Marokko – Informeller Sektor Gegenstand einer Analyse der HCP

Mentalität zur Vermeidung von Sozialabgaben- und Steuern treibt die Schattenwirtschaft.

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Arbeit
Menschen ohne oder geringer sozialen Absicherung im informellen Arbeitsmarkt

Coronavirus-Pandemie und die tödliche Tragödie in einer Textilfabrik in Tanger rückten den informellen und unregulierten Arbeitsmarkt in den Fokus der Diskussion.

Rabat – Die Bedeutung des sog. informellen Sektors bzw. des unregulierte Arbeitsmarkts (Schattenwirtschaft) und die damit verbundenen Risiken für die marokkanische Wirtschaft sowie die sozialen Folgen im Krisenfall, wurden in den vergangenen Monaten für alle offensichtlich. Die durch das Coronavirus bedingten Eindämmungsmaßnahmen im Frühjahr und Sommer des Jahres 2020, wodurch die gesamte Wirtschaft heruntergefahren werden musste, zeigten auf, dass weit mehr Menschen in prekären Lebenssituationen und praktisch täglich von der Hand in den Mund leben, als öffentlich bekannt- oder zugegeben wurde.

Die neuen großen Infrastrukturmaßnahmen, wie Autobahnen, Hochgeschwindigkeitszugstrecken, Flughäfen, Seehäfen, Freihandelszonen und Automobilfabriken, schafften in den letzten 20 Jahren ein modernes Bild von Marokko, dass dazu führte, dass man versucht war, von einem Wohlstand für alle auszugehen.

HCP analysiert bestehende Daten zur Bedeutung des informellen Arbeitsmarktes

Dies ist ein hochaktuelles Thema, nicht zuletzt nach der Tragödie von Tanger, bei der im Februar 2021 28 Menschen in einer nicht angemeldeten Textilfabrik durch Wassermassen, nach einem Wolkenbruch, ertranken, dass die HCP aufgegriffen hat.

Marokko – Tragödie in Tanger – Fabrikbesitzer in Untersuchungshaft

Am 2. März 2021 veröffentlichte die Kommission eine Zusammenfassung von drei früheren Datenerhebungen über die wichtigsten Merkmale und Trends im informellen Sektor. In der Studie mit dem Titel „Der informelle Sektor in Marokko: Hauptmerkmale und Entwicklungstendenzen„, zieht das HCP eine Bilanz, die die mit der Entwicklung der Schattenwirtschaft verbundenen Faktoren beleuchten soll.

Zwischen 2013 und 2014 belief sich der Anteil des informellen Sektors am Gesamtvolumen der geschaffenen Arbeitsplätze offiziell auf 28,7%, und sein Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt BIP erreichte 11%. Dieses Problem beschäftigt Marokko schon seit langem und erreichte seinen Höhepunkt zwischen 1999 und 2006, als die Schaffung informeller Produktionseinheiten (IPUs) mit einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 2,9 % am intensivsten war.

Charakteristika IPUs in Marokko

IPUs sind in Marokko weit verbreitet. Viele Fabriken im Königreich geben einen Teil ihrer Aufträge an diese informellen Einheiten weiter, um Lieferungen zum günstigsten Preis zu erhalten. Doch nicht nur vermeintlich gering Qualifizierte sind betroffen. Viele Akademiker, z.B. im Mediensektor oder auch unter den Journalisten, sind betroffen und werden in die vermeintliche Selbstständigkeit getrieben. Diese IPUs sind also keine Randerscheinung, sondern scheinen wirklich in die marokkanische Denkweise integriert zu sein. Während sich in den letzten drei Jahrzehnten die Struktur der angestellten Mitarbeiter in den IPUs leicht verändert hat, sind die Selbstständigen laut HCP dennoch die wichtigste Berufsgruppe geblieben. Diese IPUs sind also im Wesentlichen selbstständige Freiberufler: Im Jahr 2013 bestand in 74,9 % der Fälle die IPU aus nur einer Person. Die Beschäftigung im informellen Sektor ist nach wie vor gering, stellt das HCP fest. 2013 machten informell Beschäftigte nicht mehr als 9 % der Gesamtbeschäftigten aus.

Umschichtung von der Industrie zum Dienstleistungssektor.

