MREs
Die Hälfte aller Besucher Marokkos pro Jahre sind MREs.

MREs wichtig als Devisenquelle, Investoren und als Sozialsystem – Marokkos Sicherheitsnetz. Verhältnis zwischen MREs und Marokkanern nicht unbelastet.

Rabat – Die im Ausland lebenden Marokkaner (MREs) waren schon immer wichtig für das nordafrikanische Königreich. Nun hat die Wirtschaftszeitung L´Economist analysiert welche Rolle sie wirklich spielen. Doch die Analyse der Wirtschaftszeitung berücksichtigt nur die ökonomische Bedeutung. Mittlerweile gibt es mehrere Generationen von Auswanderern und auch schon mehrere Wellen von Auswanderungen. Die im Ausland lebenden Marokkaner haben nach wie vor eine hohe wirtschaftliche Bedeutung. Für Marokko erfüllen sie mehrere Funktionen und sind eine wichtige sowie verlässliche Sicherheitskomponente für die Wirtschaft. Aus ihnen schöpft Marokko einen Großteil der Devisenreserven. Nach dem Tourismus sind die MREs die wichtigsten Devisenbeschaffer des Landes.

Die Hälfte aller Besucher Marokkos pro Jahre sind MREs.

Die wirtschaftliche Bedeutung der MRE ist nicht zu leugnen. Mit 2,6 Millionen Menschen stellen die MREs die Hälfte aller Besucher/Touristen Marokkos jedes Jahr. Anders als in der Vergangenheit reisen die MREs auch mehr innerhalb Marokkos. Damit sind sie zunehmend in den Hotels und Restaurants des Landes präsent und geben dort auch ihr Geld aus. Gerade die Nachkommen der ersten Auswanderergeneration kann von den Investitionen ihrer Eltern und Großeltern profitieren, da meist Immobilien vorhanden sind und somit nicht eigene Grundlagen geschaffen werden müssen. Auch ist die emotionale Bindung der ersten Generation weniger vorhanden, den diese reisten nach Marokko um ihre Familien wiederzusehen. Die MREs der zweiten und dritten Generation sieht ihre Familien das ganze Jahr im Ausland und will nun Marokko entdecken. Dies war in der Kindheit nur eingeschränkt möglich. Die MREs reisen daher in Ähnlicher Form wie Touristen nach Marokko. Sie nutzen vermehrt das Flugzeug oder buchen teils Pauschalreisen. Auch die Mietwagennutzung ist gestiegen, was auch zur Gründung zahlreicher Mietwagenfirmen geführt hat.

MREs überwiesen ca. 62,5 Milliarden Dirham in 2016 nach Marokko.

Im Jahr 2016 haben sich die Finanztransfers der MREs auf ca. 62,5 Milliarden Dirham summiert – maghreb-post berichtete. Dieser Finanztransfer stellt, ebenfalls nach dem Tourismus, die zweitwichtigste Quelle für die Zahlungsbilanz Marokkos da. Selbst mit dem Verkauf von Rohstoffen wie Phosphat oder mit dem Export von landwirtschaftlichen Produkten nimmt Marokko nicht so viele Devisen ein, wie mit den Auslandsmarokkanern. Was aber noch wichtige ist, die Finanztransfers der MREs sind doppelt so hoch wie die Summe der ausländischen Direktinvestitionen in Marokko. „Die Überweisungen von MREs wiegen zweimal den Fluss von ausländischen Direktinvestitionen auf“, so L´Economist. Aber dies alleine unterstreicht die Bedeutung nicht ausreichend. Viel wichtiger ist, dass der Finanztransfer sich als sicher und robust erwiesen hat. Selbst im Jahr 2008, dem Höhepunkt der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise, brach der Geldfluss nicht ab. Er blieb stabil und kaum zwei Jahre später stiegen die Deviseneinahmen Marokkos durch die MREs sogar wieder. Das Wirtschaftsblatt betont, dass ohne diese sichere Einnahmequelle das Königreich in einer sehr schwierigen Lage geraten wäre und noch immer wäre.

Finanzsektor macht 40% seiner Geschäfte mit MREs.

Die im Ausland lebenden Marokkaner bringen ihr Geld meist nicht mehr als Bargeld ins Land, sondern besitzen häufig Konten bei marokkanischen Banken. Ca. 40% der Einlagen bei marokkanischen Banken gehen auf MREs zurück. Die Einlagen stellen für die Geschäftsbanken eine wichtige Grundlage für die Kreditvergabe und Finanzierung von Investitionen dar. Ohne die Einlagen der MREs wären zahlreiche Investitionen im Land nicht möglich, da dann die Banken keine ausreichenden Finanzmittel besitzen würden um Kredite zu vergeben. Gleichzeitig sind MREs auch wichtige Abnehmer von Finanzprodukten. So werden durch sie selbst Kredite aufgenommen, vornehmlich für den Kauf von Immobilien. Gleichzeitig wird an den marokkanischen Finanzmärkten investiert.

MREs aus Frankreich vereinen 66% der Leistungen auf sich.

Die größte und älteste Diaspora lebt im Land der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich. Entsprechend kommen ca. 2/3 (66%) alle Finanztransfers aus Frankreich. Erst danach folgen Länder wie Italien und Spanien an zweiter und dritter Stelle. An Bedeutung scheinen die MREs zu gewinnen, die in die Golfstaaten und hier vorrangig in die vereinigten arabischen Emirate, ausgewandert sind. Der Finanzfluss aus dieser Region wächst stetig. Die MREs in diesem Teil der Welt bestehen aus der jüngsten Auswandererwelle von Marokkanern.

MREs tragen zur sozialen Absicherung entscheidend bei.

