Marokko – Schule beginnt mit dem neuen Lehrinhalt „Sexualkunde“.

Diskrepanz zwischen Außenbild und Realitäten.

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Schule
©Maghreb-Post - Marokkanische Schule

Ratifizierung des Gesetzespakets „Rechte des Kindes im Islam“ sieht für die Grundschule und Sekundarstufe 1 „Sexualkunde“ vor.

Rabat – In dieser Woche endeten die Schulferien in Marokko. Während die Eltern und ihre Kinder auf der Jagd nach notwendigem Schulmaterial und teilweise sehr knappen Schulbüchern sind, diskutiert man in der Politik und in der Gesellschaft noch immer über den neuen Lehrinhalt „Sexualkunde“.

Am 22. August 2019 hat der Regierungsrat, unter Leitung des Premierministers Saad-Eddine El Othmani, mehrere Änderungen verabschiedet, die unter anderem auch den Lehrinhalt in der Grundschule und Sekundarstufe 1 verändern werden.

Umsetzung eines Beschlusses der Außenministerkonferenz der „Organisation der Islamischen Staaten“ aus 2005.

Der Regierungsrat nahm ein Gesetzespaket an, dass einen Beschluss über die „Rechte des Kindes im Islam“ widerspiegelt, der auf der 32. Tagung der Außenministerkonferenz der „Organisation der Islamischen Staaten (jetzt Organisation für islamische Zusammenarbeit)“ verabschiedet wurde. Diese Verabschiedung fand während der Tagung Ende Juni 2005 in Sana`a statt. Der Beschluss sieht in Artikel 12 vor, dass jedes Kind, das sich der Pubertät nähert, das Recht auf Zugang zu einer „gesunden Sexualerziehung“ hat, die es ihm ermöglicht, zwischen rechtmäßig und rechtswidrig zu unterscheiden, dies natürlich aus der Perspektive des Islam. Darüber hinaus gewährt der gleiche Beschluss, der sich teilweise auf eine Resolution der Vereinten Nationen für Kinder von 1989 stützt, Kindern das Recht auf freien Zugang zu einer Bildung, die die Werte der Religion fördert und sie in die Lage versetzt, ihre Kenntnisse und Fähigkeiten zu entwickeln.

Bürgerrechtler freut es.

Es hat also nicht weniger als 14 Jahre gedauert, bis ein Beschluss, der auch von Marokko in Sana´a angenommen wurde, jetzt Wirkung erhält. Bürgerrechtler sehen darin eine positive Entwicklung, zum Wohle der Kinder, die damit in die Lage versetzt werden sollen, die zunehmend sexualisierte Umwelt besser zu verstehen und einzuschätzen. Nicht zuletzt im Kampf gegen Missbrauch soll eine frühzeitige Aufklärung helfen. Abdelali Rami, Präsident des Forums der Kinderverbände, äußerte gegenüber „Al Akhbar“ seine Ansicht, dass die Einführung eines Sexualkundeunterrichts in den Lehrplan, nur positiv sein kann. Ihm zufolge ist es unerlässlich, die pädagogischen und moralischen Regeln sowie die sozialen Besonderheiten Marokkos zu respektieren. Er räumt jedoch ein, dass das Königreich in diesem Bereich einen Rückstand aufweist, insbesondere in dem gegenwärtigen Kontext, in dem die Verfügbarkeit neuer Technologien und die Offenheit für die Welt, ein Risiko für Kinder darstellen kann, die keine gute Sexualerziehung hatten.

Konservative kritisieren es.

Das Marokko zumindest vordergründig ein islam-konservative Land ist, lässt sich nicht nur an der aktuell regierenden Mehrheitspartei PJD ableiten, sondern auch an der Allgegenwärtigkeit des Islam im Alltag, bis hin zur Beschlussfähigkeit in der Regierung und zur Rechtsprechung. Auch wenn man sich in Marokko, von öffentlicher Seite darum bemüht, einen offenen und liberalen Glauben vorzuleben, gewannen in den letzten Jahren konservative Kreise mehr an Bedeutung. Zugleich beobachten diese Kreise, eine fortschreitende vermeintliche „Verwestlichung“ der Gesellschaft, vor allem in den Großstädten und der mutmaßlichen Übernahme der entsprechenden Sexualmoral. Für diese Kreise kommt die Aufklärung in der Grundschule und Sekundarstufe 1 zu früh und berührt einen sehr privaten Bereich, der nicht Teil einer öffentlichen Diskussion sein sollte. Sie sehen die Gefahr einer Banalisierung und einer Verleitung der jungen Menschen zu mutmaßlich unmoralischem Verhalten.

Diskrepanz zwischen Außenbild und Realitäten.

Marokko sowie zahlreiche islamisch geprägte Ländern kämpfen mit anstehenden Veränderungen und Diskrepanzen zwischen dem nach außen getragen moralischen Bild der Menschen und den tatsächlichen Lebensformen und Gegebenheiten. Die Gesellschaft ist wesentlich sexualisierter und auch sexuell aktiver, als es die Politik und die öffentliche Moral wahr haben will. Beziehungen und Lebensgemeinschaften auch ohne Trauschein sind zu finden. Die Schätzungen steigen von Jahr zu Jahr, weil auch das Durchschnittsalter der Partner bei der Ehe ansteigt. Die schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für junge Menschen führen zu immer späteren Eheschließungen, was aber Beziehungen nicht ausschließt. Aber auch Teenager sind zunehmend sexuell aktiv, mit all den Folgen und Risiken. Dazu kommen immer mehr schockierende Ereignisse von sexueller Gewalt ans Tageslicht. Hier muss die Politik im Rahmen ihres Auftrages auf die Gegebenheiten reagieren, wozu eine frühe Aufklärung einen Beitrag leisten kann.

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