Tunesien – 65. Jahrestag der Unabhängigkeit.

Entkolonialisierung nach dem Zweiten Weltkrieg.

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Tunis
Tunesische Hauptstadt Tunis

Am 20. März 1956 entließ Frankreich das Land in die Unabhängigkeit.

Tunis – Das nordafrikanische Land Tunesien begeht heute seinen 65. Unabhängigkeitstag. Zuvor war Tunesien seit dem 16. Jahrhundert Teil des Osmanischen Reiches und von 1881 französisches Protektorat.

Unter der Herrschaft der Osmanen regierten in Tunesien Stadthalter mit nahezu monarchischer Position. Die sog. „Bey“ regierten im Auftrag der Osmanischen Herrscher über Dreijahrhunderte hinweg mit teils großer Autonomie und Verantwortung für Wirtschaft, Steuerwesen und Justiz. In dieser Zeit entwickelte sich das Land durch viele politische Reformen und wurde zugleich durch ungezügelte Ausgaben und einer erdrückenden Steuerpolitik in den Ruin getrieben. 1869 war das Land unter Muhammad al-Husain III. oder „Sadok Bey“ gezwungen, die nationale Zahlungsunfähigkeit (Staatsbankrott) zu erklären. Unter der Führung Englands, Frankreichs und Italiens wurde die tunesische Wirtschaft unter Fremdverwaltung gestellt und umstrukturiert.

Das französische Protektorat

Frankreich rückte mit seinen Truppen im Jahr 1881 in Tunesien ein. Als Vorwand dienste ein lokaler Konflikt im Norden Tunesiens. Das Volk der Khrumir bewaffnete sich und überquerte bei seinen Aktionen die Grenze zum benachbarten Algerien, das bereits eine Kolonie Frankreichs gewesen ist. Dies bot der damaligen europäischen Supermacht die Gelegenheit, die Kontrolle über Tunesien zu übernehmen und damit letztendlich über große Teile des Maghreb, von Marokko, Mali, Algerien bis nach Tunesien. Nach nur dreiwöchigen Kampfhandlungen erreichten die französischen Truppen die Hauptstadt Tunis. Am 12. Mai 1881 zwangen sie den damaligen Sadok Bey zur Unterzeichnung des Vertrags von Bado, der Tunesien zum offiziellen Protektorat Frankreichs machte. Der Vertrag regelte zunächst die Übergabe der Machtbefugnisse hinsichtlich Außen- und Verteidigungspolitik. Zwei Jahre später unterzeichnete der neue Stadthalter Ali Bey den Vertrag von La Marsa, der Frankreich auch innenpolitische Befugnisse übertrug. Dafür wurden Tunesien die Auslandsschulden gegenüber Frankreich erlassen.

Erste Unabhängigkeitsbewegungen.

Ähnlich wie in den übrigen Maghreb – Staaten unter französischer Kontrolle entwickelte sich auch in Tunesien eine Unabhängigkeitsbewegung. Im Jahr 1907 gründete sich die „Jeunes Tunesiens“, die mit Boykottaufrufen gegen die Vertreter Frankreich im Land rebellierten. Im Jahr 1920 trat dann die nationalistische Destour Partei in Erscheinung, die entsprechend ihres Namens (Verfassungs-Partei) eine auf die Unabhängigkeit ausgerichtete Verfassung forderte. Rund 14 Jahre später spaltet sich die Partei. Der damals junge Anwalt und spätere Staatspräsident Habib Bourguiba gründet 1934 die Néo-Destour-Partei. Sie band schnell zahlreiche Anhänger an sich, für den Kampf gegen die französische Besatzung. Als es im Jahr 1938 zu Unruhen kam, wurde die Néo-Destour-Partei verboten und ihr Anführer verhaftet.

Tunesien
Nur noch wenige Zeitzeugen des Kampfs um Unabhängigkeit

Entkolonialisierung nach dem Zweiten Weltkrieg.

Nach schwierigen Jahren während des Zweiten Weltkrieges und schweren Kampfhandlungen zwischen Nazi-Deutschland und England auf tunesischem Gebiet, erfasste nach Kriegsende auch Nordafrika die Zeit der Entkolonialisierung. Die Kolonialmächte gingen geschwächt aus dem Weltkrieg hervor und konnten sich den teuren Kampf gegen die Unabhängigkeitsbestrebungen Tunesien, aber auch Algeriens und Marokkos, immer weniger leisten. Habib Bourguiba, der zwischenzeitlich vom italienischen Diktator Mussolini inhaftiert wurde, kehrte 1943 ins Land zurück, musste aber 1947 in Exil nach Ägypten und konnte erst 1949 nach Tunesien zurückkehren. Der Kampf um Freiheit intensivierte sich zunehmend. 1952 entsandte Frankreich nochmals ca. 25.000 – 30.000 Soldaten und Habib Bourguiba wurde erneut inhaftiert. Nach Anschlägen und politischen Morden auf beiden Seiten versprach 1954 der damalige französische Premierminister Pierre Mendès-France Verhandlungen über eine Unabhängigkeit. Im Jahr 1955 unterzeichnete Frankreich ein Abkommen über eine innenpolitische Autonomie, um dann am 20. März 1956 die Unabhängigkeit formal umzusetzen. Trotz der Unabhängigkeit blieben französische Truppen nahe Bizerta noch bis 1963 stationiert.

Habib Bourguiba
Denkmal Habib Bourguiba in Tunesien

Republik Tunesien

Etwas mehr als ein Jahr danach (Juli 1957) stimmte die verfassungsgebende Versammlung für die Abschaffung der Monarchie und er letzte Bey, Sidi Lamine, musste abdanken. Damit wurde die Republik Tunesien ausgerufen, ein Parlament mit zwei Kammern eingeführt und 1959 Habib Bourguiba zum ersten Präsidenten gewählt. Er sollte bis 1989 Präsident Tunesiens bleiben. Unter ihm erlebte das Land eine zwiegespaltene Entwicklung. Ähnlich wie in der Türkei unter Atatürk leitete er zahlreiche soziale und politische Reformen ein. So stärkte er die rechte der Frauen, schaffte das Prinzip der männlichen Vormundschaft ab und verbot die Polygamie. Zugleich versprach er den Menschen Demokratie, handelte aber zunehmend autokratisch, was sich unter seinem Nachfolger Zine El-Abidine Ben Ali noch verschärfen sollte. Erst im Jahr 2011 stürzte das Volk Ben Ali im Rahmen des Arabischen Frühlings und fand den Weg zur Demokratie, deren Geburtsschmerzen das Land bis heute erträgt.

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