Marokko trocknet aus – König Mohammed VI. fordert Konzepte von El Othmani.

Marokko bekämpft den Klimawandel durch Wirtschaftswachstum.

Marokko trocknet aus
Marokko trocknet aus

Marokko droht auszutrocknen und die ersten regionalen Auswirkungen lösen Proteste aus.

Rabat – Der Klimawandel hat Marokko fest im Griff. Auch in diesem Sommer wurden neue Hitzerekorde aufgestellt. Im Landesinneren stiegen die Temperaturen deutlich über 40 Grad Celsius. Nicht selten stiegen die Temperaturen in der Region Marrakech auch über die 45 bis nahe 50 Grad Celsius im Schatten. Selbst für die Menschen in der Region sind das zunehmend unerträgliche Werte mit direkten Auswirkungen auf den Alltag. Marokko trocknet aus. Die Hitze steigt nicht nur an, sondern die Hitzeperioden werden länger. Noch am 3. Oktober 2017 erreichten selbst in der Hauptstadt, die direkt am kühlen Atlantik liegt, die Temperaturen noch 30 Grad Celsius. In den 1990 Jahren gab es auf den Bergen rund um die Stadt Midelt im Hohen Atlasgebirge noch im August eine geschlossene Schneedecke. Davon ist seit Jahrzehnten nichts mehr zusehen. Im Süden Marokkos wandert die Wüste Sahara immer weiter nach Norden. In Zentralmarokko entstehen erste Krisengebiete. Gerade in den Regionen Ouazzane, Beni Melal, Zagora, Sefrou und Azelal, die Teilweise zu den Kornkammern des Landes gehören, gab es in diesem Sommer Engpässe bei der Versorgung mit Trinkwasser, die auch die Bevölkerung zu spüren bekam.

Erste Proteste gegen die Regierung wegen der Wasserknappheit.

Gerade in den genannten Regionen von Ouazzane, Beni Melal, Zagora, Sefrou und Azelal gingen in den letzten Wochen die Menschen auf die Straße. Wie moroccoworldnews unter Berufung auf lokale Medien berichtet, belagerten die Menschen die Rathäuser und forderten die Behörden auf zu handeln. Doch den Behörden ist die Situation bekannt und zugleich stehen kaum kurzfristige Maßnahmen und Instrumente zur Verfügung. Lediglich der teure Transport von Trinkwasser aus anderen Regionen des Landes schafft Linderung. Darüber hinaus bleibt den Menschen nichts weiter übrig als Wasser einzusparen und ggf. teuer abgepackt in Flaschen hinzu zukaufen. Bei allen Fragen der Bewässerung hilft dies zunächst wenig.

Regierungschef warnte Ende Juli im Parlament vor einer drohenden Wasserkrise.

Erst Ende Juli diesen Jahres berichtete der Premierminister Marokkos über eine drohende Wasserkrise. Nach Angaben des Premierministers standen 1980 pro Kopf ca. 2500 Kubikmeter Wasser zur Verfügung. Gerade mal 20 Jahre später, im Jahr 2000, hat sich der Vorrat bereits halbiert. In der letzten Studie 2013 wurde lediglich ein Wert von 720 Kubikmeter Wasser pro Kopf ermittelt. Damit sank der Wasservorrat pro Kopf in den letzten rund 40 Jahren um ca. 71%. „Das ist ein ernstes Problem“, bemerkte der Regierungschef bei seiner Erklärung vor dem Parlament – maghreb-post berichtete. Wie ernst es bereits jetzt schon ist, wird zunehmend klar. Denn es drohen eine verstärkte Landflucht, Ernteausfälle und regionale Streitigkeiten zwischen den Provinzen so wie ein wachsendes Potential für soziale Unruhen.

Proteste in der Region auf der Agenda des Ministerrats.

Am letzten Montag tagte der Ministerrat. Ein Gremium dem die Minister mit den größten Ministerien angehören und dem König Mohammed VI. persönlich vorsitzt. Die Regierung und der König brauchen neben Al Hoceima nicht noch einen Unruheherd. In der Sitzung hat König Mohammed VI. den Premierminister angewiesen, neben den ohnehin geplanten Maßnahmen, zusätzliche Konzepte zu entwickeln, die die dringlichste Not in den betroffenen Regionen mildert. Das Konzept soll binnen weniger Monate stehen und vorgestellt werden.

Marokko besitzt Planungen rund um die Wasserversorgung.