Der Anstieg der IPUs betrifft vor allem die Dienstleistungsbereiche, insbesondere die Transport- und Kommunikationsbranche sowie das Gastgewerbe. Eine Bestätigung der Tendenz zur Verlagerung des informellen Sektors in den Tertiärsektor. Der Handel stellt somit immer noch den wichtigsten Wirtschaftszweig der informellen Wirtschaft in Marokko dar, mit einem Anteil von 50,6 % der Beschäftigten im Jahr 2013.

informeller Sektor
Quelle HCP – Entwicklung des informellen Sektors

Mentalität zur Vermeidung von Sozialabgaben- und Steuern treibt die Schattenwirtschaft.

Die Vermeidung von Abgaben in die Sozialkassen und die Minimierung der Steuerlast, treiben die Abwanderung in die Schattenwirtschaft, aus Sicht der HCP. Die Inhaber von IPUs, die ihre Vorleistungen von Lieferanten beziehen, die selbst nicht registriert sind oder im informellen Sektor arbeiten, vermeiden so die Rechnungsstellung und Steuerzahlungen, z.B. die Mehrwertsteuer.

Anpassungen des Mindestlohns betreffen auch den informellen Sektor. Die Erhöhung des Mindestlohns verleitet oder zwingt Unternehmen, deren Lohnkosten das Nettoergebnis stark belasten, oft dazu, ihre Belegschaft zu reduzieren oder sie nicht anzumelden.

Über 4,5 Millionen Menschen waren auf staatliche Hilfe angewiesen.

Während des COVID-19 Lockdowns im Frühjahr 2020 ging man in Marokko davon aus, dass man durch staatliche Lohnersatzleitungen ca. 1,5 Millionen Menschen beistehen müsse. Damals plante man auf Basis der Schätzungen der HCP.
Als die Menschen sich digital registrieren konnten, meldeten sich mehr als 4,5 Millionen Frauen und Männer, die durch die Ausgangsperren und Berufsverbote zum Schutz vor dem Coronavirus, ihre Einnahmequellen verloren hatten.
Hätte man die 800 – 1.200 marokkanische Dirham MAD pro Monate aus dem laufenden Staatshaushalt entnehmen müssen, wäre man gescheitert und soziale Unruhen sowie eine unkontrollierbare Verbreitung des SARS-COV 2 Virus wahrscheinlich die Folge gewesen.
Doch zuvor rief König Mohammed VI. dazu auf, durch Spenden und Umschichtungen von Budgets, einen sog. COVID-19 Fonds auszustatten, der eigentlich 10 Mrd. MAD für das Gesundheitswesen erbringen sollte, doch tatsächlich 33 Mrd. MAD erreichte und so Sozialleistungen und Zahlungen ermöglichte. Ein echter Glücksfall für Marokko und sicherlich Rückwirkend ein historischer Segen.
Um zukünftig eine soziale, wirtschaftliche und sicherlich auch politische Katastrophe zu vermeiden, arbeitet das nordafrikanische Königreich an dem Aufbau einer breiten Sozial-, Kranken- sowie Arbeitslosenversicherung.

Marokko – Hilfsgelder für informelle Arbeitnehmer werden erneut ausgezahlt.

Marokko wartet auf das neuen Wirtschaftsmodell.

Mit bereits mehr als einem Jahr Verzögerung wartet man in Marokko auf die Vorstellung eines neuen strategischen Ansatzes, für die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung. König Mohammed VI. verkündete selbst, nach den Unruhen 2017/2018 im Rif und vor dem Hintergrund einer dramatischen Jugendarbeitslosigkeit, dass das bisherige neoliberale Wirtschaftsmodell und der Ausrichtung des Landes auf die Globalisierung, für Marokko gescheitert ist. Es ist damit zu rechnen, dass über die Vorstellung des neuen Entwicklungsmodell, das, nachdem die Regierung El Othmani an der Erstellung gescheitert ist, von einer von König Mohammed VI. eingesetzten Kommission erarbeitet wird, in mitten des Superwahljahr 2021 nachgedacht werden muss, um den Wahlkampf nicht zu beeinflussen. Ein vom König auferlegtes Entwicklungsmodell könnte allen Parteien einen wichtigen Handlungsspielraum nehmen, denn einer Richtungsanweisung des Königs wagt keine Partei zu widersprechen.

Doch der Aufbau eines neuen und vor allem staatlichen Sozialsystem nimmt bereits erste Entscheidungen vorweg.
Allen Beteiligten sowie allen Bürgerinnen und Bürgern muss bewusst sein, dass nur eine erfolgreiche Bekämpfung der Schattenwirtschaft und Änderung der Mentalität zur Abgaben- und Steuervermeidung ausreichend Finanzmittel erbringen kann, um den sozialen Schutz zu verbessern.

Marokko – Erarbeitung des neuen Entwicklungsmodells verzögert sich.

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