Marokko – Über 30% der Akademiker ohne Chance auf dem Arbeitsmarkt

Arbeitslosenquote sinkt leicht auf 9,1%

HCP
Chef der Hohen Kommission für Planung HCP Lahlimi

Zu geringe Investitionen, niedriges Wirtschaftswachstum und ineffizientes Bildungssystem

Ahmed Lahlimi, der Chef der Hohen Kommission für Planung HCP in Marokko, ist für seine auf Zahlen basierenden und klaren Analysen bekannt. Er scheut dabei auch nicht den Streit mit anderen Ministerien, wenn es um die Deutungshoheit seiner Messungen geht. In einem Interview ging er nun auf die Situation auf dem Arbeitsmarkt ein. Dabei machte er auf die schwierige Situation junger Akademiker aufmerksam. Nach aktuellen Zahlen der HCP ist Jeder dritte marokkanische Hochschulabsolvent ohne Job. Für Herrn Lahlimi sind die Ursachen klar. Aufgrund des zu geringen Wirtschaftswachstums, unzureichender Investitionen im Land und eines Bildungssystems, das keine für den Arbeitsmarkt relevanten Fähigkeiten vermittelt, finden tausende keine Arbeit, sagte Ahmed Lahlimi. Die Arbeitslosigkeit gilt als eines der größten Risiken für Frieden, Wohlstand und Stabilität, nicht nur in Marokko, sondern im gesamten Maghreb.

Arbeitslosenquote sinkt leicht auf 9,1%

Die Arbeitslosenquote ist im zweiten Quartal 2018 leicht gesunken. Gegenüber dem Vergleichsquartal 2017 sank die Arbeitslosigkeit gering um 0,2% Punkte. Im zweiten Quartal 2017 lag die Arbeitslosenquote bei 9,3%. In diesem Jahr liegt sie bei 9,1%. „In den letzten fünf Jahren haben durchschnittlich 60.000 Menschen pro Jahr ein Studium an marokkanischen Hochschulen absolviert, von denen jeweils 20.000 keine Arbeit finden“, sagte Ahmed Lahlimi.

Landwirtschaft dominiert die marokkanische Wirtschaft.

Der Chef der HCP macht darauf aufmerksam, dass der Rückgang der Arbeitslosigkeit vor allem auf die positive Situation in der Landwirtschaft zurückzuführen ist, einem Wirtschaftssektor der nicht gerade viele Akademiker und höher Ausgebildete Fachkräfte benötigt. Basierend auf der voraussichtlichen zukünftigen Agrarproduktion wird sich das BIP-Wachstum von 3,1% in diesem Jahr auf 2,9% im Jahr 2019 verlangsamen, sagte Lahlimi. Damit widerspricht er der Wirtschaftsprognose der marokkanischen Regierung, die auf ein höheres Wachstum hofft.

Ohne Wirtschaftswachstum keine soziale Entwicklung.

Das wirtschaftliche Wachstum steht im Zentrum der Entwicklungsstrategie Marokkos. Sowohl der Strategie der letzten Jahre, als auch in der modifizierten Vorgehensweise, die derzeit erarbeitet wird und die König Mohammed VI. sowohl im Oktober 2017 als auch in seiner Thronrede vom 29. Juli 2018 gefordert hat. In seiner letzten Thronrede stellte der König fest: „Die Schaffung von Arbeitsplätzen und die Schaffung eines modernen und menschenwürdigen Sozialschutzsystems sind ohne einen qualitativen Sprung bei den Investitionen und der Unterstützung des nationalen Produktionssektors nicht zu erwarten.“ In jüngster Vergangenheit hat es vor allem im Nordosten Marokkos Demonstrationen gegeben, die unter anderem durch Armut und Arbeitslosigkeit motiviert waren. Erst vor wenigen Tagen hat König Mohammed VI. den Minister für Wirtschaft und Finanzen, Mohamed Boussaïd entlassen. Über die Hintergründe wird noch spekuliert. Es geht aber um die politische Verantwortung für die Situation.

Einfluss des Wirtschaftswachstums auf den Arbeitsmarkt sinkt.

Die Beobachtungen der letzten Jahre lassen die Vermutung zu, dass der Einfluss des Wirtschaftswachstums auf die Schaffung von Arbeitsplätzen nicht ausreichend ist, ja sogar sinkt. Ähnlich argumentiert auch der Chef der HCP. Marokko wird immer wieder für sein Wirtschaftswachstum gelobt. Im Jahr 2017 soll es bei ca. 4,1% gelegen haben. Aber aus Sicht des HCP – Chefs ist das noch zu gering. „Mit diesem niedrigen Wachstum konnte Marokko die Arbeitslosigkeit nicht signifikant reduzieren und die sozialen Unterschiede verringern. Der Einfluss des Wachstums auf die Schaffung von Arbeitsplätzen hat sich seit dem Jahr 2000 weiter verringert“, so Ahmed Lahlimi.

Wettbewerbsfähigkeit muss durch Bildung gesteigert werden

Marokko hat in den letzten Jahren teils große Investitionen in erneuerbare Energien getätigt und Investoren im Automobilsektor, in der Luft- und Raumfahrt und im Tourismusbereich angezogen, aber viele junge Menschen haben immer noch Schwierigkeiten, einen Arbeitsplatz zu finden. Aus Sicht von Laglimi liegt der Schlüssel in der Bildung. Das Bildungssystem müsse verbessert werden, vom Kindergarten bis zur Universität, sagte er. „Bildung ist die soziale Leiter, die Menschen aus der Armut befreien, Ungleichheiten abbauen und soziale Ungleichheit bekämpfen könnte.“

Die Berufsausbildung ist unerlässlich, zieht aber nach wie vor Studenten an, die weitgehend scheitern. „Es sollte Menschen anziehen, die motiviert sind, parallel zum technologischen Fortschritt Arbeitsplätze zu schaffen, die den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes entsprechen“, fügte er hinzu. „Marokko muss die Wettbewerbsfähigkeit seiner Wirtschaft, insbesondere der kleinen und mittleren Unternehmen, stärken“, fuhr er fort.

Handelsbilanzdefizit belastet die marokkanische Wirtschaft.

Die marokkanische Wirtschaft kann sich nur bedingt über mehr Exporte nach Europa und nach Afrika freuen. Aber auch hier weist der HCP – Chef darauf hin, dass es eine Schattenseite gibt. Der Anstieg der Exporte spiegle nicht die Realität und die Abhängigkeit Marokkos von Importen wider. Die Importe belasten die Handelsbilanz, so Lahlimi. Die größten Exportindustrien, wie der Automobilsektor, sind stark auf importierte von Teilen angewiesen. Größtenteils kommen die Werkstoffe aus dem Ausland und gelten dann als Importgüter. Marokkos Zulieferindustrie z.B. im Automobilsektor befindet sich noch im Aufbau. Der Aufbau selbst wird durch die schlechte, die Bedürfnissen des Marktes nicht erfüllende Ausbildung gerade junger Menschen behindert. „Dies hat zusätzliche Auswirkungen auf die Finanzierung und Ausweitung des Handelsdefizits“, betonte er. Das Defizit erhöhte sich in den ersten sechs Monaten des Jahres 2018 um 7,8% auf 100,83 Milliarden Dirham (ca. 9,12 Milliarden Euro – Wechselkurs vom 05. August 2018) im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

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