Algerien – Großes Militärmanöver nahe Tindouf

Angespannte diplomatische Lage verschärft sich wieder.

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Militärmanöver
Panzer in der Wüste Nordafrika beim Militärmanöver

Einsatz von Luft- und Landstreitkräfte nahe der Grenze zu Marokko und Westsahara.

Algier – Das algerische Fernsehen berichtete über ein kürzlich durchgeführtes Militärmanöver nahe der Region Tindouf. Die Übung soll am 5. Mai 2020 durchgeführt worden sein. Der Chef der algerischen Streitkräfte, General Said Chengriha, nahm an der Militärübung seiner Armee nahe der Grenze zu den sog. marokkanischen Südprovinzen in der Westsahara persönlich teil. Der Zeitpunkt und der Ort des Militärmanövers sowie die eingesetzten Waffensystemen lösten Besorgnis in Rabat aus. Auch die Anwesenheit des erst seit wenigen Monaten im Amt befindlichen Militärchef Chengriehas lässt vermuten, dass Algerien eine Botschaft vermitteln wollte.

اللواء السعيد شنقريحة يشرف بالقطاع العملياتي جنوب تندوف على تنفيذ تمرين تكتيكي بالذخيرة الحية تحت "عنوان الوفاء بالعهد"

اللواء السعيد شنقريحة يشرف بالقطاع العملياتي جنوب تندوف على تنفيذ تمرين تكتيكي بالذخيرة الحية تحت "عنوان الوفاء بالعهد"

Gepostet von ‎Télévision Algérienne – المؤسسة العمومية للتلفزيون الجزائري‎ am Dienstag, 5. Mai 2020

Region Tindouf ist das Rückzugsgebiet der Polisario.

Rund um die Stadt Tindouf, im algerischen Teil der auch als Westsahara bezeichneten Region, befinden sich, vier Flüchtlingslager der Sahraouis, in denen ca. 180.000 bis 200.000 Menschen seit 45 Jahren leben. Die Region grenzt an die 1991 in einem Waffenstillstand zwischen der Frente Polisarion und Marokko vereinbarten Pufferzone und damit an den von Marokko als Südprovinzen bezeichneten Teil der Westsahara, der von den Sahrouis beansprucht wird und in dem die Polisario, als militärischer Arm der selbsternannten Demokratische Arabische Republik Sahara agiert. Zugleich grenzt die Region auch unmittelbar an die marokkanischen Provinzen ohne Pufferzone und direktem Grenzkontakt zu Algerien. Angesichts der diplomatisch angespannten Situation zwischen Rabat und Algier, wie auch im Zeichen des noch immer nicht gelösten Konflikts zwischen Marokko und der Frente Polisarion, ein sicherheitspolitisch sensibler Bereich auf der Landkarte.

Tindouf
Quelle Google MAPS – Region Tindouf an der algerisch – marokkanischen Grenze

Massiver Einsatz von schwerem militärischem Gerät.

Bei dem Manöver kam schweres militärisches Gerät zum Einsatz. Der im staatlichen algerischen Fernsehen ausgestrahlte Bericht zeigt den algerischen Armeechef Chengriehas bei der Begutachtung der Erprobung verschiedener Waffensysteme. Erprobt wurden mindesten Raketenwerfer, Panzer, Hubschrauber und andere bewaffnete Fahrzeuge.

Teile des Berichts lassen Vermuten, dass de Streitkräfte relativ Nahe an die marokkanischen Befestigungsanlagen herangerückt waren, insbesondere die Raketenübungen waren auffällig. Die von Marokko aufgeschichteten Grenzsicherungssysteme dienen als faktische Grenze zwischen Marokko und Algerien in der Provinz Tindouf.

Nach der Übung mit dem Titel „Treue zum Eid“ betonte Chengriha „die vitale Bedeutung dieser Militärregion“, berichtete die algerische Presseagentur APS.

Angespannte diplomatische Lage verschärft sich wieder.

