Marokko – Boykott-Kampagne Unternehmen und Regierung stellen sich.

Boykott - Kampagne scheint Spuren bei den Unternehmen zu hinterlassen.

Marokkaner boykottieren Produkte wegen vermeintlich unfairer Preise. Unternehmen und Regierung reagieren nun.

Casablanca / Rabat – Vor ca. drei Wochen startete in den sozialen Netzwerken ein Aufruf an die Bürgerinnen und Bürger sich gegen vermeintlich unfaire Preisanhebungen bei Milchprodukten, Mineralwasser und Treibstoffen zu währen. Die Boykott – Kampagnen wirft insbesondere den Marktführern vor, ihre marktbeherrschende Stellung dazu zu nutzen, erhöhte Preise zu verlangen. Die Initiatoren nannten dabei ganz bestimmte Produkte, die die Menschen in Zukunft meiden sollten. Darunter die Milchmarke „Centrale“, die Mineralwassermarke „Sidi Ali“ und die Treibstoffe von „Afriqiua“.

Wer steckt hinter den drei Produkten?

Hinter den Drei Marken stehen im Einzelnen:
Die französisch-marokkanische Aktiengesellschaft „Centrale Danone“, die hauptsächlich zum französischen Lebensmittelkonzern Danone gehört. Bis 2012 hielt die königliche Investmentholding SNI (jetzt „Al Mada“) die Mehrheit an „Centrale“.

Danone
Quelle: Facebook

Hinter der Mineralwasser Marke „Sidi Ali“ steht das Unternehmen „Oulmès“. Der Wasserkonzern Oulmès befindet sich mehrheitlich im Besitz der Holmacom Group und der Familie Bensalah und wird von Frau Miriam Bensaleh-Chaqroun geleitet, die amtierende Präsidentin des Gesamtverbands der marokkanischen Unternehmer.

Sidi Ali
Quelle: Homepage

Hinter der Tankstellenkette Afriquia steht die Akwa-Group, die sich mehrheitlich im Besitz des amtierenden Landwirtschaftsministers und reichsten Geschäftsmannes Marokkos Aziz Akkenouch befindet.

Afriquia
Quelle: Homepage

Boykott – Kampagne gewinnt an Dynamik.

Zu Beginn der Aktion haben sich die drei betroffenen Unternehmen von den Aufrufen bei Facebook und Twitter unbeeindruckt gezeigt. Doch nach fast drei Wochen scheinen die Auswirkungen bei den Unternehmen angekommen zu sein. Die Dynamik scheint sich noch zu verstärken. Praktisch täglich berichten die marokkanischen Medien über den Fortgang der Kampagne und über die Diskussion im Land.

Zeigte sich die Kampagne zunächst nur bei sehr jungen Menschen und in Städten erfolgreich, so zieht sie immer weitere Kreise. Sie wird zunehmend Teil einer stillen Protestaktion und es wird zum guten Ton die Produkte der genannten Hersteller zu meiden.

Boykott – Kampagne scheint Spuren bei den Unternehmen zu hinterlassen.

Nun versuchen die Unternehmen den Behauptungen entgegenzutreten.

Drei Wochen nach dem Start der Boykott – Kampagne gehen die betroffenen Unternehmen an die Öffentlichkeit, um sich der Kritik zu stellen. Der Hauptvorwurf besteht darin, die eindeutig marktbeherrschende Stellung, in den einzelnen Bereichen, für unangemessene Preisanhebungen genutzt zu haben. Diesen Vorwurf stützen auch Befürworter und Sympathisanten der Boykott – Kampagne, vor allem im Internet, die Preisanhebungen im Markt beobachten haben wollen. Doch nach Beobachtungen der Jeune Afrique und nach Angaben der betroffenen Unternehmen, gab es Preisschwankungen vor allem bei Treibstoffen, weil man die Preise an die Weltmarktpreise für Rohöl anpassen muss. Ansonsten seien die Preise stabil.

„Oulmès“ weist auf stabile Preise seit sieben Jahren hin und veröffentlich die Gewinnmarge.

Der Mineralwasserkonzern „Oulmès“ reagierte nun und wies in einer Stellungnahme darauf hin, dass die Preise für das Mineralwasser „Sidi Ali“ in den letzten sieben Jahren praktisch stabil geblieben sind. „Wir wollten uns die Zeit nehmen, die Erwartungen unserer Mitbürger/Kunden mit dem nötigen Maß und Rückblick zu analysieren [….]“, so die Begründung für die späte Reaktion des Unternehmens. „Diese Situation zeugt von den Schwierigkeiten marokkanischer Familien, die mit den hohen Lebenshaltungskosten konfrontiert sind…. Deshalb haben wir beschlossen, unsere öffentlichen Verkaufspreise seit 2010 nicht zu erhöhen, und das trotz der regelmäßigen Inflation, die Marokko erlebt hat“, heißt es in der Pressemitteilung.

