hohe Zahl von Teenagerehen forderte der Generalstaatsanwalt am 6. April 2018 die Gerichte auf, „keine Zurückhaltung bei der Ablehnung von Eheanträgen zu zeigen, die die Interessen der Minderjährigen untergraben“. Aktivisten sagen, das reicht nicht aus. „Eine umfassende Reform ist eine dringende Aufgabe, um die Einhaltung der Verfassung zu gewährleisten und eine effektive Gleichstellung aller Familienmitglieder herbeizuführen“, sagte die Menschenrechtsanwältin Aicha Alehyane.

Hauptsächlich tragen die jungen Frauen und Mädchen die möglichen Folgen.

Exemplarisch zeigt die Geschichte der Schülerin Meriem, welche Folgen aus diesem Verhalten resultieren können. Sie war 16 Jahre alt, als ihre Familie sie drängte zu heiraten. Der Richter weigerte sich, Meriems Heirat zuzulassen, weil der Mann 20 Jahre älter war und sie ihn nie zuvor getroffen hatte. Aber ihre Familie ließ sich nicht abhalten. Sie heirateten im Dezember 2016. Auch ihre Mutter Fatima, die selbst als Kind im Alter von 14 Jahren verheiratet wurde, war begeistert. „Wir glauben, je jünger ein Mädchen heiratet, desto besser für sie“, sagte sie. Die Familie vertraute dem Versprechen des Bräutigams, sich um sie zu kümmern. Die Ehe basierte auf einem informellen Ehevertrags, der bis Meriems 18. Geburtstag alles nötige regeln würde. Doch die Ehe zerbrach schnell, wegen Streitigkeiten mit der Familie des Ehemanns. Drei Monate später hatte er sie verlassen und sie war schwanger.

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