Tunesien – Jugendliche protestieren auf den Straßen

Tunesier werfen politischer Klasse Versagen vor.

329
Tunesien
Unruhen nahe der tunesischen Hauptstadt und anderen Orten des Landes gegen die soziale Notlage.

Ausschreitungen und Zusammenstöße mit Sicherheitskräften in Tunis und anderen Orten Tunesiens.

Tunis – Tunesien erlebte ein Wochenende mit Gewalt auf den Straßen. Rund um den 10. Jahrestag der Vertreibung von Machthaber Ben Ali und einem ersten Höhepunkt des sog. arabischen Frühling im Jahr 2011 in Tunesien gehen vor allem junge Menschen wieder auf die Straße. In zahlreichen Städten, aber vor allem in den ärmeren Vororten der tunesischen Hauptstadt Tunis, gab es Proteste und in der Nacht Unruhen. Brennende Barrikaden und Gewaltausbrüche führten zu Zusammenstößen mit der Polizei und dem Militär. Dutzende Jugendliche, meist Minderjährige im Alter von 14 bis 17 Jahren, seien nach Zusammenstößen in den vergangenen drei Tagen festgenommen worden, sagte der Sprecher des Innenministeriums, Khaled Hayouni, am Sonntag, den 17. Januar 2021, gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. Nach Medienberichten sollen es ca. 630 Verhaftungen gegeben haben.

Frustration über soziale und wirtschaftliche Lage

Auch wenn dieser Jahrestag durch eine viertägige allgemeine Ausgangssperre, die am Sonntag nochmals verlängert wurde, um den Anstieg bei Coronavirus SARS-COV 2 Neuinfektionen einzudämmen, nicht offiziell begangen werden konnte, brachen die Unruhen, ohne einen konkreten und aktuellen Auslöser, aus. Diese Zusammenstöße fanden im Kontext der aktuellen politischen Instabilität und einer sich verschlechternden sozialen Situation in Tunesien statt. Der seit Wochen das Parlament lähmende Streit, soll nun durch eine erneute Regierungsumbildung entschärft werden. Gefühlt findet alle paar Monate eine solche Kabinettsumbildung oder die Absetzung des Premierministers statt.

Sicherheitskräfte wieder Feinde

Es fanden wieder Straßenkämpfe statt. Teenager warfen mit Steinen. „Das ist für die Feinde“, sagte einer von ihnen spöttisch und mit Hinweis auf die Polizeibeamten, so Medienberichte. Neben den Steinen kamen auch Feuerwerkskörper von Seiten der Jugendlichen zum Einsatz. Der Staat reagierte mit einem großen Aufgebot von Polizei und Nationalgardisten. Neben Appellen an die vor allem jungen Männer sich zurückzuziehen kam es zum Einsatz von Tränengas und Schlagstöcken.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Tunesier werfen politischer Klasse Versagen vor.

„Wenn es jemanden gäbe, der unsere dummen Politiker verurteilt… Diese Delinquenten sind nur das Ergebnis ihres Versagens!“, sagt Abdelmonem, ein Kellner in einem Café, gegenüber AFP. Für Abdelmonem „sind es junge Teenager, die sich langweilen, die diese Gewalt ausüben“. Aber der 28-Jährige glaubt, dass „es die politische Klasse ist, die die Ursache für diese Spannungen darstellt. Die Spannungen zwischen den verschiedenen Parteien in einem zersplitterten Parlament sind seit den Wahlen 2019 sehr ausgeprägt und behindern die Regierung, die am vergangenen Samstag erneut umgebildet wurde und auf ihre Absegnung durch das Parlament wartet.

Die Konflikte im Parlament lähmen das Land zu einer Zeit, in der sich die soziale Notlage durch die Coronavirus-Pandemie verschärft und die Arbeitslosigkeit ebenso steigt wie die Inflation. Die Pandemie legt das Versagen der öffentlichen Dienste deutlich offen. „Ich sehe hier keine Zukunft! Alles ist traurig, entwürdigend, wir stecken wirklich in der Scheiße“, sagte der Kellner zu AFP und zeigte sich entschlossen, „so schnell wie möglich in See zu stechen und nie wiederzukommen“.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

 

 

Empfohlener Artikel