Marokko – Deutscher Elektrobetrieb lehnt Bewerber wegen marokkanischer Herkunft ab.

Verstoß nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG).

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Marokkaner
Marokkanische Herkunft hinderlich für Anstellung.

Örtliche Handwerkskammer empfiehlt Mitglied einen Marokkaner wegen seiner Herkunft nicht einzustellen.

Köln – Das Thema Diskriminierung ist vielen Menschen nicht fremd. Nicht weil darüber schon mal gern hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird oder weil man es in den Medien in kleinen Beiträgen oder Talkshows um 23:45 Uhr anspricht, sondern weil viele Menschen tatsächlich davon betroffen sind.

Nach Angaben der Antidiskriminierungsstelle des Bundes gab es im Jahr 2019 3.580 Beratungsanfragen wegen Diskriminierung. * Das entspricht einem Zuwachs von 3,6% gegenüber dem Vorjahr. Gegenüber dem Jahr 2016 sind das 955 oder über 36% mehr Fälle. In dieser Statistik sind natürlich keine Fälle enthalten, die nicht gemeldet wurden oder die im Verborgenen abgelaufen sind. Die Dunkelziffer ist sicherlich nicht gering.

Viele Vorfälle kommen nicht an die Öffentlichkeit, weil die Betroffenen nicht in der Lage sind, sich zu wehren, Nachteile für das Berufsleben befürchten oder schlicht nichts über ihre Möglichkeiten wissen. Noch schlimmer ist es, dass viele Formen der Diskriminierung bereits Alltag geworden sind und daher von vielen Tätern nicht mehr wahrgenommen oder von den Opfern als „normal“ hingenommen werden.

Verschiedene Formen der Diskriminierung.

Dabei gibt es verschieden Formen der Diskriminierung. Ca. 29% der Anfragen im Jahr 2019 bezogen sich auf Fälle im Zusammenhand mit dem Geschlecht, 26% auf eine körperliche Behinderung, 12% auf das Alter einer Person, 7% auf die praktizierte Religion, 4% auf die sexuelle Identität und 2% auf die Weltanschauung. *
Doch die meisten Beratungsanfragen bezogen sich auf Diskriminierung aufgrund der ethnischen Herkunft und stehen damit im Zusammenhang mit Rassismus. Im Jahr 2019 standen 33% aller Anfragen in diesem Zusammenhang. * Neben der offenen Diskriminierung, die sich in verbalen Aussagen, E-Mails, Herabsetzung der Qualifikation oder anderen Formen z.B. am Arbeitsplatz ausdrücken kann, gibt es auch die versteckte Ausgrenzung. Von unterschiedlicher Benotung an Schulen und Universitäten, je nach Herkunft oder Familiennamen haben sicherlich viele gehört und auch von der gläsernen Decke hinsichtlich Aufstiegschance im Berufsleben ebenfalls. Die Probleme viele Betroffener bei der Job- oder Wohnungssuche sollen nur genannt sein.

Diskriminierung
Viele Menschen sind von Diskriminierung betroffen.

Bewerber aus Marokko wendet sich an MAGHREB-POST.

Bei der MAGHREB-POST meldete sich der 26-jähriger Leser, Youness M., mit Wohnsitz in Marrakech, mit einer für ihn schmerzhaften Erfahrung. Er hatte sich über eine bekannte Jobbörse bei einem Elektrobetrieb, Elektro-M., in Bayern beworben. (Auf den Namen des Bewerbers und des Elektrobetriebs soll an dieser Stelle noch verzichtet werden, da sich alle Parteien aktuell in Verhandlungen, um eine gütliche Einigung befinden.) Der Elektrobetrieb schien sich, in Zeiten des Fachkräftemangels, zunächst offen zu zeigen, war sich aber dem Anschein nach unsicher, wie er einen möglichen Auszubildenden oder Mitarbeiter aus Marokko berücksichtigen könnte. Infolge dessen wandte sich der Elektrobetrieb ratsuchend an seine zuständige Handwerkskammer. Nach jetzigem Kenntnisstand wurde dem Inhaber des Elektrobetrieb während eines Gesprächs mit einem Mitarbeiter der Handwerkskammer von der Anstellung, mit Bezug auf das Herkunftsland Marokko, abgeraten. Daraufhin sandte eine Mitarbeiterin des Elektrobetriebs dem Bewerber, Youness M., folgende Absage:

„Sehr geehrter Herr M., 

Herr M. (Anm. des Autors – auch der Nachname des Inhabers beginnt mit M) hat inzwischen mit der Handwerkskammer gesprochen und sich da hinsichtlich einer möglichen Ausbildung für Sie beraten lassen. Leider sind die Erfahrungen mit Marokko hier wohl sehr negativ, so dass Herrn M. geraten wurde, dies nicht zu tun. Es tut mir sehr leid, dass ich Ihnen keine positive Nachricht geben kann!
Ich wünsche Ihnen viel Glück und Erfolg bei Ihrer weiteren Suche.“

(Anm. des Autor – Die Originalkorrespondenz liegt MAGHREB-POST vor.)

Verstoß nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG).