Seit Monaten verschärfen sich die Spannungen zwischen Algerien und Marokko wieder. Der im letzten Herbst gewählte algerische Präsident Tebboune verschärfte schon im Wahlkampf aber auch in seiner Antrittsrede den Ton gegenüber Rabat. Algerien ist der größte und wichtigster Unterstützter der Frente Polisario, die von Marokko als separatistische Organisation bezeichnet wird, die danach strebe, die territoriale Integrität des Königreichs zu untergraben. Marokko hatte in den letzten Monaten mehrere diplomatische Erfolge erzielt, die die Position des Landes, im Bezug auf die Westsahara, gestärkt haben. So konnte Rabat mehrere afrikanische Staaten dazu bewegen, diplomatische Vertretungen in Laayoune und Dahkla einzurichten, was man als internationale Zustimmung für die Haltung zu Westsahara bewertet sehen möchte. Algerien hatte die Länder verurteilt. Auch gegenüber dem UNO-Sicherheitsrat gelingt es Marokko, mit Hilfe der USA und Frankreichs, seine Position zu stärken.

Marokko – Konsulat der Republik Burundi in Laayoune eingeweiht.

Neuerlicher diplomatischer Schlagabtausch

Am zweiten Mai 2020 bekräftigte der algerische Präsident, die Unterstützung des größten afrikanischen Flächenlandes für die Frente Polisario. In einem TV-Interview erläuterte der algerische Präsident im staatlichen Fernsehen, dass sein Land, trotz der wirtschaftlichen Folgen der Coronavirus – Pandemie, keine Auslandkredite aufnehmen wird. Während des Interviews sagte Tebboune, Algerien sei ein „freies Land“ und werde weiterhin „Anliegen wie die palästinensische Sache und den Westsahara-Konflikt verteidigen“. Ein Seitenhieb gegenüber dem westlichen Nachbarland, der Kredite beim IWF und der Weltbank aufnehmen will, um das Gesundheitssystem zu stärken und die wirtschaftlichen Folgen der Coronavirus – Pandemie für die Bevölkerung und die Unternehmen zu lindern.

Beim virtuellen Gipfel der Blockfreien Bewegung, am 4. Mai 2020, reagierte der marokkanische Außenminister Nasser Bourita. Er prangerte an, dass Algerien Ressourcen eher für Separatismus und regionale Destabilisierungsakte aufwende, als für die Bekämpfung der COVID-19 Pandemie. Damit bezog es sich, auf die vergleichsweise hohe Zahl an COVID-19 Todesfällen in Algerien, die mehr als doppelt so hoch ist, wie in Marokko.

Außenministerium
Außenminister Nasser Bourita

„Dieses Land nutzt seine Ressourcen nicht, um die prekäre Lage seiner Bevölkerung, im Zusammenhang mit der COVID-19 Pandemie, zu verbessern, sondern lenke sie um, um die regionale Destabilisierung voranzutreiben“, sagte der marokkanische Außenminister vor Diplomaten aus 120 Entwicklungsländern.

Algerien und Marokko gehören zu den größte Käufern von Rüstungsgüter in Afrika.

Bei den beiden Nachbarländern Algerien und Marokko handelt es sich, um zwei hochgerüstete Staaten. In Afrika ist Algerien der größte Rüstungskunde. Dort setzt man, vor allem auf russische Technik. Nach Angaben des Friedenforschungsinstituts SIPRI gibt Algerien jährlich ca. 6% seines Bruttoinlandsprodukts BIP für das Militär aus. Dies waren zuletzt mehr als 10 Milliarden US-Dollar. Marokko gibt ca. 3,1% seines BIP für Rüstungsgüter aus, was ca. 3,8 Milliarden US-Dollar entspricht. Dabei setzt man auf US-Technik und Waffensystem aus Frankreich. Der politische Konflikt beinhaltet daher auch militärisch Risiken. Darüber hinaus behindert er, die wirtschaftliche Integration der gesamten nordafrikanischen Region, was sich auch auf die Entwicklung auswirkt.

Maghreb – Algerien und Marokko steigern Rüstungsausgaben.

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