Marokko – Premierminister gesteht Misere im Bildungswesen ein.

König Mohammed VI. macht Druck und bekommt dennoch keine Unterstützung.

1425

„300.000 Schüler brechen jedes Jahr die Grundschule ab“ – Es folgt die Reform der Reform.

Rabat – Der Regierungschef Aziz Akhannouch, der zu einer Plenarsitzung in die Ratskammer geladen war, berichtete, dass das marokkanische Bildungswesen mit einer „komplexen und multidimensionalen“ Problemlage konfrontiert sei. Angesichts seiner Ausführungen sicherlich noch zu optimistisch formuliert.

Die Situation ist besorgniserregend. Obwohl der marokkanische Premierminister eher dazu neigt, eine optimistische Tonlage anzuschlagen, hat Regierungschef Aziz Akhannouch in seiner Rede am Dienstag, den 5. Juli 2022, vor den Abgeordneten der ersten Kammer des Parlaments die zahlreichen Schwächen des Bildungssystems des Königreiches detailliert aufgezeigt, sich aber darauf beschränkt, „Lösungen“ zu betonen, die nach seiner Ansicht bereits von seinem Bildungsminister Chakib Benmoussa Aufgezeigt worden seien.

Dem Regierungschef zufolge befindet sich das Bildungssystem in einer „mehrdimensionalen Krise“, insbesondere in der Vorschule, der Grundschule und der Mittelschule. Für Premierminister Aziz Akhannouch bestehen die Schwächen der Vorschule hauptsächlich im Mangel an ausgestatteten Räumen und qualifizierten Führungskräften, vor allem in den ländlichen Gebieten.

Hohe Abbruchquote und schlechtes Bildungsniveau der Schülerinnen und Schüler.

Was die Grundschule betrifft, so sind die Probleme weitaus zahlreicher, darunter die Schulabbrecherquote, die alarmierende Höhen erreicht. Jedes Jahr verlassen 300.000 Schüler ihre Schulen, das sind 7,86 % aller Schüler, die diese Bildungsstufe durchlaufen (3.814.438 im Jahr 2021).

Darüber hinaus eignen sich nur 30 % der Grundschüler die Grundfertigkeiten an. In der Mittelstufe sinkt dieser Prozentsatz auf nur 10 %, was bei der Mehrheit der Schüler zu geringen akademischen Leistungen führt, so Akhannouch weiter. „Dies stellt die Qualität des Unterrichts in Frage“, erklärt er.

Was die Digitalisierung angeht, so hatten 29 Prozent der Schüler auf dem Land während des Eindämmungszeitraums keinen Zugang zu Online-Kursen, sagte der Chef der Exekutive und bezog sich dabei auf den Bericht des Rechnungshofs für die Jahre 2019-2020. Im städtischen Umfeld lag derselbe Prozentsatz bei 13 Prozent.

König Mohammed VI. macht Druck und bekommt dennoch keine Unterstützung.

Der marokkanische König Mohammed VI. beschwerte sich bereits vor einigen Jahren bei der Vorgängerregierung unter Führung der PJD und Premierminister El Othmani über die schlechte Bildungsqualität und forderte die Parlamentarier und verantwortlichen Politiker dazu auf, das Bildungssystem zu reformieren, dass nach seiner Ansicht „Arbeitslose am Fließband“ produziere und damit mitverantwortlich für die hohe Arbeitslosenquote unter jungen Menschen ist. Auch der jetzige Premierminister gehörte den Vorgänger Regierungen als RNI-Chef und Landwirtschaftsminister an. Nach der Standpauke 2017 im Parlament ordnete der König die Eröffnung von Vorschulen und eine Teilnahmepflicht ab dem dritten Lebensjahr an. Auch die Wehrpflicht wurde später wieder aufgenommen, um etwaige pädagogische Defizite und eine Ausbildungsgrundlage innerhalb einer Grundausbildung abbauen zw. legen zu können.

„Wir sind davon überzeugt, dass die derzeitige Situation im Bildungswesen hinter den Erwartungen Seiner Majestät und des marokkanischen Volkes zurückbleibt“, räumte der Premierminister im Parlament ein.

Vollständige Rede von König Mohammed VI. anlässlich der Eröffnung des Parlaments am 13. Oktober 2017.

Die Ansätze des Bildungsministers Benmoussa

Was die Lösungsvorschläge zur Überwindung dieser Krisensituation betrifft, so stützte sich Regierungschef Akhannouch auf die vom Bildungsminister – und ehemaligen Vorsitzenden der Sonderkommission für das Entwicklungsmodell (CSMD) – Chakib Benmoussa ausgearbeiteten Lösungen, ohne sich auf die verschiedenen Reformprogramme und -projekte zu beziehen, die vor der Geburt des Neuen Entwicklungsmodells (NMD) verabschiedet wurden und deren Umsetzung noch immer unvollständig geblieben sind.

