Marokko – Keine Zeitungen mehr wegen Coronavirus.

Verlagen wird über Nacht die Existenzgrundlage entzogen.

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Zeitung
Tageszeitungen, Magazine und sonstige Printmedien droht das aus.

Behörden untersagen die Herstellung und Verteilung von Zeitungen in Papierform.

Rabat – Das nordafrikanische Land versucht mit allen Mitteln, die Ausbreitung des Coronavirus COVID-19 einzudämmen. Wichtigstes Instrument ist die Minimierung der sozialen Kontakte. Nun meint man durch den Verzicht auf gedruckte Tageszeitungen, Magazinen und anderen Printerzeugnissen einen potentiellen Verbreitungsweg für das Coronavirus COVID-19 ausschließen zu können. Daher haben die marokkanischen Behörden die Herstellung und Verteilung von Tageszeitungen untersagt. Alle Printmedien sind dazu aufgefordert ihre Nachrichten nur noch über den digitalen Weg zu verbreiten. In einer Erklärung vom 22. März forderte das marokkanische Ministerium für Kultur, Jugend und Sport, das die Presse des Landes überwacht, alle Printzeitungen auf, ihre Veröffentlichung und Verbreitung bis auf weiteres auszusetzen, und forderte die Druckereien auf, alternative Methoden zur Übermittlung der Nachrichten anzuwenden. Von dieser Aufforderung sind sowohl staatliche wie auch private Medien betroffen.

Ministerium
Quelle Marokkanische Ministerium für Kultur, Jugend und Sport, das die Presse des Landes überwacht. Erklärung zur Einstellung von Tageszeitungen und anderen Printmedien, im Kampf gegen Coronavirus

Marokko folgt Vorgehen in weiteren arabischen Ländern.

Zuvor haben weitere Länder der arabischen Welt ein vergleichbares Vorgehen an den Tag gelegt.

Am 17. März 2020 hat der jordanische Ministerrat, die Veröffentlichung aller Zeitungen im Land für zwei Wochen ausgesetzt. Ebenfalls mit der Begründung das COVID-19 Virus eindämmen zu wollen. Dies geht aus einer offiziellen Erklärung des jordanischen Kommunikationsministers, Amjad Adaileh hervor. Ebenfalls am 22. März ordnete das Oberste Komitee für den Umgang mit COVID-19 im Oman an, dass alle Zeitungen, Zeitschriften und andere Medien den Druck und die Verbreitung einstellen sollen (siehe Times of Oman). Die Anordnung verbot auch den Verkauf und die Verbreitung von importierten Zeitungen, Zeitschriften und anderen Medien.

Am 23. März erließ der jemenitische Kommunikationsminister Muammar Al-Aryani ein Dekret, das die Veröffentlichung und Verbreitung von Printzeitungen im Land vom 25. März bis 12. April untersagte, um die Verbreitung des COVID-19-Virus zu begrenzen (siehe Al-Jand Post).

Verlage fürchten um ihr Überleben.

Weltweit sehen sich Verlage der Situation ausgesetzt, dass die Auflagenzahlen und damit verbundene Umsätze fallen, weil immer mehr Leserinnen und Leser sich im Internet informieren. Zugleich kann das Geschäft im Internet die Existenz der Verlage nicht sichern, da die Zahlungsbereitschaft der Leserinnen und Leser im Internet für Journalismus und Informationen sehr gering ist und auch die Werbeeinnahmen kaum einen signifikanten Beitrag zur Kostendeckung leisten. Auch weiterhin wird das gesamte Geschäft vornehmlich durch Printerzeugnisse getragen. Entsprechend sorgen sich nun die betroffenen Medien und Verlage, ob sie die Zeit der Pandemie wirtschaftlich überleben. Zugleich tun sich die meisten, vor allem privaten Medien, schwer, Staatshilfen in Anspruch zu nehmen, weil damit die eigene Unabhängigkeit in Frage gestellt werden könnte. Zusätzlich wird bei den Verlagen befürchtet, dass die Leserinnen und Leser sich noch stärker an die Informationen über digitale Kanäle gewöhnen und auch nach Ende der Pandemie, das lebensnotwendige Printgeschäft nachhaltig geschädigt bleibt.

