Marokko – Es drohten Bombenanschläge und Selbstmordattentate – Terrorzelle noch rechtzeitig aufgeflogen.

Mögliches Anschlagsdatum 11. September.

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BCIJ
BCIJ Marokkanische Bundespolizei

Chef des BCIJ erläutert Hintergründe zum Anti-Terroreinsatz in vier Städten des Landes am vergangenen Donnerstag.

Rabat – Immer wieder melden die marokkanischen Sicherheitsbehörden die Zerschlagung mutmaßlicher Terrorzellen. Teilweise im Monatsrhythmus wurden in 2019 Verhaftungen im islamistischen vermeintlichen Terrorumfeld des IS vorgenommen und die Ergebnisse in Pressemeldungen vorgestellt. Danach hat man von den Verhafteten kaum mehr was gehört und auch die Ergebnisse der Ermittlungsverfahren werden selten öffentlich bekanntgegeben. Viele werden in aller Stille vom für Terrorismusbekämpfung zuständigen Gericht in Salé verurteilt und eingesperrt.

Allerdings kam es ebenfalls nur selten vor, dass die verantwortlichen Chefs der Sicherheitskräfte nach einem Anti-Terroreinsatz vor die Presse getreten sind, um die Hintergründe zu erläutern. Daher ist die gestrige Pressekonferenz ein Indiz dafür, dass bei dem Zugriff am vergangenen Donnerstag ein ernstzunehmender drohender Terroranschlag vereitelt wurde. „Insgesamt wurden fünf Verdächtige in Tanger, Tiflet, Témara sowie Skhirat im Alter zwischen 29 und 43 Jahren festgenommen, darunter ein Maler, ein Landwirt, ein Klempner, ein Fischhändler und ein Zimmermann.

DGSN
Festnahme eines Verdächtigen durch Einheiten des BCIJ und DGSN

BCIJ-Chef vergleicht Gefahrenlage mit Anschlägen von Casablanca 2003.

Dass es sich, um einen wichtigen Einsatz gehandelt hat, wurde bereits am Donnerstag deutlich, als Medien die Anwesenheit des Chefs der marokkanischen Geheimdienste an einem der Einsatzorte dokumentierten.

Geheimdienst
Quelle 2M.TV – Chef der marokkanischen Geheimdienste, Abdellatif Hammouchi, bei Einsatz vor Ort

Auf einer Pressekonferenz am Freitag, dem 11. September 2020 im BCIJ-Hauptsitz, erörterte der Generaldirektor der Behörde, Abdelhak Khiame, in Anwesenheit des Sprechers der DGSN, des Kommissars für Terrorismusfragen und des Leiters des kriminaltechnischen Labors die Verhaftung der Zelle am Donnerstag, dem 10. September 2020.

BCIJ
BCIJ – Chef Abdelhak Khiame 2020

In seinen Erläuterungen sprach der Chef des BCIJ von geplanten Bombenanschlägen und Selbstmordattentaten in vier Städten, deren Vorbereitung  sich im finalen Stadium befunden haben soll. Nach seiner Ansicht wären die Folgen der Anschläge mindesten vergleichbar gewesen, wie nach den Anschlägen vom 16. Mai 2003 in Casablanca. „Hätten die geplanten Aktionen Erfolg gehabt, hätte es viele Opfer gegeben, weil sie gleichzeitig in mehreren Städten mit den Mitgliedern aus Tanger, Tiflet, Témara und Skhirat stattfinden sollten.“

In Casablanca 2003 führten 12 Selbstmordattentäter mehrere koordinierte Selbstmordanschläge auf jüdische Einrichtungen und Orte „westlicher“ Lebensart aus, wobei 33 Menschen starben.

Beschlagnahmte Materialien deuten auf kombinierten Bombenanschlag und Selbstmordattentate hin.