Grundsätzlich sind pauschale Ablehnungen aufgrund der ethnischen Herkunft eine verbotene Diskriminierung nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG). Das bestätigte die Antidiskriminierungsstelle des Bundes auf Nachfrage der MAGHREB-POST. In der schriftlichen Antwort der Antidiskriminierungsstelle heißt es zu dem konkreten Fall weiter: „Es ist dabei irrelevant, ob die Diskriminierung auf einen Ratschlag einer Handwerkskammer hin oder sonst wie nicht in böser Absicht erfolgte.“ Der Pressesprecher der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, der sehr schnell auf die Anfrage der MAGHREB-POST reagierte, empfiehlt: „Der Betroffene sollte sich rechtlich beraten lassen (beispielsweise bei uns oder einer anderen qualifizierten Antidiskriminierungsberatung). Wir können auf Wunsch vermittelnd tätig werden“. Darüber hinaus macht er darauf aufmerksam: … „natürlich steht in einem solchen Fall der Rechtsweg offen. Der Betroffene müsste innerhalb von zwei Monaten, nachdem er vor der Diskriminierung erfahren hat, seine Ansprüche schriftlich geltend machen und kann dann klagen.“

Welche Ansprüche sind möglich.

Die Antidiskriminierungsstelle macht darauf aufmerksam, dass eine mögliche Klage nicht jeden Erfolg haben kann. Das AGG sieht nicht vor, dass ein Betroffener in einem Rechtsstreit eine Einladung zum Vorstellungsgespräch oder gar die Arbeitsstelle zugesprochen bekommt. Es geht viel mehr, um einen möglichen Schadensersatz. Die Antidiskriminierungsstelle kann nach „§ 28 Befugnisse AGG“ alle Beteiligten, um Stellungnahme bitten und auch weitere Behörden zur Zusammenarbeit auffordern. Im finalen Streitfall bleibt aber den Betroffenen nur der Weg vor ein ordentliches Gericht.

Handwerkskammer reagiert.

Nach Zusendung des Falls hat die MAGHREB-POST zunächst den Elektrobetrieb M. angeschrieben, und um Stellungnahme gebeten. Bis heute gab es darauf keine Reaktion. Dennoch scheint der Betrieb tätig geworden zu sein. Auf eine Anfrage bei der zuständigen Handwerkskammer, auch mit der Bitte um Darlegung der Hintergründe für diese negative Empfehlung an den Elektrobetrieb, stellte sich heraus, dass man den Fall bereits kannte und aktiv wurde. Der Handwerksbetrieb hatte sich wohl an die Handwerkskammer gewendet.

Die Pressesprecherin stellte fest: … „wir bedauern diese indifferente Aussage aus unserem Haus sehr und entschuldigen uns bei Herrn Youness M. Ein entsprechendes, persönliches Schreiben an Herrn M. ist auf dem Weg. Diese Aussage ist sachlich falsch und entspricht nicht der Haltung unserer Handwerkskammer. Wir bekennen uns wie das gesamte Handwerk zu einem weltoffenen Deutschland, lehnen jede Form von Fremdenfeindlichkeit ab und setzen uns für den respektvollen Umgang miteinander ein. Wir sind bereits in Kontakt mit unserem Mitgliedsbetrieb und werden gemeinsam mit dem Betrieb eine Lösung im Sinne von Herrn M. suchen.“

MAGAREB-POST hat nachgefragt, ob und welche Folgen die Situation für die internen Abläufe in der Handwerkskammer haben wird. Nach jetzigem stand wurde der betreffende Mitarbeiter, der die Aussagen und die Empfehlung gegenüber dem Elektrobetrieb gemacht hat, nach einem Personalgespräch von seiner Tätigkeit freigestellt. Es ist noch völlig unklar, ob es sich hier, um einen Einzelfall handelt oder ob noch weitere Betrieb von diesem Mitarbeiter oder von noch anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Handwerkskammer entsprechend beraten wurden.

Warum nennt MAGHREB-POST nicht alle Namen?!

In diesem ersten Artikel zu diesem Fall ist bewusst auf die konkrete Nennung der beteiligten verzichtet worden. Zwar ist das jetzt ein konkreter Fall, in dem man alle Beteiligten nennen könnte, insbesondere da alle Nachweise vorliegen, doch die Statistik der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zeigt, dass der aktuelle Fall nur Stellvertretend ist, für eine Reihe ähnlicher Situationen. Sicherlich werden einige Leserinnen und Leser in den sozialen Medien argumentieren, dass man durch eine öffentliche Nennung, den „Tätern“ ebenfalls einen Schaden zufügen sollte und nur so ein Umdenken stattfinden wird, doch eigentlich soll ein grundsätzliches Umdenken durch Einsicht und nicht durch Schaden stattfinden. Noch viel wichtiger ist es dem Autor aber, allen Betroffenen die Chance zu ermöglichen, die Situation von allen Seiten neu zu betrachten und zu bewerten und sich den Folgen im positiven Sinne zu stellen. Eine Eskalation durch eine explizierte Medienberichterstattung könnte auch einer schnellen und angemessenen Verhandlungslösung im Wege stehen. Auf jeden Fall wird der Autor die weitere Entwicklung verfolgen.

* Gleiche Rechte, gleiche Chancen – Jahresbericht der Antidiskriminierungsstelle des Bundes

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