Marokko – Krankenhäuser sollen ethische vor finanzielle Belange stellen.

Ethik und Verantwortungsbewusstsein kosten wenig.

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Gesundheitsministerium
Marokkanisches Gesundheitsministerium

Neuer Gesundheitsminister ermahnt Krankenhäuser und Gesundheitszentren ihre Handlungsweise zu ändern.

Rabat – Was zunächst irritierend klingt, scheint in Marokko offensichtlich nötig zu sein. In einem Rundschreiben hat der neue Gesundheitsminister, Prof. Khalid Ait Taleb, die Krankenhäuser und Gesundheitszentren im ganzen Land „nachdrücklich angewiesen“, die Art und Weise zu ändern, wie sie Patienten behandeln, insbesondere in dringenden Fällen in der Notaufnahme. In seinem Rundschreiben forderte er dazu auf, erst die gesundheitlichen Probleme der Patienten anzugehen und dann an die finanziellen Belange und möglichen Honorar zu denken.

Gesundheitsminister
Marokkanischer Gesundheitsminister Prof. Khalid Ait Taleb

Gesundheitswesen mit die größte Quelle für Kritik an der Regierung.

Seit Jahrzehnten ist das Gesundheitswesen, neben der Arbeitslosigkeit, die größte Quelle für Kritik an der Regierung. Patienten erleben Mangel an Ärzten und Personal sowie Ausstattungs- und Medikationsdefizite. Zugleich werden sie nicht selten von teilnahmsloseren Medizinern und Pflegekräften missachtet und nur gegen Schmiergeld zuvorkommend betreut. Wohlhabende Patienten wenden sich fast ausschließlich an Privatkliniken. Finanziell weniger gut ausgestattete Bürgerinnen und Bürger sowie Teile der Mittelschicht verfügen oft über keine Krankenversicherung oder unklare Versicherungssituationen, so dass die Kliniken, insbesondere bei Notsituationen, häufig Vorkasse oder Sicherheitsleistungen, z.B. in Form von unterschriebenen offenen Bankschecks, fordern, ohne die die Untersuchungen oder Behandlungen nicht begonnen werden. Vor diesem Hintergrund kommt es immer wieder zu erschreckenden Situationen, die aber in Zeiten der Smartphones und sozialen Medien von den Betroffenen dokumentiert und veröffentlicht werden.

Zwei Fälle aus den letzten Wochen erregten die Gemüter der Menschen erneut.

Zuletzt machten mehrere Fälle die Runde. In einem Fall vor dem Zentralkrankenhaus in Fés soll eine Frau in den Wehen liegend, vor den Toren des Krankenhauses gezwungen gewesen sein zu gebären, weil der Pförtner die Frau und ihren Mann nicht in die Klinik vorgelassen haben soll, trotz eindeutiger Situation.

In einem zweiten Fall machte ein Vater aus Jordanien in einem Video seinem Ärger, über die „teilnahmslose und unmenschliche“ Behandlung seiner kleinen Tochter in einem öffentlichen Krankenhaus, Luft. Das Personal und die Ärzte hätten das schreiende Mädchen ignoriert und unzureichend behandelt. Gerade für Menschen die in Europa oder in den Golfstaaten, sowohl von den Standards aber auch vom menschlichen Umgang Anderes gewohnt sind, erschrecken angesichts der Zustände, auch wenn die, gemessen an afrikanischen Verhältnissen, noch zu den Besseren gehören.