Verlagen wird über Nacht die Existenzgrundlage entzogen.

Viele der Verlage haben sich im Interview mit dem Nachrichtenmagazin telquel kritisch geäußert. Von dem Dekret des Ministeriums ist, sowohl der redaktionelle Teil, aber auch der Druck und der Vertrieb eines Verlages betroffen. Während die Redakteure per Internet weiter veröffentlichen können, gibt es für die Mitarbeiter im Druck und in der Logistik wie auch im Vertrieb über Nacht nichts mehr zu tun und es droht eine Pleite- und Entlassungswelle. Alle angesprochenen marokkanischen Verlage unterstützen den Kampf gegen das Coronavirus, aber die Ankündigung kam für viele Überraschend und stellt für viele Zeitungen und Magazine eine zwangsweise Umstellung ihres Geschäftsmodells da. „Als wir von der Pressemitteilung des Ministeriums erfuhren, war der Druck der Montagausgaben unserer Tageszeitungen bereits im Gange… Das bedeutet, dass wir überrascht waren! ”, berichtet Abdelmounaïm Dilami, Leiter der Eco-Media-Gruppe (L’Économiste, Assabah und Atlantic Radio), gegenüber telquel.ma. „Diese Entscheidung ist offensichtlich ein harter Schlag für alle Verleger.

Tablet
Nachrichtenmagazin auf dem Tablet

Verlage sind oft auch große Druckereien

Der Printmediensektor war bereits am Boden zerstört, so Herr Dilami weiter, aber er wird völlig ausgelöscht werden, wenn die Pandemie anhält. „Heute wollen wir unsere Leser weiterhin informieren. Beide Medien werden auf unseren digitalen Plattformen angeboten. Aber das Internetgeschäft ist für uns auf lange Sicht nicht existenzsichernd“, fügt er besorgt hinzu. Eco-Médias ist auch eine Druckerei, die völlig zum Erliegen gekommen ist. „Es ist eine katastrophale Situation! Die rund 50 Mitarbeiter der Druckerei sind arbeitslos. Auf der einen Seite trocknen unsere Einnahmen drastisch aus, auf der anderen Seite aber auch unsere Auslastung“, sagt Abdelmounaïm Dilami. Mit der Tageszeitungen und der Druckerei hat die Gruppe ca. 250 Mitarbeitern sowie monatliche Ausgaben von etwa 1,5 Millionen marokkanische Dirham. „Wir werden die Gehälter für März zahlen können, aber danach wird es sehr schwierig werden. Und ich wage es nicht einmal, mir die Situation unserer Kollegen vorzustellen, die von der Schließung bedroht sind“, sagt Dilami, der auch Mitglied des Vorstands des marokkanischen Verbands der Zeitungsverlage ist.

Zwangsurlaub für Mitarbeiter.

Eine weitere Gruppe, die von der Einstellung des Drucks und der Verteilung von Zeitungen und Zeitschriften stark betroffen ist, ist die Gruppe Le Matin, die die Tageszeitungen Le Matin (mit einer täglichen Auflage von mehr als 20.000 Exemplaren im Jahr 2018) und Assahra Al Maghribia (mehr als 5.000 Exemplare) herausgibt. „Die von den Behörden ergriffenen Maßnahmen sind notwendig und legitim, um die Pandemie einzudämmen, aber es ist klar, dass sie tiefgreifende Auswirkungen auf unsere Tätigkeitsbereiche haben werden, die sich um das Verlags- und Druckwesen drehen. Fast ein Drittel unserer 330 Mitarbeiter ist derzeit in Urlaub“, sagt Mohamed Haïtami, CEO der Le Matin-Gruppe.

Kritische Tageszeitung macht Druck auf Verlage deutlich.

Akhbar Al Yaoums geschäftsführender Redakteur Younes Maskine steht der Entscheidung des Ministeriums eher kritisch gegenüber: „Wir haben volles Verständnis für die außergewöhnlichen Umstände, die wir im Moment durchmachen, aber das Ministerium kann nicht von Zeitungen und Zeitschriften verlangen, von heute auf morgen von der Print- auf die Digitaltechnik umzustellen. Diese Entscheidung gefährdet wirklich die Existenz all dieser bereits fragilen Strukturen.“

Maghreb-Post
Zahlungsbereitschaft der Leserinnen und Lesern wenig ausgeprägt.

