Marokko – König beklagt Verletzung der Rechte der Frauen

Sozialer- und Wirtschaftsfaktor Frau - Wertvolles Potential für die Entwicklung des Landes

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König Mohammed VI.
König Mohammed VI. Ansprache

In der Thronrede fordert König Mohammed VI. die Verfassungsorgane und die Justiz auf, die Gleichberechtigung der Geschlechter zu verwirklichen.

Rabat – Es war eine deutliche und unmissverständliche Kritik an die Verfassungsorgane und an die Gesellschaft.

Erneut beklagt der marokkanische König, Mohammed VI., die weiterhin unverwirklichte Gleichstellung der Geschlechter zu Lasten der Frauen.

In seiner Rede zum 23. Thronjubiläum am 30. Juli 2022 formulierte König Mohammed mit deutlichen Worten den zukünftigen Auftrag an die Verantwortlichen. Der König sieht die in der Verfassung verbrieften Rechte der Frauen sowie ihre Gleichstellung nicht verwirklicht und forderte von den zuständigen Verfassungsorganen tätig zu werden. Dies würde auch die Notwendigkeit beinhalten, nationale Regelungen und Gesetze zur Stärkung dieser Rechte zu reformieren. Er betonte die dringliche Notwendigkeit den Frauen ihre Rechte zu zugestehen, damit sie sich an der Entwicklung des Landes beteiligen und ihren Beitrag leisten können.

Frauenrechte sind keine gnädig gewährten Privilegien, sondern Anspruch und Verpflichtung.

Das marokkanische Staatsoberhaupt hat in diesem Zusammenhang betont, dass er seit seiner Thronbesteigung für die Förderung der Stellung der Frau gesorgt hat, indem er ihr alle Möglichkeiten zur Entfaltung geboten und ihr den Platz eingeräumt hat, der ihr von Rechtswegen zusteht. Er erinnerte daran, dass zu den wichtigsten Reformen, die, auf seinen Anstoß hin, eingeleitet wurden, die Verkündung des Familiengesetzbuches und die Verabschiedung der Verfassung von 2011 gehören, die die Gleichheit von Mann und Frau in Bezug auf Rechte und Pflichten festschreiben und folglich das Prinzip der Parität zu einem Ziel erklärt, das der Staat anstreben muss.

Der Geist der Reform, so erklärte der König, bestehe nicht darin, der Frau gnädige Privilegien zu gewähren, sondern vielmehr darin, ihr die vollen Werte der legitimen Rechte zu sichern, die die Gesetze ihr zusprechen, denn im heutigen Marokko „ist es in der Tat nicht mehr möglich, dass ihr diese Rechte vorenthalten werden“.

König reagiert auf Missstände auf dem Arbeitsmarkt und in der Justiz.

In den letzten Jahren zeigten in Marokko zahlreiche Studien, Statistiken und Berichte, dass es, um die Rechte der Frauen in der Praxis alles andere als gut bestellt ist.

So sind sie weiterhin auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt. Alleine unter den jungen Akademikerinnen weist die HCP regelmäßig eine Erwerbslosigkeit bis zu 70% aus. Viele stellen sich dem Arbeitsmarkt nach vergeblichen Bemühungen oder negativen Erfahrungen bei der Arbeitssuche nicht und ziehen sich ins Familienleben zurück. Viele Berufsumfelder sind weiterhin gesellschaftlich wenig akzeptiert. So ist es in Marokko nahezu noch immer eine Sensation, wenn eine Frau als Bauleiterin, Taxifahrerin oder Handwerkerin in Erscheinung tritt.

Noch negativer wirken sich augenscheinlich weiterhin weitverbreitete Einstellungen zu den Rechten der Frauen in der Justiz aus. So beklagte der Generalstaatsanwalt des Kassationsgerichtshofs und Präsident der Staatsanwaltschaft, Moulay El Hassan Daki, bei einer Fachkonferenz im April 2021, dass die Eheschließung bei Minderjährigen, die einer von einem Gericht zu prüfende Ausnahmeregelung bedarf, keine Seltenheit ist. Alleine für das Jahr 2019 seinen 27.623 solcher Ausnahmegenehmigungen, vor allem für Mädchen, erlassen worden. Die Tendenz sei steigend. Ein Phänomen, dass durch rückwärtsgewandte soziale Ansichten aber auch wirtschaftlichen Zwänge getrieben wird.

