Marokko – Lebensmittelhilfen im Ramadan – zwischen Wohltätigkeit und politischem Kalkül.

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Mohammed V
Quelle Mohammed V. Stiftung - Aktionsbild zur diesjährigen Lebensmittelverteilaktion zum Ramadan

Königliche Stiftungen, Parteien, islamische Gruppen und soziale Organisationen intensivieren Lebensmittelspenden im Ramadan und werfen sich gegenseitig die Entwürdigung und Ausnutzung von sozial Schwächeren vor.

Rabat – Der für Muslime heilige Fastenmonat Ramadan geht in seinen letzten Abschnitt. Das Fasten im Ramadan gehört zu den fünf Säulen des Islam. Neben dem Glaubensbekenntnis, dem täglichen Gebet, dem Fasten im Ramadan, der Wallfahrt (Haddsch) nach Mekka ist die Mildtätigkeit (Spende) ebenfalls ein tragendes Element. Ähnlich wie es in der christlichen Welt während der Vorweihnachtszeit zu beobachten ist, steigt bei den Muslimen im Ramadan die Spendenbereitschaft spürbar an. Nicht nur die privaten Spenden steigen an, sondern viele Organisationen, Parteien und königliche Stiftungen starten in dieser Zeit ihre größeren Aktionen. Trotz zunehmender Kritik werden vornehmlich Lebensmittelpakete oder Körbe zusammengestellt und verteilt. Sie sollen den in diesem Monat häufig steigenden Bedarf lindern helfen.

Die größte Aktion ist die Verteilung von Grundnahrungsmitteln durch die König Mohammed V. Stiftung.

In Marokko führt die königliche Mohammed V. Stiftung die größte Aktion durch. Rund 500.000 Lebensmittelkörbe werden mit dem Schwerpunkt Landbevölkerung verteilt. Dabei werden die Lebensmittelkörbe durch die örtlichen Behörden an zuvor als bedürftig ermittelte Menschen, entweder an einem zentralen Ort oder wie in den vergangenen beiden Jahren, an die Haustür gebracht. Die Aktion wurde vom jetzigen König Mohammed VI. 1999 ins Leben gerufen und traditionell gibt der König den offiziellen Startschuss zum Beginn des Ramadans, indem er an einer Verteilung persönlich teilnimmt. Da die Aktion entsprechend von den Staatsmedien begleitet wird und auch immer wieder Begünstigte sich vor laufender Kamera für die Lebensmittel bedanken, kritisieren politisch linke Parteien aber auch islamisch konservative und islamitische Oppositionsgruppen die Aktion alljährlich, mit dem Argument, dass man die Begünstigten in mutmaßlich entwürdigender Art zu Propagandazwecken ausnutzen würde, damit sich die Monarchie als größter Spender und Wohltäter des Landes präsentieren kann.

Lebensmittelpakete
Alljährliche Verteilung von Lebensmittelpakete zum beginn des Ramadan durch die königliche Mohammed V. – Stiftung

In der Regierung und im königlichen Kabinett hofft man, dass nach dem Umbau und der Erweiterung des Sozialversicherungssystems, immer weniger Menschen auf solche oder ähnliche Unterstützung angewiesen sind.

Die Mohammed V. – Stiftung ist aber ganzjährig aktiv und unterstützt vor allem Projekte, rund um die Förderung von behinderten Kindern und organisiert die sog. Merhaba – Aktion, die die Einreise und den Aufenthalt von im Ausland lebenden Marokkanern vereinfachen soll. Zugleich baut man medizinische Zentren und Ausbildungsstätten.

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Zahlreiche Organisationen agieren in ähnlicher Weise.

Doch nicht nur die Verteilaktion der König Mohammed V. – Stiftung ist aktiv. Trotz der Kritik agieren viele Gruppen in ähnlicher Weise. So stellt die der Muslimbruderschaft nahestehende Ataa Charity Stiftung ebenfalls Lebensmittelspenden zusammen, organisiert in ländlichen Gebieten die Verteilung von Grundnahrungsmitteln und produziert entsprechende Videos und Dokumentationen, die sie gerne auf ihren Facebook-Seiten veröffentlicht.

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Dabei ist sich die Stiftung über die auch sie treffende Kritik bewusst.