Die Tageszeitung, die auch die Website aliyahoum24 betreibt, war bereits in finanziellen Schwierigkeiten, weil ihr Gründer, Taoufik Bouachrine, zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden war. „Wir werden von mehreren öffentlichen und privaten Anzeigenkunden boykottiert, so dass wir uns ausschließlich auf den Verkauf der Zeitung verlassen haben“, sagte Younes Maskine.

Seit Monaten basieren die Einnahmequellen der Zeitung hauptsächlich auf dem Verkauf, der, nach eigenen Angaben, ca. 90 Prozent des Umsatzes der Zeitung ausmacht. Die Webeeinnahmen erreichen kaum 10 Prozent des Umsatzes. „Unsere Situation ist daher noch komplizierter als die unserer Kollegen. Wir warten immer noch auf den Hilfsfonds und die Gehälter für Februar sind immer noch nicht ausgezahlt worden… und jetzt wirft uns die Entscheidung, die Veröffentlichung der Zeitung einzustellen, um“, sagt Younes Maskine.

Zeitungsverkäufer stehen vor dem Aus.

Neben den Verlusten im Verlags- und Druckwesen ist auch der Vertriebsweg von der Entscheidung der Regierung betroffen. Der Branchenführer Sochepress-Sapress, der in 23 Städten tätig ist, ist nach eigener Einschätzung, in eine Sackgasse geraten. „Wir bleiben solidarisch mit den Bemühungen der Behörden zur Bekämpfung der Pandemie, aber für uns ist es eine wirtschaftliche Katastrophe. Wir haben am Montag, dem 23. März, nachmittags alle Aktivitäten eingestellt und untersuchen derzeit mögliche Szenarien zur Reorganisation gegenüber unseren Mitarbeitern und Partnern. Dennoch sind wir der Eckpfeiler einiger Interessenvertreter“, sagt Amine Bencherki, Geschäftsführer von Sochepress-Sapress. Neben dem Marktführer für den Verkauf von Printmedien sind auch viele kleine Läden betroffen, die die Printmedien aus ihrem Sortiment nehmen müssen, aber auch der kleine Straßenverkäufer hat über Nacht kein Produkt mehr.

Tageszeitung
Herausgeber von Tageszeitungen stehen vor Herausforderung

Risiken für die Zeit danach.

Bereits ohne die aktuelle politische Entscheidung waren die Verlage in finanziellen Schwierigkeiten, da die Abonnentenzahlen und die Werbeeinnahmen sanken. Die Menschen reduzierten ihre Ausgaben häufig zu Lasten der Informationsquellen. Häufige sieht man sich durch TV und Internet (soziale Medien) ausreichend informiert und übersieht, dass viele TV-Sender staatlich finanziert werden oder zu großen Medienkonzernen gehören, die entsprechende Interessen bedienen.

Auch die Filterfunktion von sachkundigen Redakteuren entfällt zunehmend. Das öffnet Fake-News Tür und Tor. Zwar sind marokkanische Medien nicht völlig frei in ihren Veröffentlichungen, doch durch die Vielfalt der Informationsquellen können die Leserinnen und Leser die „Wahrheit“ herausfiltern, die sich meist in der Schnittmenge der unterschiedlichen Aussagen finden lässt. Marokko steht vor einer „Marktbereinigung“ und einer Reduktion der Vielfalt bei der Informationsgewinnung. Verlage werden verschwinden und andere werden die Gunst der Stunde nutzen, um sich unliebsamen Medien zu entledigen. Wenn die Bürgerinnen und Bürger nicht umdenken und eine vergleichbare Zahlungsbereitschaft für digitale Medien an den Tag legen, wie es für Printmedien der Fall ist, dann wird der Journalismus, als Institution die Machthabern auf die Finger schaut, seine Funktion in der Gesellschaft nicht mehr erfüllen können. Eine Funktion für deren Wahrnehmung Journalisten nicht selten vor Gericht landen. Ob das die Menschen wirklich wollen, sollten sie sich gut überlegen.

In eigener Sache: Aufruf zur Rückmeldung und Unterstützung

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