Marokko – Schweres Wirtschaftsjahr 2021 droht.

Erste Rezession seit 1990.

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Minister
Finanz- und Wirtschaftsminister Mohamed Benchaaboun vor dem Parlament

Finanz- u. Wirtschaftsminister erläutert Parlament die volkswirtschaftliche Situation 2020/2021.

Rabat – In dieser Woche endete die Frühjahrssitzungsperiode des marokkanischen Parlaments. Kurz zuvor hatten beide Kammern abschließend den Nachtragshaushalt 2020 verabschiedet, der deutliche Mehrausgaben in Folge der Coronavirus-Pandemie ausweist und vor allem die bis dahin geltende Obergrenze für die Neuverschuldung im Ausland für diese Jahr aufhebt. Nun beginnen die Planungen für den Staatshaushalt 2021, der ab Oktober dieses Jahres im Parlament beraten werden muss. In einer Sitzung am vergangenen Mittwoch skizzierte der Finanz- und Wirtschaftsminister Mohamed Benchaâboun die makroökonomischen Rahmenbedingungen für 2020 und für das Finanzgesetz (PLF) 2021. Er erläuterte die aktuellen Daten, aus denen hervorgeht, dass das Jahr 2021 eines der schwierigsten sein wird, die das Land seit vielen Jahren erlebt hat.

In seiner Rede machte er unmissverständlich deutlich, dass die Rahmenbedingungen schwierig sind und dass die Unsicherheiten die Arbeit der Regierung in Bezug auf Projektionen und Prognosen weiter erschwert.

Finanz- und Wirtschaftsminister
Finanz- und Wirtschaftsminister Mohamed Benchaaboun vor dem Parlament

Vorstellung des Dreijahresplans erst im September

Die zahlreichen Planungsunsicherheiten sind auch ursächlich, weshalb der Minister die Verschiebung der Vorlage des Gesamtprogramms für den Dreijahreshaushalt auf Anfang September ankündigte. Diese Planung sollte ebenfalls am vergangenen Mittwoch, 22. Juli 2020, zeitgleich mit der Entwicklung der Volkswirtschaft, den wirtschafts- und finanzpolitischen Daten und den Fortschritten bei der Umsetzung des geltenden Haushaltsgesetzes vorgestellt werden. Alle vom Minister vorgestellten Zahlen, zeigen „die Verschlechterung der makroökonomischen Indikatoren, sei es im Vergleich zum letzten Jahr oder zu den ersten Prognosen für das Jahr 2020″, wie der Minister am Ende seiner Präsentation zusammenfasste. Minister Benchaâboun präzisiert auch, dass „diese Prognosen Risiken in Bezug auf die Entwicklung und den Verlauf der Coronavirus-Krise in den kommenden Monaten unterliegen“.

Weltwirtschaft wird durch zunehmende Abschottung geprägt sein.

Der Minister betont jedoch, dass der globale Trend im Kampf gegen Covid-19 in Richtung einer verstärkten Abschirmung und Isolierung geht, wobei die allgemeine Beschränkung auf ein ganzes Territorium vermieden werden soll. Die wirtschaftlichen Kosten dieser Strategie sind zu hoch.

Darüber hinaus sind die Zahlen für die erste Hälfte des Jahres 2020, die durch die Eindämmung vom 20. März bis zum 10. Juni stark beeinträchtigt wurden, ein Beweis dafür.

Erste Rezession seit 1990.

„Die makroökonomischen Gleichgewichte werden stark beeinträchtigt werden, insbesondere durch die Zunahme der Haushalts- und Leistungsbilanzdefizite in der Zahlungsbilanz“, sagte der Minister. Letzterer erinnert daran, dass die Prognosen einen Rückgang des BIP um 5% ausweisen. „Die erste Rezession der marokkanischen Wirtschaft seit den 1990er Jahren“, sagte der Minister.

Zusätzlich zu den Folgen der Covid-19-Krise sieht sich Marokko auch mit einem Dürrejahr konfrontiert, das durch einen Rückgang der Niederschläge um 34% im Vergleich zum Durchschnitt der letzten 30 Jahre gekennzeichnet ist.

Ernteausfällen
Dürre – Ernteausfälle beim Getreide erwartet.

Um die Auswirkungen auf den Agrarsektor zu begrenzen, hat die Regierung das Sofortprogramm zur Bekämpfung der Auswirkungen der Dürre aktiviert (Entschädigung der Bauern, Subventionen für Viehfutter, Versicherung gegen Katastrophen usw.).

So sank das landwirtschaftliche BIP im ersten Quartal 2020 um 5%. Das nicht-landwirtschaftliche BIP verzeichnete seinerseits einen Rückgang um 0,7% gegenüber einem Anstieg von 3,9% im Jahr 2019. Diese erste Jahreshälfte war auch durch die Zunahme des Liquiditätsdefizits im Bankensektor gekennzeichnet. „Seit Beginn der Covid-19-Krise sind einige Störungen in der Bankenliquidität zu beobachten, die auf die Zunahme der Abhebungen zurückzuführen sind“, erklärte er. Das Liquiditätsdefizit erreichte im zweiten Quartal 2020 93,8 Mrd. MAD. Dies erforderte die Intervention der Zentralbank, die 97,4 Mrd. MAD injizierte. Dies, zusätzlich zu anderen Maßnahmen, die ergriffen wurden, wie die Abschaffung der obligatorischen Mindestreserve.

Steigende Arbeitslosigkeit und moderate Inflation erwartet.

