Marokko – ONDH – Bericht zur allgemeinen Entwicklung veröffentlicht.

Bildungswesen ist eine große Schwachstelle.

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Regierungsinstitut ONDH für die Beobachtung der nationalen Entwicklung

Medizinische Versorgung, Kaufkraft, soziale Spaltung – ONDH – Bericht zeigt positive Entwicklungen, Defizite und soziale Ungleichgewichte auf.

Rabat – Marokkos soziale und wirtschaftliche Entwicklung gibt immer wieder Anlass für Kontroversen und Kritik an Regierung sowie zunehmend an der Monarchie. Verschiedene Institutionen veröffentlichen Daten z.B. zu wirtschaftlichen Entwicklung, zum Arbeitsmarkt oder zur Währungsentwicklung und in der Presse wird darüber breit und kontrovers berichtet. Aber wie es gesamtgesellschaftlich aussieht und welche positiven oder negativen Entwicklungen das Land über eine aussagekräftige Periode gemacht hat, ist schwierig festzustellen. Letztendlich gilt es die Frage zu beantworten, wie hat sich das Leben der Menschen entwickelt und worauf basiert die ständige Kritik und Unzufriedenheit im Königreich? Auf diesen Fragekomplex versucht die aktuelle Studie des „l’Observatoire national du développement humain (das Nationale Beobachtungszentrum für menschliche Entwicklung (ONDH)“ tendenzielle Antworten zu geben. Dabei vergleicht die Studie des Instituts, das direkt dem Regierungschef berichtet, die Entwicklung innerhalb von fünf Jahren von 2012 bis 2017.

Premierminister
Marokkanischer Premierminister Saad-Eddine El Othmani

Die Lebensverhältnisse haben sich verbessert.

Eines kann man der Studie entnehmen. Die Lebensverhältnisse in Marokko haben sich positiv entwickelt. Doch von dieser positiven Entwicklung konnten nicht alle ausreichend profitieren. Im Bericht der ONDH mit dem Titel „Indicateurs de suivi du développement humain: niveau et tendance à l’échelle nationale et régionale 2012-2017 (Indikatoren für die Überwachung der menschlichen Entwicklung: Niveau und Entwicklung auf nationaler und regionaler Ebene 2012-2017)“ wird eines deutlich. Die Lebensverhältnisse haben sich verbessert. Doch obwohl sich die Lebensbedingungen im Zeitraum 2012-2017 deutlich verbessert haben, reicht dies nicht aus, um die sozialen und regionalen Ungleichgewichte zu verringern. Marokko hinkt in Schlüsselbereichen wie Gesundheit, Bildung oder „Vertrauen der Haushalte in eine wirkungsvolle Armutsbekämpfung“ noch hinterher.

Befragung von städtischen und ländlichen Haushalten über sechs Jahre.

Im Rahmen dieser Studie führte das Institut, über einen Zeitraum von sechs Jahren, Feldforschungen mit städtischen und ländlichen Haushalten durch. Durch die Erhebung füllt diese umfangreiche Studie, die Wissenslücken hinsichtlich räumlichen und sozialen Entwicklungen sowie Ungleichheiten. In der Studie hat man ein besonderes Gewicht auf die Bereiche Wohnen, Zugang zur Grundversorgung (öffentlicher Dienst), Beschäftigung, Gesundheit und Bildung gelegt.

Zugang zur Gesundheitsversorgung weiterhin unzureichend

Mittlerweile haben mehr als die Hälfte der Marokkanerinnen und Marokkaner Zugang zu grundlegenden Gesundheitsleistungen. Der Anteil der Bevölkerung der Zugang zum Gesundheitswesen hat, liegt 2017 bei 53,8%. Sechs Jahre zuvor lag die Quote bei 23,4%. Damit hat man sich in Marokko, um mehr als 100% verbessert. Die Autoren der Studie betonen dabei, dass der Anteil der Frauen, die in einem medizinischen Umfeld ihre Kinder zur Welt bringen konnten, nochmals um 5,5% – Punkte angestiegen ist. Von den schwangeren Frauen im Alter von 15 bis 49 Jahren konnten 2017 87,6% in einer entsprechenden Einrichtung entbinden. Im Jahr 2012 waren es 82,1%.

Zugang zu medizinischen Einrichtungen weiterhin schwierig.

Obwohl sich die medizinische Versorgung deutlich verbessert hat, ist der Zugang zur Gesundheitsversorgung nach wie vor sehr unbefriedigend. Weiterhin haben große Teile der Bevölkerung keinen direkten Zugang zu medizinischen Einrichtungen, immerhin noch fast die Hälfte der Menschen.

