Marokko – König unzufrieden über Energiewende

Zu große Fokussierung auf Großprojekte.

5375
König
Quelle MAP - König Mohammed VI. leitet Arbeitssitzung.

Ausbau der erneuerbaren Energien kommt ins Stocken.

Rabat – Im Rahmen der Überwachung von strategischen Großprojekten leitete König Mohammed VI. am 22. Oktober 2020 im Königspalast in Rabat eine Arbeitssitzung, die der strategischen Energiewende, durch den Auf- und Ausbau regenerativer Energien gewidmet war. Während dieser Sitzung stellte der König eine Reihe von Verzögerungen bei der Durchführung dieses umfangreichen Projekts fest, wie eine offizielle Erklärung des königlichen Palastes mitteilte. In der Sitzung habe der König darauf gedrängt, dass die laufenden und geplanten Projekte innerhalb der vorgesehenen Fristen und unter den besten Bedingungen abzuschließen sind.

Ausbau der erneuerbaren Energien soll Abhängigkeit von Importen verringern.

Die Entwicklung der erneuerbaren Energien spiele im aktuellen Kontext der Weltwirtschaft und der allgemein vorangetriebenen Energiewende eine zentrale Rolle, was die Richtigkeit der strategischen Entscheidungen bestätigt, die das Königreich im Rahmen der Königlichen Hohen Anweisung getroffen hat, um diesen Energien einen wichtigen Platz im nationalen Energiemix einzuräumen und die herausragende und anerkannte Position, die Marokko heute in diesem Zukunftsbereich spielt, zu festigen, so der Palast nach der Arbeitssitzung.

Königreich seit Jahren sehr engagiert.

Der Ausbau der erneuerbaren Energien ist eines der ältesten und beliebtesten Projekte von König Mohammed VI. Marokko soll unabhängig von Stromimporten werden. Derzeit importiert das Königreich noch immer Strom aus Spanien. Neben dem Strombedarf muss Marokko nahezu seinen gesamten Bedarf an Erdgas und Eröl (und Produkte) ebenfalls importieren. Für das Jahr 2020 plant man in Rabat ca. 40 % seines Strombedarfs im Land selbst zu erzeugen und dies vor allem mit Hilfe von Sonnenenergie sowie Windkraft. Bis 2030 sollen es 50% sein.
Die Pläne auch Energie per Wasserkraft zu erzeugen, werden durch die Dürren im Land gefährdet.
Bereits als Thronfolger hat sich der heutige Monarch mit dem Thema Klimawandel und erneuerbare Energien beschäftigt und 1992 die marokkanische Delegation auf der Weltklimakonferenz in Rio angeführt. Im Jahr 2009 gab der König selbst den Startschuss für den Umbau der marokkanischen Energiewirtschaft. Unter dem Sammelbegriff Noor (Licht) wurde das größte Solar – Hybridkraftwerk in Quarzazate gebaut. Ein zweites wird derzeit in Midelt errichtet. Mehrere kleinere entlang der Atlantikküste stehen auf dem Arbeitsplan.

Noor
Quelle: Moroccan Agency for Sustainable Energy (MASEN)

Fokussierung auf Großprojekte lässt Kreativität vermissen.

So lobenswert und zukunftsweisend die Zielsetzung ist, so konservativ ist die Strategie Marokkos. Das Land setzt auf Großprojekte, für deren Umsetzung es auf Wissen und Finanzhilfen aus dem Ausland zurückgreift. So bauen die Solarkraftwerke vor allem spanische und französische Unternehmen und die deutsche KfW gehört zu den größten Kreditgebern. Zugleich beteiligen sich die jetzigen marokkanischen Energiekonzerne, als Minderheitspartner. Darunter die Akwa Group, die die größte Tankstellengruppe Afriquia betreibt und der marktbeherrschende Importeur für Treibstoffe und Gas ist. Die Unternehmen erwarten Rendite, die KfW eine rechtzeitige Kreditrückzahlung und die Importeure haben nicht unbedingt ein vorrangiges Interesse an der Beendigung ihres jetzigen Geschäftsmodells. Erste Beobachter befürchten schon, dass auch langfristig der „grüne Strom“ teurer sein wird, als der konventionell produzierte bzw. importierte.

Private Haushalte nicht einbezogen.

Die jetzige Strategie bezieht die privaten Haushalte noch nicht als Erzeuger mit ein, sondern neben dem Export primär als Kunden. Dabei zeigt die Entwicklung in Europa, wie wichtig es ist, die privaten Haushalte einzubeziehen. So bestehen große Einsparungsmöglichkeiten beim Energieverbrauch und hier insbesondere im Bausektor. Vorgaben für Gebäudedämmung, die sowohl den Kühl- als auch den Heizbedarf senken könnten, liegen in den Schubladen, werden aber nicht umgesetzt, um die mutmaßlichen Baukosten nicht ansteigen zu lassen. Die Installation von Solaranlagen auf den meist Flachdächern findet kaum statt, da die Stromnetze in den Häusern und in den Ortschaften den produzierten Strom nicht aufnehmen könnten, von einem attraktiven Vergütungsmodel ist schon gar nicht die Rede. So beschränkt man sich in den Städten meist auf die Warmwasseraufbereitung durch Kollektoren.

Energiewende wird durch halbherzige Mobilitätswende begleitet.

Ein wesentlicher Kostentreiber bei der Energie ist die Mobilität. Marokkos Regierung hat verkündet, dass man in den nächsten drei Jahren bis zu 30 Prozent der Flottenfahrzeuge durch Hybridfahrzeuge austauschen will. Erste versuche mit Elektrobussen in Marrakech wurden wieder eingestellt, aber darüber hinaus gibt es kaum Planungen, die individuelle Mobilität einzubinden. Marokko ist stolz auf seine neu aufgebaute Automobilindustrie, die tatsächlich nur auf die Montage französische Klein und Mittelklassefahrzeuge setzt. Eigene Entwicklungen sind bisher nicht auf den Straßen zu sehen. Fahrzeuge mit niedrigem Preis, der vor allem durch geringe Lohnkosten aber auch durch die Verwendung konservativer und in Europa teils abgeschriebene Großserientechnologie realisiert wird. Es dominieren weiterhin dieselbetriebene Fahrzeuge aus dem Renaultkonzern oder teure SUVs mit hohen Verbräuchen, die importiert werden. Eine Infrastruktur für alternative Antriebe ist praktisch nicht in den Planungen inkludiert und kaum vorhanden.

1-millionsten PKW
Hafenstadt Tanger ist Produktionsstandorte für die Marke Dacia

Hochrangiges Treffen unter Leitung des Königs.

An dem Treffen zum Status der Energiewende nahmen der Regierungschef, Saad Eddine El Otmani, die Berater des Königs, Fouad Ali El Himma und Yassir Zenagui, der Innenminister, Abdelouafi Laftit und der Minister für Wirtschaft, Finanzen und Verwaltungsreform, Mohamed Benchaaboun teil. Ebenfalls Anwesend waren Aziz Rebbah, Minister für Infrastruktur, der seine COVID-19 Erkrankung überstanden hat, die Generaldirektorin des Office National des Hydrocarbures et des Mines, Frau Amina Benkhadra, der Vorsitzende des Verwaltungsrates der marokkanischen Agentur für nachhaltige Energie (MASEN), Herr Mustapha Bakkoury und der Generaldirektor des Office National de l’Electricité et de l’Eau Potable, Herr Abderrahim El Hafidi.

Empfohlener Artikel