Tunesien – Wirtschaftliche Schwierigkeiten bei Tunisair weiten sich aus.

Umstrukturierungsplan soll ca. eine Milliarde tunesische Dinare kosten

Tunisair
Tunesisch-staatliche Fluggesellschaft Tunisair

Stellenabbau von 1.200 Mitarbeitern im Gespräch.

Tunis – Die tunesisch-staatliche Fluggesellschaft hat größere wirtschaftliche Schwierigkeiten, als bisher angenommen. In einem Interview gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters, sprach der Geschäftsführer offen über die Probleme und setzt damit die Regierung unter Druck. Insbesondere bzgl. des geplanten Stellenabbaus von 1.200 Mitarbeitern weigert sich die Regierung bisher die Fluggesellschaft zu unterstützen, weil man im Regierungspalast den Zorn der Gewerkschaften fürchtet. Doch die wirtschaftlichen Schwierigkeiten wachsen an, was zu staatlichen Finanzhilfen oder weiteren Einschränkungen beim Flugangebot führen wird. Bereits jetzt sind die finanziellen Mittel so knapp, dass dringen benötigte Wartungsarbeiten an zahlreichen Flugzeugen nicht durchgeführt werden können, was Verspätungen und Flugausfälle zur Folge hat. „Das Unternehmen leidet unter großen finanziellen Schwierigkeiten wegen der hohen Zahl der Beschäftigten und der Lohnsumme der Gesellschaft“, sagte Elyess Mankabi, der Geschäftsführer von Tunisair.

Zu hohe Personalkosten verschärfen die Finanzsituation bei Tunisair.

Einer der größten Posten in der Bilanz sind die Ausgaben für das Personal. Tunisair beschäftigt mit einer Flugzeugflotte von 30 Passagiermaschinen ca. 8.000 Mitarbeiter, so Elyess Mankabi weiter. Als staatliches Unternehmen leidet Tunisair an aufgeblähten und ineffizienten Strukturen, die die Regierung, aufgrund des Widerstands der Gewerkschaften, nicht angegangen hat. Der öffentliche Dienst wird in Tunesien dazu verwendet, um zumindest etwas gesellschaftlichen Druck abzubauen, der sich aus der hohen Arbeitslosenquote ergibt. Im Vergleich zur marokkanischen Royal Air Maroc (RAM), an der der marokkanische Staat noch mit ca. 30% beteiligt ist. Wird die Problematik deutlicher. Die RAM betreibt eine Flotte von 50 überwiegen Passagiermaschinen und hat, nach Angaben auf der Website, ca. 3.300 Mitarbeiter.

Personalabbau soll Lage verbessern, doch die Regierung trifft keine Entscheidung

Weltweit steht Tunisair hinsichtlich des Verhältnisses von Mitarbeiter pro Flugzeug sehr schlecht da. Dies hat auch der CEO erkannt. „Weltweit kommen auf jedes Flugzeug durchschnittlich ca. 80 Mitarbeiter, aber bei Tunisair kommen auf jedes Flugzeug 165 Mitarbeiter, was die Bilanz des Unternehmens belastet“, sagte Mankabi. „Wir haben vorgeschlagen, 1.200 Arbeiter abzubauen, und wir gehen von einer Genehmigung durch die Regierung für dieses Programm aus, das dem Unternehmen helfen wird, seine finanzielle Belastung zu verringern und aus der Krise herauszukommen“, ergänzte er. Aber noch trifft die Regierung in Tunis keine Entscheidung. Die tunesische Airline ist mindesten seit dem Arabischen Frühling und in Folge der Terroranschläge in Tunesien in den roten Zahlen.

Stellenabbau
Quelle Tunisair: Crew von Tunisair – Bis zu 1.200 Stellen sollen abgebaut werden.

Passagiere unzufrieden mit den Leistungen – das Image leidet seit Jahren.