Lesen Sie auch: 27.623 Anträge auf Eheschließung von Minderjährigen im Jahr 2019 gestellt.

Aber auch viele Scheidungsverfahren ziehen sich besonders lange hin, wenn die klagende Partei eine Frau ist und auch trotz der Reform der Gesetze zum Schutz von Frauen vor sexualisierte Gewalt, haben sie es weiterhin schwer, ihre Peiniger einer Strafe zuzuführen.

Die Einschränkungen gehen aber weit über das juristische hinaus und sind tief in den gesellschaftlichen Zusammenhängen verankert. Frauen sind auch deutlich stärker von moralischen Schranken und von der Doppelmoral in der grundsätzlich islamischen und konservativen marokkanischen Gesellschaft betroffen.

Zugleich ziehen die Frauen nicht alle an einem Strang. Als König Mohammed VI. das Familienrecht reformierte, gingen nicht nur Frauen auf die Straße, die diese Reformen befürworteten, sondern mehrere hunderttausend Frauen liefen in Opposition in Casablanca, Rabat und anderen Großstädten durch die Straßen, die durch die Gesetzesänderungen vermeintlich das islamische Recht ausgehebelt sahen.

Sozialer- und Wirtschaftsfaktor Frau – Wertvolles Potential für die Entwicklung des Landes

Die Stärkung der Rechte der Frauen, was einhergehen muss, mit dem besseren Schutz für Frauen, ist, wie es König Mohammed VI. in seiner gestrigen Rede deutlich zum Ausdruck brachte, keine Großzügigkeit des männlichen Geschlechts, sondern eine moralische Verpflichtung und wichtige Notwendigkeit für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung des Landes. Frauen müssen sich auch stärker am weiteren Aufbau des Landes beteiligen (können).
Das Königreich Marokko kann es sich schlicht nicht mehr leisten, hohe Summen für die Ausbildung von talentierten Frauen bis hin zum Studienabschluss zu investieren und dann dieses Potential und diese qualifizierten Kräfte nicht zu nutzen. Frauen sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, den es gilt zu erschließen.

Ähnlich wie es China, Singapur oder andere Nationen binnen einer Generation zu Aufstieg und einem gewissen Wohlstand gebracht haben, in dem sie den Fachkräftemangel, in den noch reicheren Nationen wie in Europa oder den USA, dadurch nutzten, indem sie Produktion und inzwischen Innovation von benötigten Gütern anlockten, verfolgt auch Marokko ehrgeizige Strategien, unmittelbar vor den Toren eines lukrativen Marktes mit dem Namen EU.

Da wird jeder Mann und jede Frau gebraucht, insbesondre wenn beide Geschlechter nicht darauf warten, dass ihnen ihre Aufstiegschancen auf einem Silbertablett überreicht werden, sondern sie sich ihre Möglichkeiten durch Kreativität und Tatkraft schaffen. Frauen als Wirtschaftsfaktor werden auch benötigt, wenn es um den erfolgreichen und vor allem nachhaltigen Aufbau eines umfassenden Sozialschutzes geht. Denn gleich welches Sozialsystem oder welche Sozialversicherung aufgebaut werden soll, es werden Beiträge und Einzahlungen benötigt, die von einer möglichst großen Anzahl Erwerbstätiger aufgebracht werden müssen. Wenn aber die Hälfte der Bevölkerung, wegen Diskriminierungen aufgrund ihres Geschlechtes behindert wird, fehlt eine große Einnahmequelle. Dazu ist es nötig Engstirnigkeit, Rückwertsgewandtheit oder mangelnde soziale Intelligenz auszuräumen. Es wird auch nötig sein, nicht nur das Familienrecht zu aktualisieren, sondern Strukturen in der Wirtschaft und Gesellschaft dahingehend anzupassen, dass Arbeitswelt und Familiengründung vereinbar werden. Eine Reform ist also überfällig.

Marokko – Thronrede des Königs vom 30. Juli 2022 in einer deutschen Übersetzung.

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