Erinnerung an Artikel 42 der Krankenhausstatuten

In seiner Mitteilung an alle verantwortlichen in den Provinz- und Regionalkrankenhäusern sowie Gesundheitszentren betonte der Minister die „ethische Notwendigkeit“, dass die marokkanischen Krankenhäuser diese grundlegende medizinische Regel respektieren, wonach das Leben des Patienten vor allen anderen Überlegungen steht. Während die „konkreten Anweisungen“ des Ministers teils als Zeichen für einen frischer Wind für den scharf kritisierten marokkanischen Gesundheitssektor begrüßt wurden, ist der in dem Rundschreiben erwähnte Punkt weder neu noch herausragend, betonte die Tageszeitung Al Ahdath Al Maghribia am 28. November 2019. Seit Jahrzehnten legt Artikel 42 der Statuten für Krankenhäuser fest, den Patienten in den Mittelpunkt zu stellen. Der Artikel spricht von der ethischen Verpflichtung von Ärzten und Krankenhäusern, „jeden Patienten, Verletzten oder eine schwangere Frau in Notsituationen aufzunehmen“. Der Artikel fügt hinzu: „[Patienten] sollen ins Krankenhaus eingeliefert werden, wenn ihre Fälle es erfordern, und dies auch, wenn nicht genügend Krankenhausbetten vorhanden sind. Die Bezahlung kann erst nach der Bereitstellung der notwendigen medizinischen Versorgung besprochen werden.“

Minister beklagt unzureichende Mittel für den Gesundheitssektor. Rechnungshof deckte Missbrauch von Ressourcen durch verantwortliche auf.

Der erst im Rahmen der letzten Regierungsumbildung ins Amt gekommene Gesundheitsminister, Prof. Khalid Ait Taleb, machte vor dem Parlament während der Haushaltsdebatte deutlich, dass er nicht daran glaube, dass die vorhandenen Finanzmittel dazu geeignet sind, die Defizite im Gesundheitssystem zu beseitigen und den Anforderungen und Ansprüchen der Bürger gerecht zu werden. Er versprach aber mit den vorhandenen Ressourcen effizienter umgehen zu wollen. Dass hier einiges auf den neuen Minister wartet, der lediglich die Haushaltsplanung seines Vorgängers umsetzen kann, hat der letzte Bericht des marokkanischen Rechnungshofs gezeigt. In einer umfangreichen Dokumentation listet der Rechnungshof Fälle von Unterschlagung, Amtsmissbrauch und Missbrauch von Klinikeigentum durch Krankenhausverwaltungen und Ärzte auf.

Marokko – Rechnungshof listet Missstände in Krankenhäusern auf.

Anforderungen der Bürger für afrikanische Verhältnisse hoch.

Tatsächlich sind die Anforderungen der Bürger vergleichsweise hoch. Neben einer wohnortnahen Versorgung erwarten viele Standards, wie sich aus dem vor allem europäischen Ausland berichtet werden. Dazu soll die Versorgung wenig oder nichts kosten. Außer in den Golfstaaten und in Kuba ist die Gesundheitsversorgung in keinem Land der Welt völlig kostenfrei, sondern wird überwiegend durch Direktzahlung, Versicherungsbeiträge und Steuern finanziert. Dazu benötigt es aber eine breite Basis an Beitragszahlern, die es, durch die relativ hohe Arbeitslosigkeit, des verbreiteten informellen Arbeitssektors und teils schlechten Zahlungsmoral von Unternehmen und Versicherten, nicht in Marokko gibt. Dazu kommt, dass fast alle medizinischen Geräte und Ausstattungen sowie Medikamente aus dem Ausland teuer importiert werden müssen. Angesichts der deutlich geringeren Wirtschaftsleistung des Königreiches gegenüber europäischen Staaten eine große Herausforderung.

Ethik und Verantwortungsbewusstsein kosten wenig.

Es wäre bereits viel gewonnen, wenn trotz der begrenzten Ressourcen der humane Umgang mit Patienten wieder ein höheres Gewicht bekommt. Es kostet nichts, ein schreiendes, verängstigtes Mädchen kurz zu beruhigen und ihm und dem Vater, durch eine Information zum weiteren Ablauf, die akute Sorge zu nehmen und es ist eine humanitäre Pflicht eine schwangere Frau mit Wehen zu versorgen, mit dem was die knappen Ressourcen hergeben, und sei es nur das Fachwissen und der Begleitung des medizinischen Personals. Natürlich bedarf es einer gerechten Bezahlung des medizinischen Personals und einer entsprechenden Anerkennung durch die Gesellschaft. Letztere müssen sich Ärzte und Pflegekräfte aber auch selbst erarbeiten. Aber auch die Regierung muss die Rahmenbedingungen schaffen, damit Kliniken ihre Geisteshaltung ändern.

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