Marokko – Youssoufi die politische Icone des marokkanischen Sozialismus.

Premierminister Youssoufi half den Übergang von König Hassan II. zu König Mohammed VI. stabil zu gestalten.

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Marokkanischer Premierminister von 1998-2002, Abderrahman Youssoufi

Mit Abderrahman Youssoufi verlor Marokko einen der glaubwürdigsten Politiker und einen der letzten wenigen Zeitzeugen der jüngeren Geschichte des Königreiches.

Rabat – In den frühen Morgenstunden des 29. Mai 2020 starb der ehemalige marokkanische Premierminister, Abderrahman Youssoufi, im Alter von 96 Jahren in einem Krankenhaus in Casablanca.

Die Anteilnahme ist national wie international groß. Nahezu einheitlich wird sein politisches Leben und sein Engagement für das Königreich Marokko sowie für die arabische Welt gewürdigt. Obwohl er nur vier Jahre Regierungschef gewesen ist, hat sein Wirken vor der Übernahme dieses Amtes und danach bis heute Auswirkungen. Vor allem steht er für eine Generation von Politikern, die die Unterdrückung während der Kolonialzeit erlebt und das Wohl der marokkanischen Nation an erster Stelle gestellt haben.

Opfer und Kampf um Unabhängigkeit

Youssoufi wurde während des Rif-Krieges am 8. März 1924 in Tanger geboren und lernte schon sehr früh Themen wir Patriotismus und Opfer für das Vaterland kennen. Die Youssoufi-Familie stammt aus der Volksgruppe der Amazigh und bei seiner Einschulung sprach er Tamazight (regionale Amazigh-Sprache) und Französisch. Erst in der Schule lernte er Hocharabisch sowie Darija (marokkanisches Arabisch).
In dieser Zeit stand Marokko unter französischem Protektorat, und Youssoufis Familie gehörte zu denen, die sich für die Befreiung ihres Landes einsetzten und auch für ihr Engagement einen hohen Preis zahlen mussten. Youssoufi´s älterer Bruder Abdeslam sprach sich gegen die französischen Kolonialmächte aus. Die damaligen Behörden in Französisch-Marokko gingen gegen Abdeslam vor und nahmen ihn in Gewahrsam. Sein jüngerer Bruder sollte ihn nie wieder sehen.

Der Mentor Mehdi Ben Barka

Nach seinem Schulabschluss verließ Youssoufi 1936 seine Familie, um seine Ausbildung am Moulay-Youssef-Kolleg in Rabat fortzusetzen.

Während seines Studiums sollte Youssoufi sein politisches Erwachen erleben. Er freundete sich mit einem charismatischen und geborenen Führer an. Mehdi Ben Barka, der dazu bestimmt war, eine der bedeutendsten Figuren des marokkanischen Sozialismus zu werden, nahm den jüngeren Studenten unter seine Fittiche. Durch Ben Barka schloss sich Youssoufi einer Gruppe von engagierten und jungen Männern an, die das Ziel eines unabhängigen Marokkos verfolgten. Abderrahman Youssoufi wurde Mitglied der Al-Istiqlal-Partei (Unabhängigkeitspartei) und stürzte sich mit nur 19 Jahren in den Kampf für ein freies Marokko.

Am 11. Januar 1944 veröffentlichte die neu Al Istiqlal Partei das Manifest zur Unabhängigkeit Marokkos. Das Manifest rief zu einem befreiten Marokko unter der Führung von Sultan bzw. später König Mohammed V. auf. Marokkos Bevölkerung protestierte und vorne weg standen unter anderem die Studenten der Universität Moulay Youssef in Rabat.

Frankreich will Unabhängigkeitsbewegung stoppen.

Das Manifest forderte eine demokratische, verfassungsmäßige Regierung, die die Rechte aller Marokkaner garantiert. Die französische Kolonialmacht reagierten umgehend, indem sie gegen die Bewegung vorgingen und die Verantwortlichen für das Aufleben des marokkanischen Nationalismus bestraften. Die Moulay-Youssef Universität schloss Youssoufi am 29. Januar 1944 wegen politischen Aktivismus aus. Darauf hin verließ er die marokkanische Hauptstadt und zog nach El Jadida. Dort kam er bei Freunden unter, um später nach Casablanca weiter zu ziehen.