Wütende und frustrierte Passagiere haben sich in der Vergangenheit immer wieder beschwert und sich auch in den sozialen Medien abwertend über die tunesische Fluggesellschaft ausgelassen. Dies ist auch an dem CEO nicht vorbeigegangen. Er begründet die schlechte Leistung der Fluggesellschaft mit der eingeschränkten Einsatzfähigkeit der Flotte. Die Flotte der einsatzfähigen Flugzeuge ist von 30 auf 24 geschrumpft, da es Tunisair an Mitteln für die Durchführung von Wartungsarbeiten mangelt, sagte Mankabi gegenüber Reuters. Das Image der Fluggesellschaft ist denkbar schlecht und auch solche Aussagen des CEO stärken nicht das Vertrauen in das Unternehmen. Wer möchte schon in ein Flugzeug einer Gesellschaft steigen, bei der der CEO öffentlich bestätigt, dass die Mittel für Wartungsarbeiten nicht ausreichend gegeben sind? Dennoch hat Tunisair noch im März dieses Jahres einen Anstieg beim Passagieraufkommen von 24,4% gegenüber 2017 gemeldet.

Wettbewerbsdruck wird weiter ansteigen – Tunisair will nach Afrika expandieren

Die tunesisch-staatliche Fluggesellschaft ist einem verstärkten Wettbewerb ausgesetzt, der auch noch steigen wird, da Tunesien mit der Europäischen Union (EU) ein Open-Sky-Abkommen ausgehandelt hat. D.h. die europäischen Fluggesellschaften bekommen noch mehr Zugang zum tunesischen Luftraum. Gerade für das Geschäft der Billigairlines öffnet sich, ähnlich wie in Marokko, damit ein neuer Markt. Der Kostendruck auf Tunisair wird steigen, insbesondere im Vergleich zu Gesellschaften wie easyjet oder Ryanair. Diese werde nicht nur bei den Touristenflügen wildern, sondern auch bei den im Ausland lebenden Tunesierinnen und Tunesiern. Beide Zielgruppen sind preissensibel. Tunisair hat dies auch bereits erkannt und folgt dem Beispiel von Royal Air Maroc. Man plant ebenfalls nach Afrika zu expandieren, um neue Märkte zu erschließen. Aber dafür benötigt man Finanzmittel und ein auf Effizienz fokussiertes Management, das nur bedingt politischen Entscheidungen unterliegen darf.

Open-Sky-Abkommen soll noch in diesem Jahr in Kraft treten.

Das Open-Sky-Abkommen zwischen Tunesien und der Europäischen Union (EU) wird es allen Fluggesellschaften erlauben, tunesische Ziele anzufliegen. Der Luftverkehr ist dann offen bis auf den Basisflughafen der Tunisair in der tunesischen Hauptstadt. Hier gilt eine Übergangsregel von ca. vier Jahren, aber dann ist auch dieser Flughafen für die Konkurrenz offen. „Es wird durch Open-Sky nicht einfacher werden für die Fluggesellschaft, aber wir haben ein Reformprogramm für das Unternehmen. Wenn es umgesetzt wird, werden wir in die richtige Richtung gehen“, sagte Mankabi.

Tunesische Regierung und Tunisair diskutieren mögliche Sanierungskonzepte.

Für viele Beobachte ist die langsame Reaktion der Behörden ein ernsthafter Hinderungsgrund für die weitere Entwicklung der Airline. Solange sich Regierung und Gewerkschaft nicht auf einen Personalabbau im öffentlichen Dienst einigen können, wird es schwer für Tunisair. Die Gewerkschaften und die Regierung wissen um das Problem ihres öffentlichen Dienstes, fürchten aber auch Proteste, wenn hier im gesamten Bereich Veränderungen vorgenommen werden, was sowohl die Weltbank als auch der IWF angemahnt haben. Daher gibt es im Regierungslager auch Stimmen die Airline zu verkaufen. Doch die aktuelle Finanz- und Marktlage werden es schwer machen, einen Investor zu finden.

Umstrukturierungsplan soll ca. eine Milliarde tunesische Dinare kosten

Der CEO von Tunisair hat einen Umstrukturierungsplan. Neben dem Personalabbau möchte er die Flotte vergrößern. Für das Jahr 2019 sollen sechs neue Flugzeuge angeschafft werden. Bis Ende dieses Jahres will die Airline zwei neue Flugverbindungen anbieten. Passagiere sollen dann mit Tunisair in den Sudan und nach Kamerun fliegen können. Damit steigt die Anzahl der Flugverbindungen nach Afrika auf zehn. Nach Angeben von Elyess Mankabi wird der Umstrukturierungsplan Kosten von ca. einer Milliarde tunesische Dinar (ca. 312 Mio. Euro*) verursachen.

*Wechselkurs Stand 31.08.2018

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