Marokko – Rapper droht Gefängnis wegen „Beamtenbeleidigung“.

„Es lebe das Volk“, statt „Es lebe der König“

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Rapper
Quelle Youtube - Video Rapper Gnawi

Menschenrechtsorganisationen verurteilen Anklage als Angriff auf die freie Meinungsäußerung.

Rabat – Ein marokkanischer Rapper, bekannt als Gnawi, wurde inhaftiert, nachdem er wegen mutmaßlicher Beamtenbeleidigung angeklagt wurde. Dem marokkanischen Rapper, der ein Lied mitverfasst hat, das die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten im Königreich kritisiert, drohen nun bis zu zwei Jahre Gefängnis. Am vergangenen Donnerstag musste er das erste Mal vor Gericht erscheinen und sich den Vorwürfen stellen. Gnawi wurde in Salé bei Rabat wegen der Veröffentlichung eines Videos angeklagt, in dem er mutmaßlich die Polizei beleidigt haben soll. Der Anwalt des 31-jährigen Sängers mutmaßte, dass der wahre Grund für die Strafverfolgung seines Mandanten das Lied sei, das er mit zwei Freunden über verzweifelte Jugendliche in Marokko, Arbeitslosigkeit, Drogenhandel, Unterdrückung und Korruption geschrieben habe. Auch die Rolle des Monarchen wird in dem Song thematisiert.

Das Überschreiten der sog. „roten Linien“

Für Medienvertreter, Künstler und politische Aktivisten wird es zunehmend schwieriger. Es gibt gesetzliche und unausgesprochene Grenzen der freien Meinungsäußerung, die sog. „roten Linien“. Dazu gehören religiöse Tabus genauso wie politische Grenzen. Eine allseits bekannte, fast schon als heiße Feuerwand zu bezeichnende „rote Linie“, stellt das Umfeld der königlichen Familie und insbesondere die Person von König Mohammed VI. da. Obwohl der König als relativ tolerant gegenüber der leise ausgesprochenen Kritik an seiner Person gilt und sich derer bewusst sein soll, ist er unantastbar. Dies wird von Behörden und Sicherheitsdiensten genutzt, um Kritiker in ihre vermeintlichen Grenzen zu verweisen oder Mundtot zu machen. Aber auch Demonstranten nutzen die tief in der Gesellschaft verankerte Unantastbarkeit des Monarchen, und stellen sich symbolisch hinter sein Porträt, um die Regierung kritisieren zu können. Viele beklagen aber auch die zunehmend derbe Wortwahl, die bei der „freien Meinungsäußerung“ zum Einsatz kommt.

„Es lebe das Volk“, statt „Es lebe der König“

Der Song „Aach al chaab“ – was so viel heißt wie „Es lebe das Volk“ und an den Ausruf „Es lebe der König“ erinnert, erreichte seit seiner Veröffentlichung im vergangenen Monat zahlreiche YouTube – Nutzer. Der Text prangert nicht nur Ungerechtigkeit und Geldgier an, sondern würde, nach Ansicht marokkanischer Medien, teils schon durch den Titel, den marokkanischen König direkt angreifen, was eine klare Überschreitung der „roten Linien“ darstellt. Die Verhaftung des Rappers am 1. November 2019, wenige Tage nach der Veröffentlichung des Videos, „hat nichts mit dem Song zu tun“, sagte ein Sprecher der marokkanischen Polizei gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. Laut Rechtsanwalt Abdelfettah Yatribi gegenüber der Nachrichtenagentur erklärte die Polizei, dass sie „als Institution Schaden erlitten hat“.

Menschenrechtsorganisationen und Fans kritisieren Verhaftung von Rapper Gnawi.

Der Fall hat zu Verurteilung durch Menschenrechtsorganisationen und zu Empörung in den sozialen Medien geführt. Amnesty International nannte seine Verhaftung „absurd“ und einen „empörenden Angriff auf die Meinungsfreiheit“. „Er wird eklatant bestraft, weil er seine kritischen Ansichten über die Polizei und die Behörden geäußert hat“, sagte Heba Morayef, Regionaldirektorin von Amnestie. Auch in den sozialen Medien schlägt der Fall hohe Wellen. Dies zeigen die Kommentare, unter dem Video auf Youtube. Nach einer kurzen Anhörung wurde der Fall auf den 25. November 2019 vertagt. Die Richter am Gericht von Salé müssen über einen Antrag auf Freilassung entscheiden, der von seinem Anwalt eingereicht wurde. Die Kritik an der Politik, den wirtschaftlichen Eliten und an der Monarchie nimmt spürbar zu und die Grenzen der Meinungsfreiheit werden enger gezogen.

Hier ein Link zum Video (hier)

Maghreb – Amnesty International prangert Menschenrechtsverletzungen an.

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