Krankenversicherung
Allgemeine Krankenversicherung Bericht ONDH 2017

Bereits zuvor hatte die ONDH einen Bericht zum Gesundheitswesen veröffentlicht, der auch Grundlage für ein Treffen am 7. November 2018 zwischen König Mohammed VI., dem marokkanischen Premierminister Saad-Eddine El Othmani und Gesundheitsminister Anas Doukkali gewesen sein könnte. Das RAMED – Programm (allgemeine Krankenversicherung) zur medizinischen Versorgung und die Überarbeitung des Gesundheitssystems waren die wichtigsten Punkte auf der Tagesordnung. Das Programm, das im Juli einer umfassenden Überarbeitung unterzogen wurde, nimmt laut dem Sonderbericht eben nicht umfassend die ärmsten Bevölkerungsgruppen auf. Der Sonderbericht zum Gesundheitswesen nennt eine Reihe von Schwachstellen, darunter „die unfaire und abschreckende Natur des von schutzbedürftigen Bevölkerungsgruppen geforderten Versicherungsbeitrags sowie die unzeitgemäßen Bestimmungen und Kriterien für die Aufnahme in die Krankenversicherung“.

Bildungswesen ist eine große Schwachstelle.

Das ONDH beschreibt die Entwicklung im Bildungswesen mit Hilfe der Bildungszeit von Menschen. So beträgt die durchschnittliche Anzahl der Schul- bzw. Studienjahre für Personen unter 25 Jahren im Jahr 2017 4,8 Jahre (5,8 Jahre für Männer und 3,8 Jahre für Frauen). Dies ist eine Steigerung, die vor allem durch den Anstieg bei den Studienjahren beeinflusst wird. Dort stieg die durchschnittliche Akademische Ausbildung von der Grundschule bis zum Studiumsabschluss auf 12,7 Jahre. Doch der große Abstand zwischen diesen beiden durchschnittlichen Bildungszeiträumen erklärt sich nur, wenn man berücksichtigt, dass im Jahr 2017 weiterhin nur 45,5% der Menschen eine nennenswerte schulische Ausbildung genossen haben. Im Jahr 2012 waren es 40%. Zwar sollen aktuell über 90% der jungen Menschen unter 25 Jahren eine Ausbildungsstätte besuchen, aber das sagt nichts darüber hinaus, wie lange und wie erfolgreich dies ist.

Schulbücher
Marokko überarbeitet Schulbücher

Laut der UNESCO gilt man als Funktionaler Alphabet, wenn man sich an all den zielgerichteten Aktivitäten einer Gruppe oder Gemeinschaft, bei denen Lesen, Schreiben und Rechnen erforderlich sind, und sich ebenso an der weiteren Nutzung dieser Kulturtechniken für die eigene Entwicklung und die ihrer Gemeinschaft, beteiligen kann. (UNESCO 1962). Es kann bezweifelt werden, ob eine junge Frau nach durchschnittlich 3,8 Bildungsjahren oder ein junger Mann nach 4,8 Jahren dieser Definition genügt. Diese Problematik wird Marokko bei vielen Projekten behindern. Insbesondere bei der Strategie des eGoverment und damit der Digitalisierung des öffentlichen Dienstes, als Teil der Korruptionsbekämpfung.

Unsicherheiten am Arbeitsmarkt gehen zu Lasten der Frauen.

Der Arbeitsmarkt ist von großer Unsicherheit für die Menschen gekennzeichnet. Gerade die Wirtschaftssektoren in der Landwirtschaft und in der Bauindustrie gelten als besonders unsicher und anfällig, nicht zuletzt durch externe Effekte wie Klima- oder Konjunkturschwankungen. Zugleich ist die Landwirtschaft der Primärsektor der marokkanischen Volkswirtschaft. Laut der Studie sind vor allem Frauen stärker von dieser Unsicherheit am Arbeitsmarkt betroffen. Dies hat erhebliche soziale Auswirkungen auf die Frauen und ihre gesellschaftliche Rolle. So stieg nach der ONDH – Studie der Anteil der Frauen, die nicht erwerbstätig sind, stetig an, von 27,2% in den Jahren 2012 und 2013 auf 41,6% in den Jahren 2015 und 2017. Eine solche durch wirtschaftliche Rahmenbedingungen bedingte Entwicklung, behindert die Gleichstellung der Geschlechter, die in der marokkanischen Verfassung festgeschrieben ist. Die Gleichstellung kann nicht wirksam werden. Zugleich verliert Marokko die Chance, aus den Bildungsinvestition in Mädchen und Frauen eine gesellschaftliche Rendite zu erwirtschaften.

