Algerien – Gaslieferverträge zwischen Algier und Rabat aufgelöst.

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Präsident
Algerischer Präsident Abdelmadjid Tebboune

Präsident Tebboune weist staatlichen Energiekonzern SONATRACH an, Verträge mit der marokkanischen ONEE aufzulösen und kein Gas mehr an Marokko oder an Spanien durch die Maghreb-Europa-Pipeline GME zu liefern.

Algier – Nur wenige Stunden vor dem ohnehin vereinbarten Ende der Verträge zwischen dem algerischen Gas- und Ölkonzern SONATRACH und dem l’Office marocain de l’électricité et de l’eau ONEE (Amt für Elektrizität und Trinkwasser), bestätigt die algerische staatliche Nachrichtenagentur APS, dass Präsident Tebboune angewiesen habe, den bestehenden Vertrag zwischen Algerien und Marokko zu beenden. Bis zum gestrigen 31. Oktober 2021 galt zwischen Algerien und Marokko eine Vereinbarung, wonach Algerien über die Maghreb-Europa – Pipeline (GME) Erdgas nach Spanien und Portugal leiten konnte und auch Marokko mit Gas beliefert wurde. Durch das Ausbleiben der Vertragsverlängerung muss die für alle Beteiligten eigentlich sehr wichtige Pipeline als stillgelegt gelten. Die Meldung überrascht letztendlich nicht, hatte Algerien das Ende der Zusammenarbeit mit dem Rivalen Marokko nach den jüngsten verschärften diplomatischen Auseinandersetzungen angekündigt.

Gas als Druckmittel in der diplomatischen Krise zwischen Algerien und Marokko.

Zwischen den beiden Nachbarländern Algerien und Marokko bestehen seit Jahrzehnten politische Spannungen, die sich zuletzt verschärften. Vordergründig ist der Streit über den Status der Westsahara ursächlich, doch es geht, um strategische Dominanz in Nordafrika, innenpolitischer Stabilität, wirtschaftliche Entwicklung und Ansehen sowie Einfluss auf dem afrikanischen Kontinent. Bis 2005 hatte Algerien gegenüber Marokko in vielen dieser Themen eine bessere Position. Doch das Königreich Marokko hat in den letzten 20 Jahren ein hohes Tempo bei der wirtschaftlichen Entwicklung an den Tag gelegt und insbesondere nach der Rückkehr in die Afrikanische Union deutlich an Einfluss in Afrika gewonnen. Algerien geriet, durch den Preisverfall von fossilen Energieträgern an den Rohstoffbörsen, hohen Militärausgaben, durch verkrustete Strukturen und einer wenig diversifizierten Wirtschaft, in den letzten 15 Jahren in Schwierigkeiten und teilweise ins Hintertreffen, was zu einem Anstieg des innenpolitischen Druckes durch Proteste führte. Derzeit macht das algerische Regime den Rivalen Marokko für viele dieser Probleme verantwortlich und bezichtigt das Königreich feindlicher Handlungen, was auch zur einer scharfen Kriegsrhetorik führt.

Gas
Algerien – Marokko –
Gaspipeline

Spanien erfolglos bei Vermittlungsversuch.

Algerien belieferte bis gestern vor allem Spanien über die Maghreb – Europa – Pipeline mit Energie. Das iberische Königreich Spanien ist für seine Energiesicherheit wesentlich auf verlässliche und ausreichende Gaslieferungen aus Algerien angewiesen. Die Maghreb – Europa – Pipeline hat eine Kapazität von 13,5 Mrd. Kubikmeter pro Jahr, wovon Marokko ca. 1 Mrd. Kubikmeter gebunden hatte. Zwar sicherte Algerien zu, seinen Lieferverpflichtungen, trotz eines Endes der Verträge mit Marokko, nachzukommen, doch die zweite MAGAZ – Pipeline durch das Mittelmeer hat nur eine Kapazität von 8 Mrd. Kubikmeter pro Jahr. Da bisher auch schon Gas über die direkte MAGAZ – Pipeline ins spanische Almeria gepumpt wurde, zweifelt Spanien daran, dass Algerien den Wegfall der bisher durch Marokko durchgeleiteten Mengen kompensieren kann, weshalb Madrid bis zuletzt auf höchster Ebene versucht hat, Algerien zur Vertragsverlängerung mit Marokko zu bewegen.

Marokko verbreitet Gelassenheit und deutet höhere Stromimporte an.

Algerien kündigte das Aus für die bisherige GME am gestrigen späten Nachmittag an. Marokko deckt bis zu 10% seiner Stromerzeugung bzw. seines Strombedarfs durch die Nutzung von algerischem Gas ab. Rund 50% des Stroms stammen bereits aus erneuerbaren Energiequellen wie Solar, Wind- und Wasserkraft. Nur wenige Stunden, aber noch vor Mitternacht (Ortszeit), reagierten die marokkanischen Behörden auf die Meldung aus Algerien.

Die am Sonntag, den 31. Oktober 2021, von den algerischen Behörden bekannt gegebene Entscheidung, das Abkommen über die Gaspipeline Maghreb-Europa (GME) nicht zu verlängern, wird nach Angaben des marokkanischen Nationalen Amtes für Kohlenwasserstoffe und Bergbau (ONHYM) und des Nationalen Amtes für Elektrizität und Trinkwasser (ONEE) nur unbedeutende unmittelbare Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit des nationalen Stromnetzes haben, so eine Pressemeldung der beiden Ämter. Zugleich deutet das Land an, wie es auf die Situation reagieren will. So heißt es weiter: „In Anbetracht der Nachbarschaften Marokkos und im Vorgriff auf diese Entscheidung wurden die notwendigen Maßnahmen ergriffen, um die Kontinuität der Stromversorgung des Landes zu gewährleisten.“  Mittel- und langfristig werden auch andere Möglichkeiten für nachhaltige Alternativen geprüft, so die Presseerklärung weiter. Damit wurde ein Hinweis gegeben, dass man Strom aus Spanien, Portugal oder anderen europäischen Ländern importieren werde und wohl auch muss.

Konfliktrisiko in der Region steigt weiter.

Mit dem Ende der GME wurde auch die letzte unmittelbare wirtschaftliche und politische Notwenigkeit für den Erhalt von Frieden zwischen beiden Nachbarländern im Maghreb aufgelöst. Weitere wesentliche Handelsbeziehungen zwischen Algerien und Marokko gibt es nicht. Die diplomatischen Beziehungen wurden von Algerien inzwischen offiziell für beendet erklärt, der algerische Luftraum ist für marokkanische Flugzeuge gesperrt und die direkten Grenzen seit 1994 geschlossen. Neben den wirtschaftlichen Folgen für beide Länder ist dies kein beruhigendes Signal für Frieden und Stabilität in der Region.

Algerien – Präsident beschuldigt Marokko erneut feindlicher Aktionen.

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