Erste politische Führungsfunktionen innerhalb von Gewerkschaften.

In Casablanca übernahm er im Auftrag der Al-Istiqlal-Partei Führungsaufgaben in der Gewerkschaftsbewegung, die sich, vor allem in den Fabriken der Industriestadt, entwickeln wollte. So soll er sich für Alphabetisierungsprogramme für Fabrikarbeiter eingesetzt haben.

1949 beschloss Youssoufi nach Paris zu ziehen, um sein Studium der Rechtswissenschaften fortzusetzen. In Paris beendete Youssoufi sein Jurastudium. Der junge Jurist und weiterhin Anhänger eines befreiten Marokkos baute ein Netzwerk auf und beschäftigte sich mit Schlüsselfiguren der marokkanischen Unabhängigkeitsbewegung, darunter Abderrahim Bouabid, der später Chef der linken Nationalen Union der Volkskräfte (NUFP) werden sollte. Zugleich schloss er sich der französische Bewegung für Arbeiter- und Immigrantenrechte an. Er engagierte sich für eingewanderte Arbeiter und baute sich parallel ein Netzwerk von Unterstützter innerhalb der Pariser Intellektuellen auf.

Rückkehr nach Marokko und Spaltung der politischen Linken.

1952 kehrte Youssoufi in das weiterhin besetzte Marokko zurück, um in seiner Heimatstadt als Anwalt zu arbeitet. Wenig später wurde er Vorsitzender der lokalen Anwaltskammer. Gleichzeitig intensivierten sich die Unabhängigkeitsbestrebungen und der Menschenrechtsanwalt Youssoufi schloss sich wieder an. Nachdem Marokko 1956 endlich seine Unabhängigkeit erlangt hatte, ging es um die politische Ausrichtung des Landes. Eine Frage die wenige Jahre später die Unabhängigkeitspartei spalten sollte. Im Jahr 1960 kam es zur politischen Spaltung der Al-Istiqlal-Partei. Youssoufi verließ seine alte Partei und seinen alten Freund Ben Barka zugunsten der neu gegründeten NUFP. In seiner Rolle als Chefredakteur der parteieigenen Zeitung „Attahris“ zog er den Zorn der Monarchie auf sich. In einem Leitartikel im Jahr 1963 wurde die Position der NUFP erläutert, unter anderem wurde erläutert, dass die Regierung zunächst dem marokkanischen Volk und dann seinem König gegenüber verantwortlich ist.

Premierminister
Quelle Facebook – Marokkanischer Premierminister von 1998 bis 2020, Abderrahmane Youssoufi

Inhaftierung und Begnadigung durch König Hassan II.

Die marokkanische Regierung warf der Partei vor, sie habe versucht, die marokkanische Monarchie zu stürzen, und Youssoufi sowie mehrere NUFP – Mitglieder wurden verhaftet. Er wurde wegen Dissidenz angeklagt und zu einer zweijährigen Haftstrafe verurteilt. Im März 1965 brachen in Casablanca politische und soziale Unruhen aus und es kam zu einem blutigen Konflikt zwischen den marokkanischen Sicherheitskräften und der sozialistischen Opposition. König Hassan II. verkündete eine Amnestie für die politischen Führer des Aufstands und versprach der Opposition mehr Rechte. Zugleich verschwand Youssoufis alter Freund und politischer Verbündeter Ben Barka in Paris, unter bis heute nicht abschließend geklärten Umständen. Aus Sorge um seine Sicherheit verließ Youssoufi Marokko erneut in Richtung Frankreich, wo er sich 15 Jahre lang für Menschenrechte einsetzte.

Die Sorge war begründet. Die Staatsanwaltschaft lies in Abwesenheit mehrere Anklagen verhandeln. Von 1969 bis 1975 wurde der spätere Premierminister in einer Reihe von Prozessen in Abwesenheit wegen Hochverrats zum Tode verurteilt. Erst 1980 und nach einer Begnadigung durch König Hassan II. konnte er in sein Heimatland einreisen.

Erneutes Engagement gegen das marokkanische Regime.

