Marokko – Außenminister Bourita warnt Spanien vor diplomatischer Eiszeit.

Haltung von Minister Bourita von höchster Stelle gedeckt.

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Nasser Bourita
Quelle Außenministerium - Nasser Bourita - Außenminister Marokko im traditioneller Kleidung 2021

Im Interview gegenüber der spanischen Nachrichtenagentur EFE drückt Marokkos Außenminister seine Verärgerung über Spaniens Unterstützung für den Polisario – Führer Ghali und der engen Abstimmung mit Algerien aus.

Rabat / Madrid – Der marokkanische Außenminister Nasser Bourita drückt erneut öffentlich seine Verärgerung über die spanische Regierung aus. Dabei formulierte er die Einschätzung seines Ministeriums in für die Diplomatie seltener Deutlichkeit. In einem Interview, das er der spanischen Nachrichtenagentur EFE gab, verurteilte der Außenminister unmissverständlich die Entscheidung Spaniens, den Polisario – Führer Brahim Ghali aufzunehmen. Nasser Bourita stellte fest, dass die spanische Haltung die Beziehungen zwischen den beiden Ländern schwer belasten könnte.

Marokko – Spannungen zw. Madrid und Rabat durch Aufnahme des Polisario-Führers Ghali.

Dies ist ein aussagekräftiges Interview, das der Außenminister Nasser Bourita der spanischen Nachrichtenagentur EFE gab. Ein Interview, das vor dem Hintergrund der Spannungen zwischen Marokko und Spanien erscheint, da Madrid kürzlich den Anführer der Polisario, Brahim Ghali, zwar aus „humanitären Gründen“ aufgenommen haben will, damit er in einem spanischen Krankenhaus behandelt werden kann, dies aber versuchte zu verheimlichen. In diesem Interview wies Nasser Bourita zunächst darauf hin, dass er keine „zufriedenstellenden und überzeugenden Antworten“ auf die vielen Fragen erhalten habe, die vom marokkanischen Außenministerium in einem am 25. April veröffentlichten Kommuniqué an seinen spanischen Amtskollegen gerichtet wurden.

Mangels einer Antwort stellt Nasser Bourita die Frage, ob Spanien „seine bilateralen Beziehungen“ mit Marokko opfern will. Bourita bedauert in dem Interview auch, dass Madrid sich nicht dazu entschlossen hat, Marokko vor der Aufnahme des Polisario-Führers zu konsultieren, sondern es vorzog, seine Aktionen mit den „Gegnern des Königreichs“ (Anm. des Autors gemeint ist Algerien u. die Frente Polisario) zu „koordinieren“. Spanien hat, nach bisherigen Erkenntnissen, dem Polisario – Führer, der auch vom internationalen Gerichtshof per Haftbefehl gesucht wird, auf bitten Algeriens die Einreise gestattet und akzeptierte dabei algerische Ausweispapiere mit falschem Namen. Zugleich soll der spanische Premierminister Sanchéz persönlich die Zusicherung gegeben haben, dass dem Polisario – Führer in Spanien keine strafrechtliche Verfolgung droht, womit er nicht nur die internationalen Haftbefehle missachtet, sondern auch die Anklagen von spanischen Bürgern, vornehmlich von den kanarischen Inseln, die Ghali wegen Attentaten und Folter beschuldigen.

Marokko – Außenministerium bestätig Einbestellung des spanischen Botschafters.

Für den Außenminister ist diese Krise zwischen den beiden Ländern ein echter Test für ihre bilateralen Beziehungen. „Wir werden sehen, ob die Realitäten und die Aufrichtigkeit unserer Beziehung nicht nur aus Floskeln bestehen“, warnte der Minister, der daran erinnerte, dass Marokko Spanien im Angesicht der katalanischen Unabhängigkeitsbestrebungen unterstützt hat.

„Als Spanien mit dem Separatismus konfrontiert war, war Marokko auf höchster Ebene sehr klar. Wir lehnten jeden Kontakt und jede Interaktion mit ihnen ab und informierten gleichzeitig unsere Partner. Als sie darum baten, empfangen zu werden, forderten wir die Anwesenheit eines Vertreters der spanischen Botschaft“, sagte Nasser Bourita.

Keine „Beziehung à la carte“

Für Nasser Bourita hat Spanien, indem es zustimmte, Brahim Ghali aufzunehmen, auch entschieden, „ein Auge zuzudrücken“ bei den „Gräueltaten“, derer der Polisario – Führer beschuldigt wird. „Er ist ein Vergewaltiger, der Versklavung, Folter, den Einsatz von Kindersoldaten und Völkermord geduldet hat, und Spanien wisse das besser als jeder andere. Will Spanien seine Beziehungen zu Marokko für diese Person opfern?“ Zumal sich Madrid für Nasser Bourita nicht für eine „Beziehung à la carte“ mit Marokko entscheiden kann, wenn die Verbindungen zwischen den beiden Ländern „politisch, wirtschaftlich, kommerziell, menschlich und sicherheitstechnisch“ sein sollen. „Wenn es um Intrigen mit Algerien und der Polisario geht, ist Marokko vom Radar verschwunden, aber wenn es darum geht, über Migration oder Terrorismus zu sprechen, wird Marokko wieder wichtig“, fasste der Diplomat verärgert zusammen.

Jenseits der marokkanisch-spanischen Krise ist der Krankenhausaufenthalt von Brahim Ghali für Nasser Bourita ein Beweis für das „doppelte Gesicht“, das die Polisario zeigt. „Ihre Anführer haben das Recht auf ein Privatflugzeug und eine falsche Identität, während die Bevölkerung in Tindouf nicht einmal Zugang zu hydroalkoholischen Gelen hat, obwohl sie in völliger Teilnahmslosigkeit unter Covid leidet“, prangerte der Außenminister an.

Haltung von Minister Bourita von höchster Stelle gedeckt.

Der parteilose Nasser Bourita ist zwar Mitglied der marokkanischen Regierung unter Premierminister Saad- Eddine El Othmani, doch traditionell ist die marokkanische Außenpolitik uneingeschränktes Einflussgebiet des königlichen Kabinetts und von König Mohammed VI. Dies wurde zuletzt wieder deutlich, als Marokko sich dazu entschlossen hat, die Beziehungen zu Israel zu normalisieren, obwohl die islam-konservative Regierungspartei PJD, deren Parteivorsitzender der amtierende Premierminister ist, die neue Haltung zu Israel nicht unterstützen wollte. Auch die zum Ausdruck gebrachte Haltung und Verärgerung gegenüber Spanien, die der Außenminister Bourita gegenüber EFE formulierte, wird daher vorab mit den Beratern des Königs oder mit König Mohammed VI. abgestimmt gewesen sein.

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