Unruhen im Süden Tunesiens

Korruption und Schattenwirtschaft behindern positive Entwicklungen.

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Unruhen im Süden Tunesiens
Unruhen im Süden Tunesiens

Unruhen im Süden Tunesiens – Menschen beklagen Lebensbedingungen und Korruption.

Tunis – Es brodelt in Tunesien. Seit ca. zwei Monaten gibt es Unruhen im Süden Tunesiens. Hintergrund der Proteste, die unter dem Motto „Wo ist das Öl?“ entstanden sind, ist die soziale und ökonomische Situation der Menschen im Süden und in der Mitte des Landes. Das Motto ist entstanden, weil in der Region Tataouine die Menschen nicht an den Investitionen und den Einnahmen aus der Gas und Ölproduktion beteiligt wurden. Die Zentralregierung hatte wiederholt versprochen, die ländlichen Regionen zu entwickeln und in Infrastruktur sowie Arbeitsplätze zu investieren. Dies blieb aus und nun fordern insbesondere junge Menschen die versprochenen Veränderungen ein.

Proteste teilweise gewaltsam

Sieben Jahre nach dem Beginn des sog. Arabischen Frühlings, der in Tunesien seinen Anfang nahm, brodelt es gehörig. Zunächst begannen die Proteste friedlich. In der letzten Woche eskalierte die Situation. Es wurde zum einen öffentlich, dass die Zentralregierung in Tunis plane, ehemalige Anhänger des gestürzten Diktators Ben Ali zu begnadigen bzw. deren Verfolgung einzustellen. Zum anderen kam ein junger Mann bei einer Demonstration ums Leben. Er wurde durch ein Polizeifahrzeug überrollte. Die Folge waren gewaltsame Zusammenstösse zwischen den Demonstranten und den Sicherheitskräften. Es soll zu brennenden Fahrzeugen und Gebäuden gekommen sein.

Korruption und Schattenwirtschaft behindern positive Entwicklungen.

Das Musterland der arabischen-demokratischen Entwicklung konnte sich zwar von einem Diktator befreien, aber bisher die Lebensumstände der Menschen nicht verbessern. Neben der ineffektiven Verwaltungsstruktur, die eine sehr starke Zentralregierung vorsieht und ein Vermächtnis der französischen Kolonialherrschaft ist, herrscht noch immer Schattenwirtschaft und Korruption im Land. Durch die zentralistische Verwaltungsstruktur kommt es dazu, dass Fachleute und Experten nicht in der Region tätig sind, sondern in der Hauptstadt Tunis. Das hat zufolge, dass auch schon kleinste Projekte fehlerhaft und mit deutlicher zeitlicher Verzögerung umgesetzt werden. Auch arbeiten die Behörden untereinander wenig effizient miteinander, was zu weiteren Reibungsverlusten führt und Korruption begünstigt. Gleichzeitig ist die heimische Wirtschaft wenig entwickelt und diversifiziert, so dass über Jahrzehnte ganze Generationen von jungen Menschen ihre berufliche Zukunft ausschließlich im Staatsdienst gesehen haben. Daher ist der Behördenapparat enorm groß und die Mentalität zum Unternehmertum wenig ausgeprägt. In einer Dringlichkeitssitzung des Parlaments äußerten die Abgeordneten der Region den Verdacht, dass Wirtschaftseliten die Gegebenheiten ausnutzten und die Unruhen anheizten um weiterhin ihre dunklen Geschäfte ausüben zu können.

Zentralregierung reagiert mit Untersuchungen und Maßnahmen gegen die Korruption.

Der amtierende Premierminister Chahed reagierte am letzten Mittwoch und ging den Hinweisen der Abgeordneten nach. In einer ersten Reaktion lies er einflussreiche Geschäftsleute, Zollbeamte und den Schwager des ehemaligen Diktators Ben Ali wegen Korruptionsverdacht verhören und verhaften. Gleichzeitig sicherte die Zentralregierung zu, bis zu 1500 Arbeitsplätze in der Region zu schaffen.

Proteste und Unruhen in Marokko und Tunesien – wirtschaftlicher Druck in Algerien

Nicht nur in Tunesien brodelt es, sondern auch in den übrigen Staaten des Maghrebs ist die Lage schwierig. Im Königreich Marokko wird in der Region Rif seit Monaten protestiert. In Algerien ist die wirtschaftliche Lage angespannt und die Menschen leiden unter einer hohen Inflation und Einsparrungen der Zentralregierung in Algier. Droht hier der zweite arabische Frühling? Nach ca. sieben Jahren kann man mindesten eine leere ziehen. Außer in Tunesien hat sich an den politischen Gegebenheiten wenig geändert. Aber auch eine Demokratisierung im Land ist für Stabilität nicht ausreichend. Es geht um wirtschaftliche Teilhabe und Entwicklung der Menschen.

Auch in Tunesien sind die aktuellen Proteste nicht die ersten. Bereist im letzen Jahr gab es Unruhen in der Region Kasserine, die sich entzündeten, als sich ein Arbeitslose umbrachte. In allen drei Staaten des Maghreb klafft eine große Kluft zwischen den Metropolen an den Küsten und den Regionen im Landesinneren.

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