Algerien – Spanische Weitergabe von algerischem Gas wird als Vertragsbruch gewertet.

Algier misstraut Spanien nach Kehrtwende in der Westsahara und Marokko - Politik

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Gaslieferung
Gaslieferungen im politischen Spannungsfeld

Energieminister Arkab droht Spanien mit Konsequenzen, würden Drittstaaten mit algerischem Gas beliefert – ein Hinweis auf Marokko.

Algier – Die Verärgerung in Algier ist gegenüber Spanien weiterhin groß. Das iberische Königreich hatte sich erst mit Algerien über Gaslieferungen geeinigt, dann seine Abhängigkeit von algerischem Gas durch Mehrkäufe, unter anderem in den USA, verringert und dann eine politische Kehrtwende in der Westsaharafrage zu Gunsten Marokkos vollzogen, um den diplomatischen Konflikt mit Rabat aufzulösen.

Algerien ist die Schutzmacht der Frente Polisario, die bewaffnet gegen Marokko, dem Erzrivalen im Westen, für eine unabhängige Westsahara kämpft, auf die Marokko Hoheitsansprüche erhebt, welche neben den USA auch von zahlreichen arabischen und afrikanischen Ländern anerkannt oder unterstützt werden.

Marokko – Premierminister Sanchéz und König Mohammed VI. gehen schwierige Themen an.

Im Streit mit Marokko hatte Algerien den im vergangenen Jahr ausgelaufenen Transit- und Liefervertrag von algerischem Gas durch die Maghreb-Europa-Pipeline (GME), die durch Marokko nach Spanien und Portugal führt, nicht verlängert, dem marokkanischen Königreich damit mutmaßlich den Gashahn abgedreht und Spanien über eine direkte aber weniger leistungsfähige Verbindung, der Medgaz – Pipeline, sowie LNG – Schiffen weiter versorgt.

Das nordafrikanische Königreich Marokko reagierte durch verstärkte Exploration auf dem eigenen Hoheitsgebiet sowie durch Einkauf auf dem Weltmarkt, womit ernsthafte Folgen für die heimische Energieversorgung ausblieben.

Spanien hat Marokko als Partner bevorzugt.

Als Teil der Beilegung der diplomatischen Krise zwischen Marokko und Spanien hat Madrid wohl angeboten, Marokko über die stillgelegte Maghreb-Europa-Pipeline (GME) mit Gas zu versorgen. Algerien befürchtet nun, dass Spanien auch algerisches Gas an das Nachbarland liefern könnte, was den Druck Algiers auf Rabat deutlich verringern würde. Bei der Wahl zwischen einer weiter anhaltenden diplomatischen Krise mit Marokko oder einer möglichen Abkühlung der spanischen Beziehungen zu Algier, scheint man sich in Madrid deutlich für Rabat entschieden zu haben, was in Algerien zur großen Verärgerung geführt hat. Algerien hat zeitnah durch die Rückberufung des eigenen Botschafters in Madrid seinen Unmut zum Ausdruck gebracht.

Nun fürchtet Algerien endgültig über den Tisch gezogen zu werden, nachdem Frau Teresa Ribera, spanische Energieministerin, wohl ihren algerischen Amtskollegen per E-Mail über die Entscheidung Madrids informierte, den Betrieb der Maghreb-Europa-Pipeline (GME) im Gegenstromverfahren zu genehmigen. Damit könnte rein technisch tatsächlich algerisches Gas, welches zu günstigen Konditionen von Spanien bezogen wird, beim als algerischen Feind betrachteten Nachbarn Marokko ankommen.

Algerien droht Spanien mit Konsequenzen.

„Jede Weiterleitung von algerischem Erdgas, das nach Spanien geliefert wird, an einen anderen als den in den Verträgen vorgesehenen Bestimmungsort wird als Verstoß gegen die vertraglichen Verpflichtungen angesehen und könnte daher zum Erlöschen des Vertrags zwischen Sonatrach und seinen spanischen Kunden führen“, erklärte das algerische Ministerium für Energie und Bergbau am Mittwoch in einer Pressemitteilung, die von der staatlichen Nachrichtenagentur APS zitiert wird. Zwar nennt der algerische Minister Marokko nicht explizit, aber allen Beobachtern ist klar, worum es hier geht.