Seit Jahrzehnten wird an einem Umverteilungsnetz gebaut. In viele sehr trockene Regionen wird mit Hilfe von riesigen Rohsystemen Wasser transportiert. Neben der Strategie der Umverteilung gibt es weitere Planungen für die Verbesserung der Wasserversorgung. Marokko setzt auf den Bau von Staudämmen, Meerentsalzungsanlagen und der Modernisierung der Wasserinfrastruktur. Bereits 2015 wurde ein Investitionsplan in Höhe von 569 Millionen US-Dollar öffentlich. Um welche Maßnahmen nun dieser Investitionsplan ergänzt werden kann, gilt es abzuwarten. Doch es sind Zweifel erlaubt, ob eine solche Anweisung von König Mohammed VI. nötig ist um bisher vermeintlich nicht erarbeitete Konzepte zu entwickeln. Allenfalls kann ein Notfallplan bei lokaler und zeitlich begrenzter Wasserknappheit entwickelt werden. Aber das Problem bedarf einer anderen Planungsperspektive.

Marokko bekämpft den Klimawandel durch Wirtschaftswachstum.

Marokko ist die drohende Gefahr bewusst und auch die politische Elite hat das zunehmende Risiko für die politische Stabilität des Landes erkannt. Marokkos Wirtschaft ist nach wie vor von der Dynamik und Leistungsfähigkeit der Landwirtschaft abhängig. Nicht zuletzt ist der Agrarsektor der Primärsektor für die marokkanische Volkswirtschaft. Damit stellt der Klimawandel eine direkte Bedrohung für die wirtschaftliche Entwicklung des Königreiches da. Durch den Klimawandel ist die Leistungsfähigkeit der Landwirtschaft bedroht. Marokko will seine Abhängigkeit vom Primärsektor durch den Aufbau anderer Wirtschaftsbereich verringern. Man setzt auf den Tourismus und auf die Industrie. Aber hier könnte der Schuss auch nach hinten losgehen. Sowohl ein Wachstum im Industriesektor als auch im Tourismusbereich könnte zu einem weiteren bzw. beschleunigten Wasserverbrauch führen. Dieser wird noch begleitet durch einen Anstieg des Energiebedarfs. Sowohl eine wachsende Industrie als auch mehr Tourismus erhöhen den Bedarf an Wasser und Energie, nichts zuletzt durch einen vermehrten Einsatz von Klimaanlagen oder wasserintensiven Prozesses oder Produkten im Bereich Ernährung.

Marokko weiterhin abhängig von fossilen Brennstoffen – Ziel bis 2025 42% erneuerbarer Energieträger.

Der allergrößte Teil der Energieerzeugung wird durch den Einsatz von fossilen Energieträgern gedeckt. Wie die Wirtschaftswoche noch im Jahr 2015 berichtete, decken die fossilen Energieträger 95% des Energiebedarfs des Landes. Dabei setzt Marokko zwar zukünftig vermehrt auf Solar- und Wasserenergie, doch noch ist es die Kohle und das Gas. Gleichzeitig müsste Marokko wesentlich größere Anstrengungen im Aufbau von Solar- und Wasserenergie auf sich nehmen, weil nicht nur der erhöhte Energiebedarf gedeckt werden muss, sondern auch bisherige Energiequellen ersetzt werden müssten. Bereits heute steigt der Energiebedarf um ca. 6% jährlich. Dieser Anstieg wird sich beschleunigen, wenn sich Marokko wirtschaftlich entwickelt. Ähnliches gilt für den Wasserverbrauch. Eine positive wirtschaftliche Entwicklung bedeutet bereits jetzt, dass es immer mehr Menschen pro Wirtschaftsjahr zu versorgen gilt, bei abnehmenden Wasserressourcen. Marokko wird bereits Mühe haben alleine das Wachstum beim Verbrauch auszugleichen.

Das Königreich verfolgt ehrgeizige Ziele. Bis zum Jahr 2025 plant Marokko, vor dem Hintergrund seiner neuen „nationalen Energiestrategie“ (SNE) mindestens 42 % seines Energiebedarfs aus einem Mix aus Sonne, Wind und Wasserkraft zu erzeugen. Aber bereits jetzt kann Marokko die nötigen Investitionssummen nicht aufbringen, sondern überlässt den Aufbau von Solarparks ausländischen Investoren. So wird der neue Solarpark Noor Midelt (Tafilalt) wahrscheinlich von einer deutschen Firma erbaut und betrieben. Die privaten Investoren bekommen praktisch ein regionales Monopol um durch Stromgebühren ihre Investitionen zu refinanzieren – maghreb-post berichtet. Aber auch neue Gaskraftwerke werden gebaut. So entsteht im Rahmen des Jorf Lasfar Kraftwerk-Komplexes für fast 5 Milliarden US-Dollar ein Gasturbinenkraftwerk zur Energiegewinnung. Bereits jetzt ist das Jorf Lasfar Kraftwerk in der Nähe von Al Jadida das größte Kohlekraftwerk des Landes und deckt ca. ein Drittel des Strombedarfs von ganz Marokko. Nur wenn das Wasser zunehmend knapp wird, dann ist auch die Energiegewinnung per Wasserkraft gefährdet und der Zwang bei den fossilen Brennstoffen zu bleiben bleibt bestehen.

