Marokko – Zentralbank gibt Einschätzung zur Wirtschaftsentwicklung ab.

Rezession 2020 und positives Wachstum in 2021 unter Unsicherheit.

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Bank Al Maghrib
Chef der marokkanischen Zentralbank - Banq Al Maghrib 2019

Leitzins bleibt unverändert bei 1,5%. Erste Erholung 2021 unter Unsicherheiten erwartet.

Rabat – Der Vorstand der Bank Al Maghrib hielt am 22. September seine turnusmäßige dritte Quartalssitzung des Jahres 2020 ab. Wichtigster Tagesordnungspunkt war die Analyse der Entwicklung der nationalen Wirtschaftslage seit Beginn der Coronavirus – Pandemie. Breits im Vorfeld wurden Ergebnisse zur Inflation und zur Prognose des Wirtschaftswachstums in diesem und kommenden Jahr bekannt. Die Unternehmen und Finanzmärkte warteten gespannt darauf, ob die marokkanische Zentralbank den Leitzins senken würde, um die Kosten der Geldbeschaffung bei den Geschäftsbanken zu senken und um Kredite billiger zu machen. Trotz der durch die COVID-19 Pandemie ausgelösten ersten Rezession seit Mitte der 1990er Jahren hält die Nationalbank an dem bisherigen Leitzins fest, der weiterhin und seit Juni dieses Jahrs bei 1,5 % verbleibt. Aus Sicht der Bank Al Maghrib ist die bisher verfolgte Geldpolitik „ausreichend“, um die Finanzierung der Wirtschaft zu unterstützen, die Auswirkungen der Krise abzuschwächen und die Erholung zu fördern.

Rezession 2020 und positives Wachstum in 2021 unter Unsicherheit.

Nach den Prognosen der Bank Al Maghrib wird die Volkswirtschaft in 2020 voraussichtlich um 6,3% schrumpfen und damit in die erste Rezession seit mehr als 20 Jahren hineingehen müssen. Dabei erwartet man in Rabat, dass die landwirtschaftliche Wertschöpfung um 5,3 % und die nicht-landwirtschaftlichen Sektoren um 6,3 % verlieren werden. Im Jahr 2021 wird das Bruttoinlandsprodukt BIP den Projektionen zufolge um 4,7 % steigen. Damit wird im kommenden Jahr der Verlust durch die COVID-19 Pandemie nicht kompensiert, vorausgesetzt die Pandemie wird überwunden sein. Bei der Prognose für 2021 geht die Zentralbank davon aus, dass das BIP Wachstum angetrieben wird, durch eine 12,6 % Steigerung der landwirtschaftlichen Wertschöpfung, wobei eine Getreideernte von 75 Millionen Doppelzentnern angenommen wird. Zugleich geht man von einer positiven Entwicklung der nicht-landwirtschaftlichen Wertschöpfung um 3,7 % aus. Derzeit muss die angenommene Getreideernte als optimistisch bewertet werden, angesichts der Dürre und der diesjährigen Ernteergebnisse.

Marokko – Erntejahr schließt mit 39% Verlust bei Getreide ab.

Inflation bleibt auf relativ niedrigem Niveau.

Vor dem Hintergrund eines gedämpften Nachfragedrucks wird die Inflation den Projektionen zufolge auf niedrigem Niveau bleiben und im Jahr 2020 durchschnittlich 0,4% betragen, bevor sie sich bis 2021 moderat auf 1% beschleunigt. Die Menschen halten ihr Geld soweit möglich zusammen, da durch die Pandemie Einnahmeeinbußen in den Unternehmen und in den privaten Haushalten zu verkraften sind. Die Konsumneigung und Akzeptanz für Preissteigerungen wird gering bleiben, was sich auch auf den durch Inlandnachfrage stimulierten Teil des BIP Wachstums auswirken könnte.

Verbraucherpreise
Lebenshaltung, Erzeugerpreise, Preisindex

Haushaltsdefizit steigt weiter.

Der marokkanische Staat gibt nicht nur in diesem Jahr mehr aus, als er erwirtschaftet, sondern wird dies auch im kommenden Jahr tun müssen. Unter Berücksichtigung der Daten im Berichtigungshaushaltsgesetz 2020 (Nachtragshaushalt 2020) und der fortgesetzten Beschaffung spezifischer Finanzmittel im Jahr 2021 dürfte sich das Haushaltsdefizit ohne Privatisierungen von 4,1 % des BIP im Jahr 2019 auf 7,9 % in diesem Jahr erhöhen, bevor es 2021 auf 5,1 % zurückgeht.

