Marokko – COVID-19 Impfstoffe kosten über 1,1 Mrd. MAD.

Über 100 Millionen Euro und mehr für Impfstoffe.

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Impfstoff
Warten auf COVID-19 Impfstoff

27 Mio. Dosen von AstraZeneca und Sinopharm bestellt. Ca. 60 Mio. Impfdosen werden benötigt.

Rabat – Bisher hat die marokkanische Regierung nicht bekannt gegeben, wie teuer die geplante COVID-19 Impfkampagne insgesamt werden wird. Die Gesamtkosten setzen sich aus der Bestellung der Impfstoffe aus dem Ausland und den Logistikkosten zusammen. Hinsichtlich der Logistik setzt man in Marokko auf die vorhandenen Krankenhäuser und medizinischen Zentren, die es vor allem in den Ballungszentren und Städten gibt. Dort wo die medizinische Versorgung schlechter oder nicht vorhanden ist, vornehmlich auf dem Land, wird man auf Kapazitäten des marokkanischen Militärs setzen müssen.

Militär
Quelle FAR – Feldkrankenhaus des marokkanischen Militärs

Bei den Impfstoffen ist das Königreich auf Importe angewiesen. Hier hat man sich Lieferungen von AstraZeneca und Sinopharm gesichert. Während die Logistikkosten schwer abzuschätzen sind, gibt es nun eine Grundlage für die erste grobe Eingrenzung der Impfstoffkosten.

Belgische Staatssekretärin veröffentlicht Impfstoffpreise.

Üblich ist es nicht, dass die Preise pro Impfdosis und Hersteller bekannt werden, den diese sind meist Bestandteil von vertraulichen Verträgen. Durch eine Kontroverse im belgischen Parlament sind einige Zahlen ans Licht gekommen. Die belgische Staatssekretärin für Haushalt und Verbraucherschutz, Eva De Bleeker, reagierte auf Kritik aus der Opposition, die der Regierung vorwarf, nicht genug an Impfstoff bestellt zu haben, durch die Veröffentlichung der Bestellmengen und Bezugsquellen inkl. der vereinbarten Preise auf Twitter. Die Übersicht ist inzwischen wieder gelöscht worden, doch der Geist ist aus der Flasche entlassen.

Impfstoffe
belgische Staatssekretärin für Haushalt und Verbraucherschutz, Eva De Bleeker veröffentlichte die Bestellmengen und Bezugsquellen inkl. der vereinbarten Preise auf Twitter

Große Preisunterschiede zwischen den Herstellern.

Von den beiden von Marokko bisher bevorzugten Herstellern ist AstraZeneca (AZ) in der belgischen Liste explizit genannt. Preise zum chinesischen COVID-19 Impfstoff gibt es offiziell nicht. Die Angaben zeigen eine große Preisspanne vom günstigsten Anbieter, AstraZeneca mit 1,78€ pro Dosis, bis zum teuersten Anbieter, Moderna mit 18,- US-Dollar (14,90€*) ebenfalls pro Dosis. Dabei ist zu beachten, dass die Impfstoffe in ihrer Anlage nicht vergleichbar sind, dennoch aber ein ähnliches Leistungs- bzw. Immunitätsversprechen beinhalten.

Da die Mitgliedsländer der Europäischen Gemeinschaft EU sich für eine gemeinsame Beschaffung entschieden haben, kann unterstellt werden, dass es sich nicht um spezifische belgische Preise handelt und diese als übergreifende Kalkulationsgrundlage geeignet sind.

Über 100 Millionen Euro und mehr für Impfstoffe.

Auf Basis dieser Tabelle lassen sich nun die Kosten für die marokkanische Impfkampagne erstmalig und grob abschätzen (ohne Logistik). Bisher hat Marokko nach eigenen Angaben 17 Mio. Dosen des AstraZeneca Impfstoffs und 10 Mio. Dosen von Sinopharm bestellt. Da der AstraZeneca – Impfstoff der günstigste zu sein scheint, wird man sich am unteren Ende der Kostenschätzung bewegen, wenn man unterstellt, dass der chinesische Sinopharm Impfstoff nicht teurer wird.

Daraus ergeben sich mindesten Impfstoffkosten von 48,06 Mio. EURO oder 518 Mio. MAD, bezogen auf die jetzige Bestellmenge (27 Mio. Dosen).
Das nordafrikanische Königreich hat aber angekündigt mindesten 80 % der Bevölkerung zu impfen. Dies wären aktuell ca. 30 Mio. Menschen. Jede Person muss zwei Mal geimpft werden, um den vollen Schutz zu erhalten. Damit benötigt Marokko ca. 60 Millionen Impfdosen zu mindesten 1,78€ pro Dosis. Daraus ergeben sich Kosten von mindesten 106,8 Millionen EURO oder 1,17 Mrd. marokkanische Dirham MAD*.
Sollte Marokko für Sinopharm einen höheren Preis als für AstraZeneca zahlen oder bei den anderen Anbietern zu höheren Preisen bestellen müssen, steigen die Kosten entsprechend an.