Wer angenommen hatte, dass lediglich die erste Generation der Auswandere das Land verlassen hatte um ihre Familien in Marokko zu unterstützen, sieht sich getäuscht. Auch heute noch dient ein wesentlicher Teil der Finanztransfers der im Ausland lebenden Marokkaner dazu, die Familien in Marokko wirtschaftlich zu unterstützen. L´Economist weist darauf hin, dass jeder zweite Dirham dazu dient Familienmitglieder zu versorgen. Damit stellen die MREs praktisch ein eigenes Sozialnetz, wenn nicht sogar ein eigenes Sozialsystem, da. Die Not im Lande wäre wohl deutlich größer ohne die Auswandere.

MREs nicht gleich MREs – Es geht über die finanzielle Bedeutung hinaus.

Marokko ist sich der Bedeutung ihrer Landsleute im Ausland bewusst. Dennoch erhofft sich die Regierung unter König Mohammed VI. nun mehr von ihnen. Sie sollen eine wichtige Rolle bei der Entwicklung des Landes einnehmen. Dabei setzt man aber nicht auf alle im Ausland lebenden Marokkaner. Allen beteiligten ist klar das MRE nicht gleich MRE ist. Wie das Außenministerium im August diesen Jahres auf dem sog. Migratnen-Tag in Rabat bekannt gab, leben ca. fünf Millionen Menschen mit marokkanischen Wurzeln im Ausland. Was für Marokko noch wichtige zu sein scheint ist, dass davon ca. eine halbe Million Personen hochrangige Posten in Politik und Wirtschaft haben. Dazu gehören ca. 7.000 Ärzte – maghreb-post berichtete. Auf diversen Kongressen und Messen wird um ihr Engagement geworben. Sie sollen dem Königreich ihr Wissen zur Verfügung stellen und durch Investitionen die Entwicklung unterstützen. Einige wagen den Schritt und investieren in Marokko. Andere zögern oder verweigern sich. Es fehlt vielen das Vertrauen in den Staat Marokko. Gerade die gut ausgebildeten MREs gehen das Thema rational an und vergleichen das Investitionsklima mit den Möglichkeiten im Ausland. Bei den Themen Rechtstaatlichkeit, Bürokratie und politisch Stabilität sehen viele noch Risiken. Marokko muss hier sich einem klaren Wettbewerb stellen. Wenn Marokko diese Gruppe der MREs für sich gewinnen will, dann müssen Reformen umgesetzt werden. Diese Eliten sind nicht über den Patriotismus alleine zu überzeugen. Die marokkanische Politik könnte sich damit deutlich stärker unter Reformdruck setzen, als eventuell gewollt.

Das Verhältnis zwischen MREs und Marokkanern nicht unbelastet.

Trotz der Bedeutung der MREs für Marokko ist das Verhältnis zwischen den Marokkanern und ihren Landsleuten im Ausland nicht frei von Misstönen. So seltsam dies im ersten Moment klingt, teils treffen deutlich unterschiedliche Lebenskulturen aufeinander. Die Struktur der MREs ist sehr heterogen. Gerade die erste Generation der Auswandere, der sog. Gastarbeiter muss als Bildungsfern eingestuft werden. Sie lebte in zwei Kulturkreisen und nahm gleichzeitig an den Entwicklungen in diesen Kulturkreisen nicht wirklich teil. Während man sich den sozialen Entwicklungen in den „Gastländern“ nicht widmete, weil man als Ausländer zurück in die eigentliche Heimat wollte und sollte, entwickelte sich auch die Gesellschaft in Marokko weiter. An dieser Entwicklung konnte man ebenfalls nicht teilnehmen, weil man die meiste Zeit im Ausland lebte. So hat sich eine Generation entwickelt, die in den Gastländern nicht zu den Eliten gehörte (Arbeiterklasse) und dies auch nicht in Marokko konnte. Sie hatten nur eine Bedeutung durch die Wirtschaftskraft, die sie durch ihre Arbeit im Ausland errangen. Nicht wenige Marokkaner halten die MREs für rückständig und ungebildet sowie sehr konservativ. Auch empfinden die Marokkaner die Haupteinreisezeit der MREs (Sommermonate) als besonders belastend. Aus ihrer Sicht steigen die Preise im Land und die Anzahl der zusätzlichen Bevölkerung belaste die Infrastruktur zu ihren Lasten.

Umgekehrt sind die Ansichten auch meist nicht besser. Viele MREs der Nachfolgegenerationen hat die Historie ihrer Eltern und Großeltern im Gedächtnis, die nicht selten durch Konflikte mit den in Marokko verbliebenen Familienmitgliedern geprägt ist und Doppelbelastungen getragen hatte. Ähnliche Erfahrungen möchte die Nachfolgegeneration nicht erleben. Auch kommen viele mit der Mentalität und der Arbeitsweise von Dienstleistern und Behörden wenig zurecht. Da ist man, vor allem in Europa, anderes gewöhnt. Dennoch ist die Bindung stark. Dies liegt nicht zuletzt an einer gescheiterten Integrationspolitik in den Staaten, in denen die MREs leben. Nicht wenige fühlen sich nicht akzeptiert oder integriert. Sie erleben immer noch unterschiedliche Chancen im Bildungssystem oder für den beruflichen Aufstieg. Sie gelten immer noch als Ausländer und versuchen zumindest dann eine Verbindung zur „Heimat“ Marokko zu halten. Dies wird aber auch zunehmend schwieriger, weil die Sprachkenntnis immer schlechter werden und auch die direkten familiären Bindungen abnehmen. Im Grunde sind sie im doppelten Sinne Ausländer.