Darunter der Ausbau der Infrastruktur. So verkündete der ehemalige Bildungsminister Amzazi, dass es in Marokko mit Stand 2020 ca. 7.000 Schulen geben würde, die weder Strom noch Sanitäreinrichtungen und geschweige denn Internet haben. Ein Umstand der die Überwindung der pandemiebedingten Schulschließungen nochmals erschwert hat.

Marokko – Über 7.000 Schulen ohne Strom oder Internet.

So begrüßte der Leiter der Primarstufe den Beginn der nationalen Konzertierungen mit dem Namen „Eine qualitativ hochwertige Schule für alle“. „Dies ist ein Beweis für kollektives Handeln“, sagte er.

Für Akahnnouch lassen sich die Lösungen, die die Regierung vorschlägt, in vier Hauptpunkten zusammenfassen:

  • Fahrplan 2022-2026: Hierbei handelt es sich um einen vom Ministerium von Chakib Benmoussa verabschiedeten Aktionsplan, der den Rest dieser Legislaturperiode abdeckt und die Reform des nationalen Bildungssystems zum Gegenstand hat. Er beruht auf drei Säulen, nämlich dem Regierungsprogramm, dem Bildungsrahmengesetz und dem Neuen Entwicklungsmodell, das von der Kommission unter dem Vorsitz des Ministers selbst ausgearbeitet wurde.
  • Rahmenabkommen über die Umsetzung des Programms zur Ausbildung von Lehrern für die Primar- und Sekundarstufe, für das ein Budget von vier Milliarden Dirhams bereitgestellt wird. Die Vereinbarung wird zur Ausbildung von 50.000 Lehrern bis 2025 beitragen.
  • Erhöhung des für das Bildungsministerium bestimmten Budgets. Im Jahr 2022 erreichte es 62,451 Mrd. Dirham, was einem Anstieg um 3,591 Mrd. Dirham im Vergleich zum Vorjahr entspricht.
  • Bekämpfung des Schulabbruchs: Der Regierungschef versprach eine Fokussierung der Bemühungen auf den ländlichen Raum, insbesondere die Erweiterung der schulischen Infrastruktur, sie den Begünstigten näher zu bringen sowie die Verbesserung der sozialen Unterstützungsdienste „mit dem Ziel, die sozioökonomischen Hindernisse zu überwinden, die den Zugang oder die Kontinuität der Schullaufbahn verhindern“.

Es droht die Reform der Reform, kritisieren die Parlamentarier

Unter den Parlamentariern herrschte Einigkeit über die Notwendigkeit der Reform, nicht aber über die angewandten Maßnahmen.

Der Vorsitzende der Istiqlalien-Fraktion, die zur Regierungsmehrheit gehört, Abdeslam Lebbar, begrüßte den Ansatz der Regierung und sagte, dass die Notwendigkeit einer „radikalen Reform von allen Teilen der marokkanischen Gesellschaft, von Seiner Majestät bis zum Volk, einhellig anerkannt wird“. Dennoch könnten die Schwächen des Bildungssystems nicht nur auf die Finanzierung reduziert werden, sondern beträfen auch das Bewusstsein, die Regierungsführung und die Effizienz“, so der Abgeordnete.

Haraki M’barek Sbaîi kritisierte seinerseits „das Festhalten der Exekutive an einem Modell der „Reform der Reform“, das seit der Unabhängigkeit von den verschiedenen Regierungen geerbt wurde“. Für Sbaîi fehlt es der marokkanischen Bildungsreform an Stabilität. „Jede Regierung verfolgt ihre eigene Reformvision und vernachlässigt die ihrer Vorgänger“, sagte er.

Nach Ansicht des Oppositionspolitikers politisiert diese Unbeständigkeit einen so sensiblen Sektor wie das Bildungswesen.

In diesem Sinne fragt er sich, wie es mit der strategischen Vision 2015-2030 weitergeht. „Anstatt den Entwurf der strategischen Vision für das Bildungswesen 2015-2030 weiter umzusetzen, der vom Ministerrat unter dem Vorsitz des Königs angenommen wurde und die Unterstützung verschiedener politischer Akteure genießt, hat es diese Regierung vorgezogen, diese Baustelle zu vernachlässigen und sich in neue Beratungen zu stürzen, die nur dazu führen, dass wir politische Arbeitszeit verlieren“, schloss der Vorsitzende der Fraktion der Volksbewegung.

Marokko – 4 Mrd. MAD für Lehrerausbildung

Vorheriger ArtikelMarokko – 2.782 Coronavirus Neuinfektionen zuletzt festgestellt.
Nächster ArtikelMarokko – Hitzewarnung – Temperaturen bis 49 °C befürchtet.