Marokko – Unternehmensgründungen nehmen zu.

Pleite-Risiko bei 50% bis 66% - Zugang zu Finanzmitteln schwierig.

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Unternehmensgründungen
Anstieg bei Unternehmensgründungen in Marokko im Jahr 2018

Nachhaltigkeit und Überlebenschancen bei Unternehmensgründungen sind zweifelhaft.

Rabat – Im Jahr 2018 nahm die Zahl der neu gegründeten Unternehmen in Marokko zu. Der höchste Anstieg seit zehn Jahren. Nach Angaben des marokkanischen Amtes für gewerbliches Eigentum (OMPIC) wurden 2018 in Marokko rund 92.000 Unternehmen gegründet. Dies entspricht einer Steigerung von 20% gegenüber 2017. Gute Nachrichten für die Gesundheit der marokkanischen Wirtschaft, könnte man denken. Doch hinter den Unternehmensgründungen verstecken sich nicht selten nicht überlebensfähige Firmen oder einfach eine Arbeitslosigkeit, die sich hinter einem Einzelunternehmen verbirgt.

Noch nie war es so einfach ein Unternehmen zu gründen.

„Es war noch nie so einfach, ein Unternehmen zu gründen“, sagte Amine Diouri, ein leitender Angestellter bei der Beratungsfirma Inforisk Dun & Bradstreet gegenüber dem Nachrichtenmagazin Telquel.ma, und ergänzt: „Dieser Fortschritt muss weiter qualifiziert werden“. Für ihn „schafft die bestehende marokkanische Wirtschaft wenige Arbeitsplätze, die Menschen sind oft gezwungen, eigene Arbeitsplätze zu schaffen.“ Aus seiner Sicht stellt die Unternehmensgründung ein Arbeitsmittel bzw. eine Beschäftigung da. Junge Menschen, die stärker von Arbeitslosigkeit betroffen sind, orientieren sich natürlich in Richtung Selbständigkeit, ein Status, der leichter, seit der Gesetzesnovelle des Handelsrechts 2016, zu erlangen ist.

Laut einer 2017/2018 veröffentlichten GEM-Studie (Global Entrepreneurship Monitor) empfinden die meisten marokkanischen Unternehmer ihre Tätigkeit als Notwendigkeit. Der Wunsch nach eigenem und selbstbestimmten Unternehmertum ist nicht die erste Triebfeder für die Gründung einer Firma. Eine ähnliche Situation kannte man auch in Deutschland Mitte der 2000er Jahre unter dem Stichwort „Ich AG“.

Behörde sieht Anzeichen für eine gestiegene Attraktivität der Existenzgründung.

Für den Direktor der OMPIC (L’Office Marocain de la Propriété Industrielle et Commerciale = Das marokkanische Amt für gewerbliches und kommerzielles Eigentum) Larbi Benrazzouk ist dieser Anstieg ein Beweis dafür, dass die Unternehmensgründung größere Teile der marokkanischen Bevölkerung anzieht. „Das Bewusstsein der jungen Menschen wächst. Heute zögern sie nicht mehr, den Schritt zur Entwicklung ihres eigenen Unternehmens zu wagen. Diese Veränderung des Reflexes wird ein echter Treiber für die Entwicklung sein“, schwärmt er. Der Direktor von OMPIC weist auch darauf hin, dass der Status des Eigenunternehmers eine wichtige Rolle in dieser „neuen Dynamik“ gespielt hat. Heute hat das Land fast 100.000 eigenständige Unternehmen (ohne Staatsbeteiligung). Seiner Einschätzung zum Ansehen von Unternehmensgründungen bzw. -gründern stellt die GEM-Studie entgegen, dass von 52 gemessenen Staaten Marokko sich auf Platz 37 einordnet muss, wenn es um den sozialen Status von Unternehmensgründungen geht.

Unternehmensgründer
Quelle GEM Studie 2017/2018 – Ansehen bzw. Status von Unternehmensgründer in Marokko

Regierung hat Anforderungen an Unternehmensgründungen verringert.

