Marokko – Über 82% der Frauen haben Gewalterfahrungen machen müssen.

Sexuelle Belästigung, der wichtigste Akt der Gewalt gegen Frauen an öffentlichen Orten

972

Besonders jüngere Frauen sind von Gewalt in der Partnerschaft und in der Familie betroffen. Cyber-Gewalt als neue Form in Ballungszentren weit verbreitet.

Rabat – Es sind erschreckende Zahlen, die die aktuelle Studie zur Gewalt an und gegen Frauen in Marokko ans Tageslicht gefördert hat. Die Hohe Kommission für Planung HCP veröffentlichte gemeinsam mit dem Gesundheitsministerium ihren Jahresbericht, bezogen auf das Erhebungsjahr 2019. Danach erlitten 82,6% der Frauen im Alter von 15 bis 74 Jahren in ihrem Leben mindestens einen Gewaltakt. Unter einem Gewaltakt fallen unteranderem alle Angriffe in Form physischer, psychischer, wirtschaftlicher und sexueller Art. „Mädchen und Frauen unter 50 Jahren sind die Altersgruppe, die den verschiedenen Formen von Gewalt am stärksten ausgesetzt sind und bei der die Häufigkeit über dem nationalen Durchschnitt liegt, insbesondere bei jungen Frauen im Alter von 15-19 Jahren und 20-24 Jahren gibt es Raten von 70,7% bzw. 65,8%“, erläutert der Vertreter des Gesundheitswesens in seinem jüngsten Bericht über Gewalt gegen Frauen und Mädchen, der sich auf die „nationale Erhebung über Gewalt gegen Frauen und Männer“ im Jahr 2019 bezieht.

Gewalt
Quelle – L’enquête nationale sur la violence à l’encontre des femmes et des hommes 2019

Je älter die Frauen sind, desto weniger sind sie Opfer geschlechtsspezifischer Gewalt, stellt dieselbe Studie fest und weist darauf hin, dass 51,6% der Frauen im Alter von 50-54 Jahren von Gewalt betroffen sind, 46,8% bei den 55-59jährigen und 33,2% bei den 60-74jährigen.

Regionale Unterschiede

Bei der Analyse der erhobenen Daten wurde festgestellt, dass in Ballungszentren lebende Frauen deutlich häufiger Gewalterfahrung machen mussten. So berichteten 71,1% der gefragten Frauen in der Region Casablanca-Settat von Gewalterfahrungen. Zugleich machten ca. 40% der Frauen in den eher ländlich geprägten Regionen entsprechende Erfahrungen.

HCP
Quelle – L’enquête nationale sur la violence à l’encontre des femmes et des hommes 2019

Hoher Bildungsgrad oder berufliche Tätigkeit senken das Risiko der Frauen nicht.

Der Bildungsgrad von Frauen schützt nicht vor Gewalt, da Frauen mit Schulbildung mehr Gewalt erfahren. Die Häufigkeit liegt bei 62,7% bei Frauen mit einem höheren Bildungsniveau, fast 65% bei Frauen mit einem College oder einer qualifizierenden Sekundarschulbildung, verglichen mit 49,6% bei Frauen ohne Schulbildung, stellt die Studie fest.

Je nach Art der Tätigkeit sind beruflich inaktive Frauen, insbesondere Hausfrauen, weniger anfällig für Gewalt (54,8%) als ihre erwerbstätigen aktiven Geschlechtsgenossinnen (64,2%) und sogar weniger als arbeitslose Frauen (73,5%).

Sexuelle Belästigung, der wichtigste Akt der Gewalt gegen Frauen an öffentlichen Orten

Was die Gewalt gegen Frauen an öffentlichen Orten betrifft, so stellt der Vertreter des Gesundheitswesens fest, dass der wichtigste Akt der Gewalt nach wie vor die sexuelle Belästigung ist.