Wer von Rezession spricht, spricht von steigender Arbeitslosigkeit. Dies ist im Jahr 2020 der Fall. Prognosen schätzen den Verlust von Arbeitsplätzen im Jahr 2020 auf 227.000 Stellen im nicht-landwirtschaftlichen Sektor und 78.000 im landwirtschaftlichen Sektor. Die Arbeitslosenquote wird im Jahr 2020 13% erreichen, gegenüber 9,2% im Jahr 2019, so der Minister in seiner Rede weiter.

Der Außenhandel hat abgenommen.

Auch der Außenhandel wird stark betroffen sein, da die Covid-19 Krise global ist. Diese Krise schwebt über der Welt mit „vielen Zweifeln an den globalen Prognosen, insbesondere hinsichtlich der Entwicklung der Pandemie, der Rückkehr der Barrieren im internationalen Handel, der Zunahme der Verschuldung von Ländern und Unternehmen , der Instabilität der Finanzmärkte, …. „, erklärt der Minister.

Außenhandelsdefizit
Außenhandelsdefizit

Die marokkanischen Exporte bis Ende Juni 2020 erlebten einen deutlichen Rückgang, insbesondere im Welthandel Marokkos:

  • Automobilindustrie: -40,3%.
  • Textilien und Leder: -35,8%
  • Landwirtschaft und Agroindustrie: -7,2%.
  • Luftfahrt: -30,4

Die Tourismuseinnahmen und Transfers von im Ausland lebenden Staatsbürgern MREs gingen um 28,9% bzw. 11,4% zurück. Die ausländischen Direktinvestitionen fielen ihrerseits um 21,2%.

Trotz des Rückgangs der marokkanischen Exporte sank das Handelsdefizit um 13%, wie der Minister feststellte, dank eines stärkeren Rückgangs der Importe. Diese sind bis Ende Juni 2020 um 46,6 Mrd. MAD gesunken.

Devisenreserven bleiben stabil.

Die Devisenreserven des Landes liegen bei ca. 292 Mrd. MAD Ende Juni 2020. Dies entspricht dem Einfuhrbedarf von 7 Monaten und 13 Tagen. „Trotz dieses Hintergrunds haben die Geschäftsbanken nicht auf die Reserven der Zentralbank zurückgegriffen“, stellt der Minister mit Zufriedenheit fest und erinnert dabei an die Reform des Wechselkurssystems, die zu diesem Ergebnis beigetragen hat. Die Währungsreserven der Banken, die nicht zu den Reserven des Staates gezählt werden, betragen derzeit ca. 16 Mrd. MAD.

Haushaltsdefizit des Staates verdoppelt sich.

Dennoch wird sich das Haushaltsdefizit nach den Prognosen für Ende 2020 um 3,9 Prozentpunkte auf rund -8% ausweiten, gegenüber -4,1% im Jahr 2019. In Bezug auf die Lage der öffentlichen Finanzen bestätigt der Minister den anhaltenden Rückgang der Staatseinnahmen. So sanken die ordentlichen Einnahmen im Vergleich zu 2019 um 10,5% oder 12,7 Mrd. MAD. Die Einnahmen ohne Steuern gingen um 25% zurück. Die Steuereinnahmen gingen um 8,5% zurück:

  • Die Körperschaftssteuer blieb stabil
  • Die Einkommensteuer verzeichnete einen Rückgang von 6,8%.
  • Die Mehrwertsteuer sank um 10,6%.
  • Die Zahl der IKT fiel um 13,7%.

Angesichts rückläufiger Einnahmen stiegen zugleich die Ausgaben um 7,1%. Der Anstieg ist hauptsächlich auf die Erhöhung der Lohnsumme um 8,4% (5,2 Mrd. MAD) und den Anstieg der Ausgaben für Waren und Dienstleistungen um 11,7% (3,2 Mrd. MAD) zurückzuführen.

Ohne Berücksichtigung des Überschusses der Sonderkonten des Schatzamtes, insbesondere des Fonds Covid-19, überstieg das Defizit des Schatzamtes 44 Mrd. MAD. Dies ist ein Anstieg um 26,8 Mrd. MAD im Vergleich zum gleichen Zeitraum im Jahr 2019.

Auf der Grundlage dieser Ergebnisse prognostiziert der Minister ein Haushaltsdefizit des Staates von 82,4 Mrd. MAD, d.h. 7,5% des BIP. Um es zu finanzieren, hat der Staat keine andere Wahl, als Kredite aufzunehmen. Dies wird unbestreitbar dazu führen, dass die Staatsverschuldung auf 75,5% des BIP gegenüber 65% im Jahr 2019 explodieren wird.

Staatsschulden
Marokkanische Staatsschulden – Quelle Finanz- und Wirtschaftsministerium Stand Juni 2019

Wirtschaftsjahr 2021 wird schwierig.

Der vom Minister für Wirtschaft und Finanzen ausgearbeitete allgemeine Rahmen lässt vermuten, dass aus wirtschaftlicher Sicht der schwierigste Teil noch vor Marokko liegen könnte. Vorausgesetzt, dass die Weltweite Gesundheitskrise durch die Coronavirus – Pandemie bald überwunden werden kann.

Das Jahr 2021, auf dem die Hoffnungen auf eine Erholung ruhen, wird wohl eher kein gutes Jahr werden können, wenn alle Anstrengungen vom Staat kommen müssen. Denn nach den von dem Minister vorgelegten Zahlen wird es dem Staat schwer fallen, diesen Aufschwung zu finanzieren, ohne die makroökonomischen Gleichgewichte gefährlich aus dem Ruder laufen zu lassen. Hier vor allem die Staatsverschuldung.

Marokko – HCP prognostiziert 5,8% Rezession und 14,8% Arbeitslosenquote im Jahr 2020.

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