Zusätzlich zu den inländischen Finanzquellen wird der Bedarf des Finanzministeriums, nach Einschätzungen der Zentralbank, durch eine „außerordentliche“ Beschaffung externer Finanzmittel (Auslandsschulden) finanziert werden müssen. Die Verschuldung des Finanzministeriums würde von 65% des BIP im Jahr 2019 auf 76,1% im Jahr 2020 steigen und 2021 75,9% erreichen.

Geld- und Währungsbedingungen

Unter Berücksichtigung der erwarteten Entwicklung der Konjunktur, der erwarteten Wirkung des Intelaka-Programms (Anm. des Autors: Finanzierungsprogramm für Unternehmen auf Initiative von König Mohammed VI.) und der verschiedenen Unterstützungs- und Konjunkturmaßnahmen dürften die umlaufenden Bankkredite in den Jahren 2020 und 2021 um etwa 4% steigen. Vor allem aufgrund der Reduzierung des Leitzinses um 25 Basispunkte im März 2020 sanken die Kreditzinsen im zweiten Quartal um 29 Basispunkte auf durchschnittlich 4,58%, wovon sowohl Großunternehmen als auch KMUs profitierten.

Diese Entwicklung dürfte sich, angesichts der Senkung des Leitzinses um 50 Basispunkte im Juni 2020 und der Einführung von Bürgschaftsregelungen zur Finanzierung des Aufschwungs, fortsetzen.

Der reale effektive Wechselkurs dürfte nach einer Aufwertung um 1,1 % im Jahr 2019 im Jahr 2020 um 0,8 % und im Jahr 2021 um 2 % abwerten, was auf eine nominale Abwertung sowie eine im Vergleich zu den Handelspartnern und Konkurrenten noch niedrigere inländische Inflation zurückzuführen ist.

Außenwirtschaftliche Bilanz und Deviseneinnahmen

Für das Gesamtjahr wird von der Bank Al Maghrib ein Rückgang der Exporte um 16,6 % prognostiziert, bevor sie 2021 um 22,4 % steigen werden, was insbesondere auf die erwartete Zunahme der Auslieferungen aus dem marokkanischen Automobilsektor zurückzuführen sein wird. Gleichzeitig werden die Warenimporte voraussichtlich um 17,4 % zurückgehen, bevor sie 2021 um 17 % steigen könnten.

Es wird erwartet, dass die Einnahmen aus dem Tourismus von 78,8 Milliarden marokkanische Dirham MAD im Jahr 2019 auf 23,9 Milliarden MAD im Jahr 2020 stark zurückgehen werden, bevor sie 2021 wieder auf 49,1 Milliarden MAD ansteigen. Wieder erweisen sich die im Ausland lebenden Marokkanerinnen und Marokkaner (MRE) als verlässliche wirtschaftliche Stütze der Volkswirtschaft Marokkos. Die krisenresistenteren MRE-Transfers würden aktuell einen begrenzten Rückgang um 5 % auf 61,5 Milliarden MAD aufweisen, bevor sie sich 2021 um 2,4 % auf 63 Milliarden erholen könnten.

Transferzahlungen
MREs bei der Einreise per PKW nach Marokko

Unter diesen Bedingungen und unter Berücksichtigung von Fördermittelzuflüssen in Höhe von 7,2 Milliarden MAD im Jahr 2020 und erwarteten 2,6 Milliarden MAD im Jahr 2021 wird davon ausgegangen, dass sich das Leistungsbilanzdefizit statt der im Juni prognostizierten 10,3 % im Jahr 2020 „nur“ auf 6 % des BIP erhöht und im Jahr 2021 auf 5,2 % des BIP abschwächt.

Mehr Auslandsinvestitionen für 2021 erwartet.

Die Auslandsinvestitionen werden voraussichtlich von 2,9 % des BIP im Jahr 2019 auf den Gegenwert von 1,5 % des BIP in diesem Jahr zurückgehen, bevor sie 2021 wieder den Vor-Pandemie-Durchschnitt erreichen werden. Unter Berücksichtigung der außerordentlichen Inanspruchnahme externer Finanzierungen würde sich der Bestand an offiziellen Währungsreserven Ende 2020 auf rund 294,7 Milliarden MAD und Ende 2021 auf 289 Milliarden MAD belaufen, d.h. die Importe von Waren und Dienstleistungen wären für etwa 6 Monate und 20 Tage gedeckt.

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