Von den 12,6% der Frauen, die in den letzten 12 Monaten an öffentlichen Orten angegriffen wurden, waren laut dem Vertreter des Gesundheitswesens 7,7% Opfer sexueller Gewalt, 4,9% Opfer psychologischer Gewalt und 3% Opfer physischer Gewalt.

Cyber-Gewalt (Cybermobing) betrifft vor allem in Städten lebende Frauen

An einer anderen Front lenkt das HCP die Aufmerksamkeit auf die Cyber-Gewalt (Cybermobbing), von der hauptsächlich in Städten lebende Frauen, junge Frauen, Studentinnen und Alleinstehende betroffen sind.

Fast 1,5 Millionen Frauen sind Opfer von Cyber-Gewalt, eine Häufigkeit von 13,8%, stellt die Studie fest und gibt an, dass städtische Gebiete mit 15,5% stärker betroffen sind als ländliche Gebiete (9,4%). Nach der Region Casablanca-Settat (19,4%) sind die Regionen Tanger-Tetouan-Al Hoceima (17,5%) und Souss-Massa (16,1%) die Regionen mit den meisten Opfern.

Cyber-Gewalt
Quelle – L’enquête nationale sur la violence à l’encontre des femmes et des hommes 2019

Derselben Umfrage zufolge ist das Risiko bei jungen Frauen im Alter von 15 bis 24 Jahren (24,4%), bei Frauen mit Hochschulbildung (25,4%), bei unverheirateten Frauen (30,1%) und bei Studentinnen (35,7%) sogar noch höher, mit dem Hinweis, dass dies auf die zunehmende Nutzung von Kommunikationstechnologien und sozialen Netzwerken durch diese Gruppen zurückzuführen sein könnte.

Cyber-Gewalt wird meist von Männern (86,2%) verübt, insbesondere von unbekannten Männern (72,6%). Allerdings weisen 3,6% der Opfer auch auf Familienmitglieder, 3,3% auf Freunde, 4,3% auf Ehepartner, 4,3% auf Lehrer und Schulkameraden und 3,6% auf männliche Arbeitskollegen hin. Dabei geht es vor allem, um Rufschädigung, Verleumdung, sexuelle Belästigung oder Bloßstellung mit Hilfe privater Dialoge oder intimen Fotos bzw. Video.

Umfang und Zielsetzung der Studie

Im Rahmen des Bestrebens, geschlechtsspezifische Statistiken zur Unterstützung der öffentlichen Politik zu erstellen, zu verbreiten und zu nutzen, trägt die Durchführung der nationalen Erhebung über Gewalt gegen Frauen und Männer 2019 zu den Bemühungen Marokkos bei, die Umsetzung der Agenda 2030, die sich der Gleichstellung der Geschlechter widmet, zu überwachen.

Diese Studie wurde zwischen Februar und Juli 2019 bei einer Stichprobe von 12.000 Mädchen und Frauen sowie 3.000 Jungen und Männern im Alter von 15 bis 74 Jahren durchgeführt, die die verschiedenen sozialen Schichten und Regionen des Landes repräsentierten.

Die Erhebung 2019 liefert zwar ein Verständnis der verschiedenen Formen von Gewalt und der Umstände, unter denen sie auftreten, befasst sich aber auch mit den Determinanten von Gewalt, der gesellschaftlichen Wahrnehmung und den sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen dieser Gewalt auf das Individuum, den Haushalt und die Gesellschaft. Eine Betrachtung der letzten Jahre zeigt auf, dass sich die Situation nicht verbessert hat. Zwar schwanken die Werte über die Jahre teils deutlich, doch im Großen und Ganzen blieb die Lage für die Frauen schlecht.

Frauen
Quelle – L’enquête nationale sur la violence à l’encontre des femmes et des hommes 2019

Den gesamte Bericht finden Sie hier:

in arabischer Sprache (hier)
in französischer Sprache (hier)

Vorheriger ArtikelMarokko – Bildungsminister erläutert Rechenschaftsbericht vor Parlament.
Nächster ArtikelMarokko – Abnehmender Trend bei Coronavirus Neuinfektionen