Marokko – Schuldeingeständnis im Fall der ermordeten Touristinnen.

Neue Details zu den Hintergründen des Netzwerkes

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Opfer
Opfer des Mordes in Imlil am Jabal Toubkal

Richter lässt Prüfung einer „moralischen“ Mitverantwortung des marokkanischen Staates zu.

Salé – Am gestrigen Donnerstag verhandelte die zweite Strafkammer des Gerichts in Salé im Fall der beiden ermordeten skandinavischen Touristinnen. Das Gericht ließ am 30. Mai 2019 alle 24 Angeklagten, unter erheblichen Sicherheitsmaßnahmen, vorführen. Der Mord, bei dem zwei Skandinavierinnen auf bestialische Art und Weise getötet wurden, hatte eine Welle der Entrüstung und des Bedauerns in Marokko sowie weltweit ausgelöst. Die Opfer, Louisa V. J., eine 24-jährige dänische Studentin und ihre Freundin Maren U., eine 28-jährige Norwegerin, zelteten am Berg Jabal Toubkal, wo sie in der Nacht vom 16. auf den 17. Dezember 2018 enthauptet wurden.

Die ersten beiden Gerichtstermine wurden vertagt, weil zunächst nicht genügend Verteidiger gefunden wurden. Anschließend stellten die Anwälte der Hinterbliebenen, die als Nebenkläger agieren, einen Antrag auf Prüfung einer möglichen „moralischen“ Mitverantwortung des marokkanischen Staates.

Erster Haupttatverdächtiger gibt Schuldeingeständnis ab.

Der mutmaßliche Anführer der ausgehobenen und nun angeklagten Dschihadistenzelle bestätigte am gestrigen 30. Mai seine Rolle bei der Ermordung der beiden Frauen. Ich habe eine enthauptet (….), ich bedaure es“, sagte Abdessamad E., ein 25-jähriger Straßenverkäufer. Drei der Angeklagten stehen wegen ihrer direkten Beteiligung an dem Verbrechen vor Gericht: Abdessamad E., Younes O. (27) und Rachid A. (33). Alle stammten aus der Region Marrakesch (im Süden Marokkos). Abdessamad E. hatte bereits im Gefängnis gesessen, weil er versucht hatte, dem ISIS (Daech) in Syrien beizutreten. „Younes O. hat das andere Mädchen getötet“, sagte Abdessamad E. „Wir liebten den Daech und beteten zu Gott für diese Organisation“, fügte er hinzu.

Marrakech
Gesuchte Tatverdächtige in Marrakech gefasst.

Diejenigen, die aktiv an der Ermordung beteiligt waren, sind theoretisch von der Todesstrafe bedroht. Todesurteile werden in Marokko immer noch verhängt, aber seit 1993 wird ein De-facto-Moratorium angewandt und die Todesstrafe nicht mehr vollzogen.

Neue Details zu den Hintergründen des Netzwerkes

Fast alle Angeklagten stammen aus einfachen Verhältnissen mit einem niedrigen Bildungsniveau und sie lebten alle von kleinen Gelegenheitstätigkeiten. Sie wohnten in den benachteiligten Gebieten von Marrakesch, dem wichtigsten Tourismusziel des Königreichs.

Das Trio filmte die Enthauptung eines der beiden Opfer und übertrug die Bilder in die sozialen Netzwerke. Ein weiteres gleichzeitig veröffentlichtes Video zeigt ihren Treueeid gegenüber dem Daech, neben dem vierten Hauptangeklagten Abderrahim K., 33 Jahre alt, sitzend, der sie zum Tatort begleitet hatte, sie aber verließ, bevor die beiden Touristinnen ermordet wurden. Ihre von der dschihadistischen Ideologie inspirierte „terroristische Zelle“ hatte nach Ansicht der Ermittler keinen „Kontakt“ zu operativen Führungsebene in Syrien oder im Irak und der Daech hat nie die Verantwortung für ihr Handeln übernommen.

Die übrigen Beschuldigten werden wegen ihrer Verbindungen zu den mutmaßlichen Mördern angeklagt. Der einzige Ausländer in der Gruppe, Kevin Z. G., ist ein 25-jähriger Hispano-Schweizer, der sich nach seinem Bekenntnis zum Islam in Marokko niederließ.

Nebenkläger prüfen die Möglichkeit Entschädigung zu verlangen.

Bei der letzten Vertagung ließ das Gericht den Antrag der Nebenkläger zu, eine ggf. vorhandene Mitschuld der marokkanischen Regierung zu prüfen. Die Anwälte der Hinterbliebenen argumentieren, dass bei den Angeklagten keine Chance bestehe Entschädigungsforderungen durchzusetzen. Da der marokkanische Staat in der „moralischen“ Verantwortung ist, seine Bürger und Gäste zu schützen und dies in diesem Fall nicht gelungen sei, gilt es zu prüfen, ob die Sicherheitsbehörden eine Mitschuld tragen, womit dann gegen die Regierung Entschädigungsforderungen zu richten sind. Das Gericht will dies im Laufe der Verhandlung prüfen. Daher saß bei der gestrigen Verhandlung auch ein Vertreter der Regierung mit im Saal, der sich ggf. den Anschuldigungen stellen soll. Die nächste Verhandlung soll am 13. Juni stattfinden.

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