Die marokkanische Bevölkerung altert. Die Haushaltsgrößen gehen zurück.

„Marokko ist durch einen fortgeschrittenen demographischen Wandel gekennzeichnet, der durch einen Rückgang der Geburtenrate und ein starkes Altern in den kommenden Jahren gekennzeichnet ist“, sagt das Institut. So sank die durchschnittliche Haushaltsgröße zwischen 2012 und 2017 um 0,3 Personen von 4,7 auf 4,4 Personen pro Haushalt.“ Eine demographische Struktur marokkanischer Familien, die eher zu „einer Atomisierung der Haushalte und einer Transformation der Alterspyramide“ führen wird.

Demographische Wandel
Quelle ONDH – Demographischer Wandel in Marokko bis 2050

Rückgang bei Menschen mit einem Alter unter 15 Jahren. Anstieg bei alleinstehenden Frauen.

Der Anteil der unter 15-Jährigen sank von 29% auf 28,5% ab, während der Anteil der über 60-Jährigen ständig zunimmt (von 9,8% auf 10,8%). Der Bericht erwähnt, dass 2017 18,1% der marokkanischen Haushalte von alleinstehenden Frauen geführt wurden. Dabei gibt es Unterschiede zwischen Land und Stadt. Während der Anteil der Haushalte mit alleinstehenden Frauen in der Stadt bei 21,3% (2012 bei 18,9%) liegt, stieg der Anteil auf dem Land auf 11,4% (2012 bei 9,5%).

Wirtschaftliche und soziale Unterschiede sind groß.

Das Institut in Rabat hat sich auch die Vermögensverteilung im Land angesehen. Die Vermögensanteile weisen innerhalb der Gesellschaftsschichten sowie regional signifikante Unterschieden auf. So liegt das Konsumbudget Pro Person in der Stadt bei durchschnittlich 22.105 marokkanische Dirham (MAD) pro Jahr. Auf dem Land steht einer Person durchschnittlich nur 11.946 MAD zur Verfügung. Damit ist die Kaufkraft auf dem Land nur halb so groß wie in der Stadt, was neben der besseren Infrastruktur zusätzlich die Zuwanderung in die Städte erklärt. Der Bericht hält auch fest, dass 10% der Bevölkerung für den größten Teil dieses Pro-Kopfauskommens verantwortlich sind, was im Umkehrschluss bedeutet, dass die Spanne einen Faktor 10 umfasst. Die wohlhabenden Bevölkerungsteile haben ein 10-fach höheres Konsumbudget zur Verfügung, wie die ärmsten 10% der Menschen in Marokko. Insgesamt kommt aber das ONDH zu dem Schluss, dass die Armut zurückgedrängt werden konnte. Lag der Anteil der sog. Armen in den Jahren 2012 und 2013 bei 20,8%, so sankt dieser Wert in den Jahren 2015 und 2017 auf 8,7%. Dabei scheint es eine positive Dynamik zu geben. 91,3% der bisher als arm geltenden Menschen konnten die definierte Armutsschwelle überschreiten und so den Wert senken. Umkehrt verloren nur 1,6% der Menschen ihren Status und vielen unter die Armutsschwelle.

Über 50% der Haushalte halten sich für arm. Chancen aus der Armut zu kommen haben sich verbessert.

Das Institut zeigt auf, dass sich die Chancen im Land verbessert haben. Während in Marokko das Risiko, in „absolute Armut“ zu geraten, abnimmt, zeigt die Studie auch, dass ein erheblicher Teil der „Armen“ es schafft, nach ein bis zwei Jahren aus dieser Situation herauszukommen. Dies bei einer Bevölkerung, die im Laufe der Zeit weiter wächst. Dennoch halten sich laut der Umfrage 50,1% der marokkanischen Haushalte subjektiv für arm. Dies ist eine signifikante Veränderung gegenüber 2012, als der Prozentsatz noch 46,6% betrug. Laut ONDH ist diese Form der Armut, das Ergebnis mehrerer Faktoren, die das Königreich betreffen. Dazu gehören: soziale und finanzielle Unsicherheit, die Fragilität der Einkommensquellen, Arbeitslosigkeit – insbesondere junger Absolventen – sowie die Ungleichheiten, die die Haushalte in ihrem sozialen Umfeld wahrnehmen.

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