Tunesien – Langzeitfolgen der Coronavirus – Pandemie erheblich.

Regierung hat kaum wirtschaftlichen Spielraum für Gegenmaßnahmen.

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Tunis
Tunesische Hauptstadt Tunis

Die Coronavirus – Pandemie schädigt die Wirtschaft und droht katastrophale soziale Folgen auszulösen.

Tunis – Die Maßnahmen Tunesiens zur Bewältigung der steigenden Zahl von Coronavirus-Fällen werden in einem Land, das bereits wirtschaftlich angeschlagen ist, katastrophale soziale Folgen haben, warnen Beobachter. Dazu gehören eine steigende Arbeitslosigkeit und eine drohende neue Pleitewelle.

„Die erste Welle der Epidemie hat nach unseren Schätzungen zum Verlust von 165.000 Arbeitsplätzen geführt“, sagte Béchir Boujday, Vorstandsmitglied von Utica, dem wichtigsten Arbeitgeberverband in Tunesien, gegenüber der Nachrichtenagentur AFP.

40% der Handwerksbetriebe haben bereits geschlossen, und etwa 35% der Klein und Mittelständigen Unternehmen KMUs sind „von einer Pleite bedroht“, sagte er und er sei besorgt zu einer Zeit, in der die Behörden eine Reihe neuer Eindämmungsmaßnahmen angekündigt haben, um die Coronavirus Pandemie zu bekämpfen.

Coronavirus – Infektionszahlen und COVID-19 Todesfälle zuletzt angestiegen.

Seit März hat Tunesien, nach Angaben der Behörden, mehr als 28.000 Fälle von Covid-19 registriert, darunter mehr als 400 Todesfälle. Das Land verzeichnet derzeit täglich mehr als 20 Todesfälle durch COVID-19, verglichen mit insgesamt 50 Todesfällen zwischen März und Ende Juni.

Die Behörden verboten Anfang Oktober alle Versammlungen und setzten am Donnerstag, dem 8. Oktober 2020, in vielen Teilen des Landes, einschließlich der gesamten Region Tunis, eine 15-tägige Ausgangssperre wieder ein.

Die Regierung schloss jedoch eine allgemeine Beschränkung wie die im Frühjahr eingeführte aus und betonte, daß das Land sich diese nicht leisten könne.

Die Arbeitslosigkeit steigt schnell und deutlich.

In der ersten Jahreshälfte stieg die Arbeitslosenquote nach Angaben des Nationalen Instituts für Statistik (INS) von 15% auf 18%. Die Regierung und die UNO befürchten laut AFP, dass sie bis Ende des Jahres 21,6% erreichen könnte, was im Jahr 2020 fast 274.500 neue Arbeitslose bedeuten würde.

Jugend
Menschen im informellen Sektor des Arbeitsmarktes

Viele Arbeitsplätze sind im informellen Sektor verschwunden, in dem laut INS etwa 44% der tunesischen Arbeitnehmer beschäftigt sind, insbesondere in der Landwirtschaft, im Gaststättengewerbe, im Handel und im Tourismus. Alles für Tunesien sehr wichtige Wirtschaftsbereiche, die von der Pandemie hart getroffen wurden.

In Tunis und anderen von der Pandemie stark betroffenen Gebieten wurden Stühle in Cafés von den Behörden verboten. Eine Entscheidung, die „100.000 Familien gefährdet“, so die Gewerkschaftskammer der Cafébesitzer.

Vorhandene politische Probleme verschärfen sich.

Tunesien, das stark von internationalen Geldgebern abhängig ist, hatte bereits vor der Pandemie Mühe, die sozialen Erwartungen zu erfüllen, wobei die Tunesier die mangelnde Verbesserung ihres Lebensstandards zehn Jahre nach der Revolution anprangerten. Hinzu kommt eine wenig hilfreiche politische Instabilität. Die Streitigkeiten im Parlament und zwischen den säkularen, liberalen und gemäßigten Parteien mit der islam-konservativen und der Ideologie der Muslimbruderschaft nahestehenden Ennadha führten zu ständigen Regierungswechseln. Eine politische Instabilität, die Investitionen erschwert.

Parlament
Tunesisches Parlament

Regierung hat kaum wirtschaftlichen Spielraum für Gegenmaßnahmen.

Zum Zeitpunkt des landesweiten Lockdowns im März hatte die Regierung ein einmaliges Hilfspaket von 200 Dinar (67 Euro) an die bedürftigsten Familien ausgezahlt und einen Hilfsplan für Unternehmen in Höhe von 700 Millionen Dinar (235 Millionen Euro) zugesagt. Der berühmte Tropfen Wasser auf den heißen Stein. Zu diesem Zeitpunkt propagierte man, dass Gesundheit und Leben der Menschen einen höheren Wert haben, als Geld. Das hat sich geändert. Einen landesweiten Lockdown soll es nicht mehr geben, weil man sich diesen nicht mehr leiten kann.

Aber die Regierung hat auch nur wenig Spielraum, um die Wirtschaft zu retten, so dass viele Indikatoren im roten Bereich liegen. Nach Angaben des INS, verzeichnete Tunesien im zweiten Quartal 2020 eine Rekordrezession von 21,6% seines BIP.

Der ehemalige Premierminister Elyes Fakhfakh hatte bereits im Juni davor gewarnt, dass die Verschuldung „eine erschreckende Höhe“ erreicht habe, wobei die Auslandsverschuldung des Landes mit 92 Milliarden Dinar (etwa 30 Milliarden Euro) allein 60% des BIP „die rote Linie“ überschritten habe.

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