In einem Interview gegenüber dem Nachrichtenportal Medias 24 erläutert Ali Bendahbia, Mitglied des Exekutivkomitees der Stiftung: „Das Problem bei Lebensmittelkörben ist, dass diese Art von Ansatz die Menschenwürde nicht respektiert. Die Tatsache, dass sie diesen Menschen Lebensmittelkörbe direkt geben, ermöglicht ihnen weder zu wählen, was sie essen möchten, noch ihre eigenen Einkäufe zu tätigen, um vollständig zu wählen, was sie wollen, ohne dass ihnen Lebensmittel auferlegt werden.“

Stiftung
Quelle Ataa Foundation – Lebensmittelpakete zur Verteilung im Ramadan an Bedürftige

Die Stiftung will hier gegensteuern und hat ein Test-Programm mit sogenannten Prepaid Bankkarten aufgelegt und verteilte, nach eigenen Angaben, in diesem Jahr ca. 1.000 solcher Karten mit einem Guthaben von 700 marokkanischen Dirham MAD (ca. 65 EURO*). Das wäre ein vielfach höhere Betrag pro Haushalt, als die Lebensmitteltaschen an Wert darstellen. Die Stiftung engagiert sich aber auch in Bereichen der nahen Aufgaben, wie Brunnenbau oder Schulrenovierungen.

Politische Parteien streiten sich bei Hilfsprojekten.

Zuletzt lösten die Aktionen und Besitzverhältnisse hinter der Joud Stiftung eine heftige Diskussion zwischen den politischen Parteien aus. Der Parteichef der RNI, Landwirtschaftsminister und reichste Geschäftsmann des Landes, Aziz Akhennouch, rief vor ca. fünf Jahren die Joud Stiftung ins Leben. Nur wenige Monate vor den Parlamentswahlen warf man dem Landwirtschaftsminister „politische Ausbeutung von Wohltätigkeitsorganisationen“ vor. Anfang des Ramadans verteilte auch die Joud Aziz Akhannouch Foundation, wie sie vollständig heißt, Lebensmittelkörbe an mutmaßlich Bedürftige. Die Oppositionsparteien, PAM, Istiqlal und PPS unterstellten der Stiftung, lediglich das Ansehen des RNI Chef verbessern zu wollen und sie warfen dem Landwirtschaftsminister die Ausnutzung der Stiftungsarbeit zu Wahlkampfzwecken vor. Ob jetzt bewusst oder versehentlich reagierte nicht die Stiftung auf die Kritik, sondern die RNI-Partei, die alle Vorwürfe natürlich zurückwies. Auch die Joud Foundation engagiert sich nicht nur im Ramadan, sondern verteilt Güter zum Winteranfang oder richtet Bildungseinrichtungen ein.

Joud Fondation
Joud Fondation hilft im Winter

Wohltätigkeit nicht ohne Eigennutz.

Es ist unzweifelhaft, dass viele Menschen, gerade in ländlichen Regionen, Hilfe und Unterstützung bedürfen und sie werden auch sicherlich alle dankbar sein, wenn ihnen diese zuteilwird. Dennoch muss allen klar sein, dass Mildtätigkeit leider meist auch mit anderen Zielen einhergeht. Da wären mediale Aufmerksamkeit, das Sammeln von Spenden, Imageverbesserung, Beeinflussung, politische Positionierung. Dazu sind entsprechende Berichte, Bilder und Social -Media-Spots zunehmend wichtig. In der Kommunikationsbranche heißt es nicht umsonst: „tue Gutes und sprich darüber.“

Gerade einfache Menschen werden sich schwertun, wenn derjenige, der ihnen geholfen hat, sie später um ihr Vertrauen, ihre Unterstützung oder ihre Stimme bitten wird, sich ablehnend zu verhalten, alleine schon in der Hoffnung bei der nächsten Aktion wieder bedacht zu werden. Jede Partei und Gruppierung die den Menschen, dankenswerterweise etwas Gutes tut, dafür aber eine Gegenleistung, und sei es nur in einer Dankesbekundung vor laufender Kamera, erwartet, ist der oben genannten Kritik ausgesetzt und sitzt mit den anderen im gleichen Glashaus und wer bekanntlich im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Hier bleibt zu hoffen, dass der Auf- und Ausbau des Sozialversicherungssystems Verbesserungen herbeiführt, so dass immer weniger Menschen für Lebensmittelspenden sich dankbar zeigen müssen.

*Wechselkurs Stand 7. Mai 2021

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