Kurzfristige Maßnahmen sind eher Symbolpolitik

Ein Problem bleibt sowohl für Premierminister El Othmani als auch für König Mohammed VI. wohl unlösbar. Der Klimawandel findet weltweit statt und macht vor den Grenzen Marokkos nicht halt. Einfach mal eben für mehr Niederschlag in Marokko zu sorgen geht daher nicht. Doch einige Maßnahmen können auch kurzfristig ergriffen werden. Bereits in seiner Rede im Parlament hat Regierungschef El Othmani Maßnahmen angekündigt. Neben dem Bau von bis zu 10 Staudämmen im Jahr und mehrerer Meerentsalzungsanlagen will Marokko auch in die Wiederaufforstung investieren.

Aber darüber hinaus muss man auch an der Effektivität und Effizienz beim Umgang mit Wasser arbeiten. Es gilt effektive Methoden der Bewässerung in der Landwirtschaft einzuführen. In einigen Großbetrieben wird bereits auf die sog. „Tröpfchenbewässerung“ umgestellt. Dies muss als Methode flächendeckend stattfinden, wo immer dies möglich ist. Aber auch eine grundsätzliche Umstellung beim Umgang mit dem Land. Eine Region wie Marokko, die von Trockenheit und ihren Folgen bedroht ist, darf nicht Flächen entstehen lassen, die einen hohen Wasserverbrauch auslösen. So darf es z.B. keine Golfplätze in der bekanntlich sehr heißen Region Marrakech geben. Darüber hinaus müssen auch im Bausektor neue Vorschriften eingeführt werden. Rohleitungen, Sanitäreinrichtungen und Wasserversorgungssysteme müssen höhere Anforderungen an das Thema Dichtheit, Durchlaufmenge und Verbrauchsoptimierung erfüllen. Ein Wasserhahn muss schlicht dicht abschließen um in den Handel zu kommen und seine Funktion nicht nur im Laden erfüllen, sondern auch noch nach Jahren. Ansonsten darf ein solches Produkt schlicht nicht in den Markt.

Wasser als Gut von öffentlichen Interesse.

Auch in Marokko finden seit Jahren Appelle an die Bevölkerung statt, sorgsam mit dem knappen Gut Wasser umzugehen.

Im Rahmen von Bildungsmaßnahmen, aber auch in öffentlichen Debatten wird das Thema nicht verschwiegen. Aber ein knappes Gut löst nicht selten auch Begehrlichkeiten aus. Wer heute durch einen marokkanischen Supermarkt läuft, wird unzählige neue Wassermarken entdecken können. Der Kampf um den lukrativen Markt um das knappe Gut Wasser hat schon begonnen. Was knapp ist oder wird steigt bekanntlich im Wert. So häufen sich die Fälle, bei denen plötzlich private Unternehmen bisher öffentlichen Quellen und Brunnen aufkaufen. Eine bis dahin für eine lokale Bevölkerung frei zugängliche Quelle ist plötzlich privates Eigentum. Der neue Besitzer fördert das Wasser, um es dann kommerziell zu vermarkten. Dabei entstehen zwei Effekte. Zum einen steigt der Preis für das Wasser. Das Unternehmen zielt auf die Generierung von Gewinnen ab und nimmt entsprechende Preise. Zum anderen hat ein Unternehmen völlig andere Methoden die Quelle zu nutzen. Durch den Einsatz moderner Technologie besteht die Gefahr, dass aus der Quelle mehr Wasser entnommen wird, als natürlich neu entsteht. Während bei der Nutzung durch die einfache Bevölkerung nie mehr entnommen werden kann als greifbar ist, kann ein Unternehmen ganz anders agieren. Damit soziale Unruhen nicht noch dadurch hervorgerufen werden, dass ein Gut „künstlich“ verknappt wird (durch Preis oder Limitierung) gilt es Wasser zum strategischen Gut von öffentlichen Interesse zu erklären. Das Wasser muss so bereitgestellt werden, wie es der langfristigen Stabilität der Gesellschaft dienlich ist. Letztendlich wird man den Effekt des Klimawandels und seinen Auswirkungen nicht umkehren können. Marokko trocknet aus. Es gilt aber alles zu versuchen, dass man mit den Folgen einigermaßen leben kann.