„Dank der Bemühungen der Regierung war es noch nie so einfach, ein Unternehmen zu eröffnen“, sagt Amine Diouri. In Bezug auf Kosten, Fristen und Verfahren wurde der Zugang zum Unternehmertum in den letzten Jahren erheblich erleichtert. Für die Gründung einer LLC (einer Kapitalgesellschaft bzw. Unternehmen mit beschränkter Haftung) ist kein Startkapital erforderlich.“ Das kann Folgen für die Überlebenschance haben. Die von den Unternehmern bereitgestellten Mittel (Eigenkapital und Investitionsmittel) sind nicht selten unzureichend. „Fast 50% der gegründeten LLCs haben ein Kapital von weniger als 10.000 marokkanische Dirham (MAD)“ (weniger als 1.000€), erklärt Amini Diouri. Nach den ersten Investitionen befinden sich die Unternehmer schnell in Liquiditätsengpässen. Dann wird es für sie sehr schwierig, ihre Aktivität aufrechtzuerhalten.

Pleite-Risiko bei 50% bis 66% – Zugang zu Finanzmitteln schwierig.

In Marokko ist die Überlebenschance der Unternehmen sehr gering. Die Hälfte von ihnen ist gezwungen, nach fünf Jahren zu schließen. „Diese Misserfolge sind meist auf eine schlechte Vorbereitung zurückzuführen. Viele Menschen gründen ihr Unternehmen, ohne zu wissen, wohin es gehen soll. Der Staat hat hier eine Rolle zu spielen, weil uns die für das Überleben junger Unternehmen notwendigen Fördermaßnahmen fehlen“, sagt Amine Diouri. Darüber hinaus bestehen Schwierigkeiten beim Zugang zu Finanzierungsmitteln von Bankinstituten sowie öffentliche bzw. private Investoren. Nach Angaben der GEM – Studie sind zwei Drittel der Marokkaner, die ein eigenes Unternehmen gründen wollen, gezwungen es aufzugeben. Und für diejenigen, die es geschafft haben, liegt die Quote der ständigen Angst vor der Pleite bei etwa 40%.

Studie
Quelle GEM-Studie 2017/2018: Rahmenbedingungen für Unternehmensgründungen in Marokko

Staat ist sich den Risiken bewusst.

Larbi Benrazzouk weiß, dass Unternehmer, insbesondere die am stärksten gefährdeten bei ihrem Start unterstützt werden müssen. „Wir müssen diese gute Entwicklung nutzen, um ein Umfeld zu schaffen, das dem Unternehmertum förderlich ist. Durch steuerliche Anreize, insbesondere für junge Menschen und Regionen, können wir Kreativität fördern, Energien freisetzen und Innovationszentren im Land unterstützen“, erklärt der Direktor der OMPIC. Er erinnerte daran, dass es das Ziel sei, nationalen Unternehmen zu helfen und „die globale Wertschöpfungskette zu integrieren“. Auch Larbi Benrazzouk fordert Geduld. Die Multiplikation von Unternehmen in Marokko wird erst nach einem „Delay-Effekt“ zu einem positiven Ergebnis führen. Im Jahr 2018 sank das Wirtschaftswachstum des Landes im Vergleich zu 2017.

König beklagt Innovationszentren.

Auch wenn der Leiter des OMPIC vor allem Positives aus den Zahlen ableiten will, so ist jedem klar, dass es nicht ganz so rosig ist, wie es scheint. Das hat auch der marokkanische König festgestellt und in seinen letzten Reden, unter anderem vor dem marokkanischen Parlament im Oktober 2018 kritisiert. Nach über zehn Jahren hätte er feststellen müssen, dass die auf seine Anweisung im ganzen Land aufgebauten Investitionsförderzentren keine gute Arbeit gemacht hätten.

König Mohammed VI. von Marokko
Rede des Königs im Fernsehen 2018

Die eingeführte Bürokratie bei der Bearbeitung von Anträgen für Fördermittel würde viele ausbremsen. In seiner TV Rede im Juli 2018 hatte der König auch Sofortmaßnahmen angekündigt. Unter anderem die sog. Beweisumkehr. Wenn Anträge auf Fördermittel nicht binnen sechs Wochen bearbeitet werden, dann gelten sie als genehmigt. Trotz Ankündigung des Königs hat sich aber an der Rechtslage in den Investitionszentren noch nichts geändert. Gleichzeitig müssen sich alle Beteiligten fragen lassen, weshalb es über zehn Jahre braucht, bevor man bemerkt, dass sich nichts verändert hat.

Marokko – Thronrede vom 29. Juli 2018 in deutscher Übersetzung

 

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