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„Sidi Ali“ erwirtschaftet eine „7%ige Gewinnmarge“

In der Stellungnahme von „Oulmès“  versucht das Unternehmen aufzuklären. „Das verwendete Wasser ist nicht kostenlos, sondern unterliegt sehr hohen Betriebskosten“, heißt es in der Pressemitteilung weiter. Insgesamt hat die Tochtergesellschaft der Holmarcom Group mehr als 657 Mio. MAD (58,66 Mio. €) an Steuern und Abgaben gezahlt, darunter 99 Mio. MAD an Kommunalsteuer an die Gemeinde Oulmès und 48 Mio. MAD an die Lizenzgebühren, für die Nutzung der sich im Staatsbesitz befindlichen Quelle. Die auf „Sidi Ali“ entfallende Gewinnmarge beträgt 7% oder 40 Cent pro 1,5-Liter-Flasche“, heißt es in der Pressemitteilung.

Danone sucht nach Gründen für den Boykottaufruf und gibt Umsatzrückgang zu.

Gegenüber Medias 24 äußerte sich der Lebensmittelkonzern Danone zur Situation. Danone können nicht verstehen, weshalb der Boykott die Marke „Centrale“ trifft. Die Produkte werden auf dem gleichen Preisniveau von 1-7 MAD verkauft, wie es die Konkurrenz tut. Gegenüber Medias 24 bestätigte Danone erste Umsatzrückgänge ohne konkrete Zahlen zu nennen.

Bisher keine bekannte Stellungnahme der Akwa-Group

Die Tankstellenkette Afriquia hüllt sich noch immer in Schweigen. Glaubt man den Gerüchten, meiden zahlreiche Autofahrer die Tankstellen, was sich dann sicherlich auf den Umsatz auswirken würde. Doch bestätigte Informationen gibt es nicht. Es bleibt abzuwarten, ob der Konzern dem Beispiel seiner Leidensgenossen folgt und auf die Öffentlichkeit zugeht.

Regierung zeigt sich besorgt über mögliche Folgen für die Wirtschaft.

El Othmani
Marokkanischer Premierminister Saad-Eddine El Othmani

Die marokkanische Regierung hatte lange versucht sich aus der Diskussion heraus zu halten. Im Parlament hat sich eine teils hitzige Diskussion entwickelt, wie man mit dieser Situation umgehen sollte. Gerade „Linke“ Oppositionsparteien prangerten die viel zu hohen Lebensmittelpreise im Land an und forderten die Regierung dazu auf regulierend einzugreifen. Abgeordnete der liberalen und wirtschaftsnahen Parteien verwiesen auf die Kräfte der freien Marktwirtschaft, die man für die Entwicklung des Landes benötige. Nun hat sich der Regierungschef Sadd-Eddine El Othmani zur Boykott – Kampagne geäußert. Er will sich in den Konflikt zwischen Unternehmen und Kunden nicht einmischen, aber er denke, so Le Monde, über die Folgen für die 120.000 Milchbauern nach, die Danone beliefern. Hier will er Möglichkeiten prüfen, um diese ggf. zu unterstützen.

Es geht nicht nur um den Missbrauch von Marktmacht, es ist eine neue Form des sozialen Protestes.

Ob es wirklich nur um vermeintlich ungerechtfertigte Preisanhebungen geht, ist fraglich. Alle Akteure schauen nicht nur auf das Thema, sondern auch auf den Mechanismus des Protestes. Das scheinen auch der Regierungssprecher und die Regierung zu erkennen. Die Initiatoren sind bis heute anonym geblieben, auch wenn einige Facebook-Seiten seit mehreren Tagen die Urheberschaft beanspruchen. Der Boykott ist ausdrücklich mit dem Aufruf verbunden, diesen nicht auf die Straße zu verlängern. Die Marokkanerinnen und Marokkaner sind aufgerufen mit ihrer Geldbörse zu demonstrieren. Damit entzieht sich die gesamte Protestbewegung dem Zugriff durch die Sicherheitsbehörden. Eine Erweiterung solcher Boykott-Aufrufe auf andere Themen bietet sich, bei dem aktuell abzeichnenden Einfluss auf die Bevölkerung, gerade zu an.

Regierungssprecher droht mit Strafverfolgung.

Regierungssprecher
Regierungssprecher und Minister für parlamentarische Angelegenheiten.

Nach der gestrigen Sitzung des Ministerrats, unter Leitung  von Premierminister Saad-Eddine El Othmani, trat der Regierungssprecher und Minister für Parlamentsangelegenheiten, Mustapha El Khalfi, wie gewöhnlich vor die Presse. Nach seinen Angaben wurde in der Sitzung ausgiebige über die Boykott – Kampagne gesprochen. Man siehe eine Bedrohungslage für die heimische Wirtschaft. Nach Angaben von Mustapha El Khalfi gibt es ca. 460.00 Milchbetriebe im Land, von denen 120.000 Lieferanten von Danone sind. Danone hat eine Gewinnmarge von 20 Cent MAD pro Liter Milch, was die Regierung für angemessen hält. Darüber hinaus habe Danone die Verkaufspreise seit 2013 nicht angehoben. Die Regierung wird zwar keine Boykott – Teilnehmer oder Befürworter verfolgen, wohl aber alle die den Boykott mit falschen Informationen anheizen.