Spanien wies dir Vorwürfe zurück. „Unter keinen Umständen wird das von Marokko erworbene Gas algerischen Ursprungs sein“, teilte das spanische Ministerium u.a. für ökologischen Wandel am Mittwochabend (27. April 2022) mit. „Die Aktivierung dieses Mechanismus wurde in den letzten Monaten mit Algerien besprochen und heute (Mittwoch) dem algerischen Energieminister mitgeteilt“, so die Stellungnahme weiter.
Offiziell vereinbart ist wohl, dass Rabat verflüssigtes Erdgas (LNG) auf den internationalen Märkten kaufen und es nach Spanien liefern lassen kann, wo es regasifiziert und dann über die GME nach Marokko transportiert wird. Marokko besitz derzeit noch kein eigenes LNG – Terminal, wohingegen Spanien freie Kapazitäten an den Mittemeerhäfen bereitstellen kann.

Algier misstraut Spanien nach Kehrtwende in der Westsahara und Marokko – Politik

Offenbar scheint Algier den Beteuerungen Madrids nicht recht zu glauben. Weshalb man nun öffentlich die „Gelbe Karte“ in Richtung Madrid zeigt. Das Misstrauen ist nicht unbegründet. Erst am gestrigen Freitag wurde die spanische Regierungssprecherin Isabel Rodríguez von marokkanischen Medien mit einer Äußerungen zitiert, die man als klare Positionierung werden kann.

„… ihr Land sei entschlossen, mit Marokko Allianzen und Partnerschaften in allen Bereichen, einschließlich Energie, zu schmieden. Nach der Regierungssprecherin Frau Rodriguez habe Spanien eine „Verpflichtung gegenüber Marokko, einem Nachbarland, mit dem man viele wirtschaftliche, soziale, politische und sicherheitsstrategische Verflechtungen hat und mit dem man Allianzen aufbauen muss und (auch) im Energiebereich zusammenarbeiten (wird)“.

Drohung aus Algier durch Präsidenten Tebboune relativiert.

Wie gewichtig und glaubwürdig die Warnung aus Algier in Richtung Madrid ist, bleibt schwierig einzuschätzen.

Am vergangenen Samstag beschrieb der algerische Präsident Abdelmadjid Tebboune, in einem Interview im staatlichen Fernsehen, Madrids Umkehrung in der Westsahara – Frage als „moralisch und historisch inakzeptabel“, während er zugleich versicherte, dass Algerien „niemals von seiner Verpflichtung zur Lieferung von Gas nach Spanien abrücken“ werde.

Auch der erhoffte Druck auf Marokko blieb bisher aus. Die Energieversorgung ist weiterhin stabil und leidet lediglich durch die gestiegenen Energiepreise auf dem Weltmarkt und nicht an Lieferantenmangel. Zugleich hat das Land aktuell mehrere erfolgreiche Land- und Hochseebohrungen nach Erdgas und Erdöl bestätigt.
Hinzu kommt, dass man das Tempo bei der Verwirklichung der Nigeria – Maghreb – Pipeline entlang der Westafrikanischen Küste erhöht hat und auch den Ausbau erneuerbarer Energiequellen, wie Sonnen- und Windkraft, beschleunigen will. Tatsächlich könnte die Situation zu einem Schub für Marokkos Energiepolitik werden, bedenkt man, dass auch Länder wie Großbritannien oder Deutschland sich wieder in Richtung Marokko orientieren. Algerien schwächt seine Position zusätzlich, wenn es ähnlich wie der wichtigste außenpolitische Partner, Russland, Energieversorgung als politische Waffe einsetzt. Dies wird man sich in Europa sicherlich gut merken.

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