Marokkanische Regierung hält Preise unter Verschluss.

Die genaue Kalkulation ist aber sehr schwierig. Mit Bezug auf den chinesischen Impfstoff Sinopharm äußerte sich der marokkanische Gesundheitsminister vor einigen Wochen. „Da Marokko an internationale Abkommen gebunden ist, einschließlich derer über Vertraulichkeit bei Handelsgeschäften, ist es nicht möglich, den Preis offen zu legen, zu dem der marokkanische Staat diesen Impfstoff kaufen wird“, wich Minister Khalid Aït Taleb in einem Interview mit TelQuel im Dezember 2020 aus.

Gesundheitsminister
Quelle Gesundheitsministerium – Gesundheitsminister Marokko Prof Khalid Aït Taleb

Bezüglich der Kosten für den Erwerb des von Sinopharm CNBG entwickelten Impfstoffs bestätigte Khalid Aït Taleb, dass die Geheimhaltung des Preises Teil der Wahrung der chinesischen Interessen ist. Für China sind Impfstoffe Teil einer „Gesundheitsdiplomatie“, die Peking vor allem in Entwicklungsländern betreibt.

Hersteller geben Hinweise auf wahre Impfstoffpreise.

Bereits im Mai letzten Jahres bezeichnete der chinesische Präsident Xi Jinping den chinesischen Impfstoff als „öffentliches Gut“, das zugänglich und erschwinglich sein soll. Im August kündigte Liu Jingzhen, der vor kurzem angesetzte Chef des staatlichen chinesischen Pharmakonzerns Sinopharm, an, dass eine doppelte Dosis des Produkts 140 US-Dollar (etwa 115 Euro oder 1.239 MAD*) kosten wird, sobald dieses auf dem Markt ist.

Damit wäre das chinesische Produkt, um einiges teurer als der zweite von Marokko bestellte und von AstraZeneca-Oxford entwickelte Impfstoff. Die marokkanischen Lieferungen des britischen Impfstoffs werden über das Serum Institute of India (SII) bezogen, wie in der vom Gesundheitsministerium am 6. Januar 2021 erteilten Notfallzulassung angegeben ist.

AstraZeneca
Britischer Pharmakonzern produziert unter anderem Impfstoffe gegen COVID-19

Sein CEO, Adar Poonawalla, kündigte kürzlich an, dass die ersten 100 Millionen Dosen, die die Pharmafabrik verlassen, für die indische Regierung zum „Sonderpreis“ von 200 Rupien (ca. 25 MAD) bestimmt sind, während die auf dem Privatmarkt verkauften Dosen 1.000 Rupien (ca. 125 MAD) kosten sollen.

Obwohl dies von der indischen Regierung schnell dementiert wurde, sind diese Zahlen im Umlauf. In Europa hatte z.B. AstraZeneca Ende November mitgeteilt, dass sein Impfstoff in Frankreich zunächst „zum Selbstkostenpreis“, d.h. für ca. 2,5€, vermarktet werden soll. Nun wird aus den belgischen Zahlen bekannt, dass es auch günstiger geht.

Impfkampagne in Marokko kostenlos und soll bis Mai abgeschlossen sein.

Auf direkte Anweisung von König Mohammed VI. ist die Impfung in Marokko kostenlos. Alle Bürgerinnen und Bürger ab dem 18. Lebensjahr, mit einer marokkanischen Staatsbürgerschaft und ständigem Wohnsitz im Königreich sowie Ausländer mit einem Aufenthaltstitel für Marokko können sich freiwillig impfen lassen.

König
König Mohammed VI. und Gesundheitsminister Prof. Khalid Aït Taleb

In einem ersten Schritt werden das medizinische Personal und Mitarbeiter von systemrelevanten Einrichtungen geimpft. Im späteren Verlauf soll dann die Massenimpfung erfolgen. In einem kürzlich veröffentlichten Interview schätzte der marokkanische Gesundheitsminister, dass die gesamte Impfkampagne ca. 12 Wochen dauern wird. Bei günstigen Umständen will man bis Mai 2021 eine Herdenimmunität von 80% in der Bevölkerung erreichen.
Über die genauen Kosten für den marokkanischen Staat wird man wohl erste zur Haushaltsdebatte 2022 mehr erfahren. Zu befürchten ist, dass die Kosten die 1,1 Mrd. MAD Schätzung deutlich übertreffen werden. Gleich wie hoch die Kosten letztendlich sein werden, eine Alternative zu Impfung gibt es weltweit nicht.

*Wechselkurs Stand 15. Januar 2021

Marokko – COVID-19 Impfkampagne soll bis Mai beendet sein.

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