Marokko – Deutliche Verschlechterung auf dem Arbeitsmarkt.

Großteil der Arbeitslosigkeit konzentriert sich auf lediglich fünf Regionen Marokkos

2001
Arbeitslosigkeit
Arbeitslosigkeit weiterhin größtes Armutsrisiko.

Zahl der Arbeitslosen steigt um ca. 33 % gegenüber dem vergleichbaren Vorjahreszeitraum.

Rabat – Die Arbeitsmarktzahlen zu Beschäftigung und Arbeitslosigkeit im dritten Quartal 2020, die am Dienstag, 3. November 2020, von der Hohen Kommission für Planung HCP veröffentlicht wurden, zeigen eine Verschlechterung auf allen Ebenen. Der Arbeitsmarkt wird durch zwei voneinander unabhängigen aber sich verstärkenden Faktoren belastet, auf die die Politik und die Wirtschaft kaum Einfluss nehmen können. Zum einen belastet die Gesundheitskrise durch die weltweite COVID-19 Pandemie die Wirtschaft und zum anderen ist der marokkanische Primärsektor, die Landwirtschaft, von einer ausgedehnten Dürre betroffen.

Mehr als eine halbe Million weniger Arbeitsplätze.

581.000 Arbeitsplätze gingen zwischen dem dritten Quartal 2019 und dem gleichen Zeitraum im Jahr 2020 verloren. Das Beschäftigungsvolumen beläuft sich nun auf insgesamt 10,16 Millionen Arbeitsplätze. Die Beschäftigungsquote der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter (15 Jahre und älter) sank um 2,8 Prozentpunkte auf 37,9 % (61,9 % bei Männern und 14,7 % bei Frauen). Die Arbeitsplatzverluste beliefen sich auf 260.000 im Dienstleistungssektor, 258.000 in der Landwirtschaft und Fischerei, 61.000 in der Industrie, einschließlich des Handwerks, und 1.000 im Baugewerbe.

Arbeitslosigkeit steigt um 33 % gegenüber Vorjahreszeitraum

Die Zahl der Arbeitslosen ist um 33 % gestiegen, so das HCP in seinem Bericht, d.h., von 1,11 Millionen auf 1,48 Millionen Betroffene. Das sind ca. 368.000 mehr Arbeitslose in einem Jahr. Die Arbeitslosigkeit steigt insbesondere in Städten bzw. Ballungszentren (+276.000).

Die Arbeitslosenquote stieg um 3,3 Prozentpunkte auf 12,7% (6,8 % in ländlichen Gebieten und 16,5 % in städtischen Gebieten). Sie stieg um 3,7 Prozentpunkte bei den Frauen (17,6 %), um 5,6 Prozentpunkte bei den jungen Menschen zwischen 15 und 24 Jahren (32,3 %) und um 3,2 Prozentpunkte bei den Hochschulabsolventen (18,7 %).

Großteil der Arbeitslosigkeit konzentriert sich auf lediglich fünf Regionen Marokkos

Fünf Regionen konzentrieren 75 % der Arbeitslosen auf sich. Das sind Casablanca-Settat, Rabat-Salé-Kénitra, Fès-Meknès, Region L’Oriental und Tanger-Tétouan-Al Hoceima. Die höchsten Arbeitslosenquoten gibt es in den Regionen L´Oriental, südlichen Provinzen, Casablanca-Settat, Drâa-Tafilalet und Fès-Meknès.

Arbeitslosigkeit
Arbeitslosigkeit nach Regionen in Prozent Q3 2020 Quelle HCP

Darüber hinaus sank auch die Erwerbsquote (beschäftigt oder arbeitssuchend), um -1,4 Prozentpunkte auf 43,5 %, wobei 69,9 % der Männer und nur 17,8% der Frauen zur beschäftigten oder suchenden Bevölkerungsgruppe gehören.

Zahlen werden häufig kritisiert.

Die offiziellen marokkanischen Arbeitslosenzahlen werden häufig kritisiert und angezweifelt. Die wahrgenommene (gefühlte) Lage auf dem Arbeitsmarkt wird von den Menschen im Königreich deutlich schlechter bewertet, als die Statistik vermeintlich dies ausweist. Es ist tatsächlich nicht abzustreiten, dass es eine nicht erfasste Arbeitslosigkeit gibt, ähnlich dem unterschätzten Ausmaß der sog. informellen Beschäftigung. Diese stellte sich im Rahmen der COVID-19 Finanzhilfen als vier Mal so groß heraus, als zuvor von der HCP dargestellt. Bezieht man das große Potential der arbeitsfähigen, nicht selten hoch gebildeten und häufig resignierend sich in die häusliche Umgebung zurückgezogene Frauen in die Kalkulation ein, würde sich die Quote deutlich verändern. Ähnliches gilt, wenn man unterstellt, dass Menschen die im sog. informellen Arbeitsmarkt (Tagelöhner und ähnliches) bei entsprechender Gelegenheit eine Stelle im regulären Arbeitsmarkt annehmen würden (unfreiwillige Selbstständigkeit). Auch hier würde sich die Situation deutlich schlechter darstellen. Nicht wenige fordern eine Anpassung der statistischen Definitionen, so dass die mutmaßliche Realität besser erfasst wird. Zugleich muss bedacht werden, dass Menschen nur dann von der Statistik erfasst werden können, wenn die entsprechenden Stellen auch von den betroffenen über die eigene Situation informiert werden.

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