Zurück in Marokko unterstützte Youssoufi seinen alten Verbündeten aus Studienzeiten in Frankreich, Bouabid, der Generalsekretär einer neuen politischen Partei war, die aus den Resten der NUFP entstand. Die Sozialistische Union der Volkskräfte (SUFP) setzte ihre Opposition gegen die marokkanische Regierung fort. Sie unterstützte die Gewerkschaften durch mehrere Generalstreiks im Jahr 1981 und verurteilte damalige Massenverhaftungen scharf. Nach dem Tod seines Freundes Bouabid 1992 wurde Youssoufi Generalsekretär der Partei. 1993 boykotierte Youssoufi und die Partei die Parlamentswahlen, die seiner Ansicht nach undemokratischen waren. Er verließ Marokko erneut in Richtung Frankreich.

Youssoufi gab seinen Patriotismus und sein Engagement für sein Land nicht auf und blieb nicht lange in Frankreich. Er führte seine Partei weiterhin und widmete sich der Lobbyarbeit und Kampagnen für mehr Demokratie und Redefreiheit.

Sozialisten gewinnen Parlamentswahlen.

Marokko befand sich Ende der 1990 er Jahre in einer schwierigen politischen und wirtschaftlichen Lage. Erste schwere Dürreernten und eine erdrückende Staatsverschuldung verringerten den Handlungsspielraum. Die allgegenwärtige Korruption drohte soziale Unruhen auszulösen. Nach einer Verfassungsreform im Jahr 1996 ging das Land bei den Parlamentswahlen 1997 an die Wahlurnen. Die Wahlen gewannen die sozialistischen Parteien mit deutlichem Vorsprung. Dann, am 4. Februar 1998, forderte König Hassan II. den 74-jährigen Youssoufi auf, die Regierungsbildung und das Amt des Premierminister zu übernehmen.

Premierminister Youssoufi half den Übergang von König Hassan II. zu König Mohammed VI. stabil zu gestalten.

Unter Youssoufis Amtszeit als Premierminister verzeichnete Marokko spürbare Fortschritte in den Bereichen Menschenrechte und Redefreiheit.

Im Juli 1999 verunsicherte Marokko der Tod von König Hassan II., weil in Marokko niemand den neuen König Mohammed VI. einzuschätzen wusste. Zwar galt der junge König damals als Hoffnungsträger, der Reformen anstreben würde, aber er galt auch durch seinen Vater zu wenig in die aktuellen Amtsgeschäfte eingeführt. König Mohammed VI. behielt Premierminister Youssoufi, was sich als politisch kluger Schritt erwies. Zum einen blieb die Regierung stabil und zu anderen entpuppte sich der kritische sozialistische Kopf Marokkos als verlässlicher Vertrauter des neuen Königs, ja vielleicht als Mentor und Lehrer im politischen Geschäft. Bis heute glauben politische Beobachter, dass zahlreiche Reformen der frühen Jahre von König Mohammed VI., sowie das im vergleich zu seinem Vater, dem verstobenen König Hassan II., deutlich größeres soziales Engagement, auf den ideologischen Einfluss von Abderrahman Youssoufi zurückzuführen sind.

Vertrauensvolles Verhältnis zu König Mohammed VI.

Es gibt auch Kritik an dem ehemaligen und nun verstorbenen Premierminister. Gerade seine Mitstreiter aus dem sozialistischen Lager werfen Youssoufi vor, dass er zu wenige gegen die Monopolisierung großer Bereiche der marokkanischen Wirtschaft durch die Elite des Landes getan hat. Die wirtschaftliche Kontrolle liegt, teils vergleichbar mit dem russischen Model, in den Händen von Familien und Oligarchen, was als wesentliches Hemmnis der wirtschaftlichen Entwicklung und Verringerung des sozialen Ungleichgewichts erachtet wird. Doch seine Leistungen werden gerade heute nicht geschmälert.

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Quelle MAP – König Mohammed VI. besucht Ex-Premierminister Abderrahmane Youssoufi 2016 im Krankenhaus

Zahlreiche Verbesserungen bei der Dezentralisierung der Verwaltung, die erste Justizreform, Entwicklungen bei den Menschenrechten und bei der Meinungsfreiheit wurden während seiner Amtszeit und während der engen Zusammenarbeit zwischen ihm und König Mohammed VI. angestoßen. Bis zuletzt pflegten der marokkanische König und sein erster Premierminister ein vertrauensvolles Verhältnis.

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