„Was die im Haus von Témara beschlagnahmten Gegenstände betrifft, so haben wir mehrere gefunden, die für die Herstellung von Sprengstoff notwendig sind, eine große Menge Messer (Äxte, große Messer), Ferngläser, verschiedene Gaskanister, Hauben, große Schnellkochtöpfe, Nägel …

Sprengstoffwesten
bei Durchsuchungen aufgefundene Sprengstoffwesten und Materialien zum Bombenbau.

aber die schwerwiegendste Entdeckung war die von 3 Sprengstoffwesten, einsatzbereit, um Selbstmordattentate zu begehen“, so Abdelhak Khiame in seiner Erklärung. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Verdächtigen bereit waren, sich selbst in die Luft zu sprengen, um so viele Menschen wie möglich bei gezielten Angriffen zu töten, obwohl das genaue Ziel des Anschlags noch nicht festgelegt war.“ (…) „Die beschlagnahmten Gegenstände wurden an unser kriminaltechnisches Labor geschickt, um ihren Verwendungszweck zu überprüfen, aber unsere vorläufigen Ergebnisse deuten darauf hin, dass einige von ihnen wahrscheinlich dazu bestimmt waren, eine selbstgebaute Bombe in einem Schnellkochtopf herzustellen, und der Rest wurde bereits verwendet, um Westen mit Sprengstoff zu füllen.

Noch keine Nachweise für eine ausländische Finanzierung der Gruppe.

„Nach den Vernehmungen, die heute Morgen begonnen haben (Anm. des Autors – Freitag 11. September 2020), werden wir sicherlich mehr wissen, aber wir glauben, dass es ihr Anführer war, der sich um die gesamte Logistik gekümmert hat, denn er ist derjenige, der das für die Herstellung der Westen und der Bombe benötigte Material beschafft und zusammengestellt hat.“ (…) „Seine rechte Hand, die in Tiflet verhaftet wurde, hatte die Aufgabe, die Gruppe zusammenzuhalten und weitere mögliche Unterstützer in ganz Marokko zu rekrutieren, die sie hätten aufsuchen können. Die Vernehmungen werden es ermöglichen, eine eventuelle internationale Verbindung der Zelle mit den operativen Elementen von Daech (ISIS) zu bestimmen. In diesem Stadium der Untersuchung glauben wir, dass die Finanzierung der geplanten Angriffe durch die Beiträge der fünf Personen erfolgte, die verhaftet wurden, während sie darauf hofften, weitere Finanzquellen zu erschließen.“

Bombenanschlag und Selbstmordattentate gegen hochrangige Regierungsbeamte geplant.

„Vor dem Hintergrund, dass wir ihre Aktionen seit einiger Zeit genau beobachtet hatten, trafen wir die Entscheidung, sie zur Verantwortung zu ziehen, nachdem uns klar geworden war, dass sie kurz vor einer bevorstehenden Aktion standen.“, so der Chef des BCIJ in seiner Stellungnahme weiter. „Neben der Zivilbevölkerung müssen die Hauptziele hochrangige Staatsbeamte gewesen sein, insbesondere hohe Offiziere der Armee, der Gendarmerie und vor allem der nationalen Sicherheit. Deshalb gingen unsere Einsatzkräfte am Donnerstag, dem 10. September, sehr früh in die Häuser aller Verdächtigen, um sie zu verhaften und alle Waffen zu beschlagnahmen.“

Mögliches Anschlagsdatum 11. September.

Auf die Frage eines anwesenden Journalisten, ob das Datum des 11. September 2001 (Anschläge in New York) und das Zugriffsdatum (10.9.) nicht bedeuten, dass die Anschläge für Freitag, den 11. September geplant gewesen seien, antwortete der Chef des BCIJ, dass es sich, um einen Zufall handele, und fügte hinzu, dass die Verhaftung später hätte erfolgen können, wenn nicht Hinweise auf das Bevorstehen von Terroranschlägen den Ablauf der Ereignisse beschleunigt hätten.

Diese Erklärung lässt jedoch immer noch das plausible Szenario zu, dass die Anschläge tatsächlich am Freitag, dem 11. September hätten stattfinden sollen. Dies gilt umso mehr, als Boubker Sabik, Sprecher des DGSN, offenbarte, dass die Zelle nur wenige Stunden bis zu einigen Tagen vor der Umsetzung gestanden habe.

BCIJ stuft die Terrorzelle als besonders gefährlich ein.

Auf Nachfrage eines weiteren Journalisten, der von der fehlenden Entdeckung von Schusswaffen überrascht war, sagte Sabik, dass diese Zelle trotzdem sicherlich eine der gefährlichsten sei, die das BCIJ je verhaftet habe, weil sie wegen ihrer selbstmörderischen Entschlossenheit viele Opfer hätte fordern können. Abschließend fügte der Direktor hinzu, dass es bis zum Abschluss der Vernehmungen nicht ausgeschlossen sei, dass weitere Komplizen sowohl in Marokko als auch anderswo verhaftet würden.

Link gesamte Pressekonferenz hier klicken)

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